Bereits seinen dritten Bundesligaeinsatz binnen 12 Tagen feierte Bayer 04-Talent Florian Wirtz am vergangenen Freitag. Der erst 17-Jährige Mittelfeldspieler scheint innerhalb weniger Wochen im Profikader der Werkself angekommen zu sein. Demgegenüber steht der teuer eingekaufte Paulinho weiter außen vor. Was bedeutet dies für die Zukunft?


Bereits im Sommer 2018 schnappte sich Leverkusen den damals 18-jährigen Paulinho. Für satte 18,5 Millionen Euro wagte eines der größten brasilianischen Talente den Schritt nach Europa. Nach fast zwei Jahren Deutschland fällt das Fazit allerdings ernüchternd aus. Einem einzigen Startelfeinsatz in der Bundesliga (!!!) stehen 23 Kurzeinsätze gegenüber. In jenem Spiel von Beginn an (4:0 gegen Eintracht Frankfurt) sorgte der junge Wirbelwind allerdings gleich für drei Scorerpunkte. Dennoch, für Paulinho scheint bislang immer noch kein Platz im Leverkusener Starensemble zu sein.


Wirtz überzeugt und macht Lust auf mehr


Daher verwundert es doch ein wenig, dass Wirtz, der erst im vergangenen Winter aus Köln geholt wurde und bislang lediglich U17-Erfahrungen sammeln durfte, sich unmittelbar durchsetzen konnte. In den vergangenen vier Partien stand er zweimal in der Startelf, einmal wurde er zur Halbzeit eingewechselt.


Der 17-Jährige konnte dabei durchaus für Eindruck sorgen. In Leverkusen ist man froh, sich das deutsche Toptalent geschnappt zu haben. Doch die Entscheidungen von Trainer Peter Bosz, das Talent so schnell in den Profikader zu integrieren und ihm Einsätze zu geben, überrascht den ein oder anderen Bayerfan. Ist es doch genau das, was Bosz bislang oft vermied.


Der Niederländer ist für seinen behutsamen, aber gleichzeitig zögernden Umgang mit Talenten bekannt. Vielmehr steht eine gute Kommunikation für Ihn im Vordergrund. Die Zeit der jungen Spieler werde kommen, aber eben noch nicht jetzt, so könnte die Devise von Bosz lauten.


Was hat also Wirtz, was Paulinho möglicherweise nicht hat? Mehr spielerische Qualität? Mehr Wille? Mehr Professionalität? Passt er besser ins Spielsystem?


Wann kommt Paulinho endgültig in Leverkusen an?

Kaum eine dieser Fragen kann man von Außen klar beantworten. Niemand weiß, wie die bereits angesprochene innere Kommunikation im Verein verläuft. Was wurde mit Wirtz, was mit Paulinho vereinbart? Fakt ist jedoch, dass die plötzliche Berücksichtigung von Wirtz sicherlich frustrierend für Paulinho sein dürfte. Während er über fast zwei Jahre lang für jeden Einsatz kämpfen muss, wird Wirtz die Eingliederung in den Profikader deutlich vereinfacht.


Bei manch einem Fan stößt inzwischen das ständige Ignorieren von Paulinhos Qualitäten sauer auf. Der 19-Jährige ist Fanliebling und Sympathieträger. Wirklich jeder gönnt ihm den endgültigen Durchbruch, der nach seiner Leistungsexplosion gegen Frankfurt schon so nah schien. Nach der Coronapause allerdings ist davon kaum noch was zu sehen.


Zukunft von Paulinho ungewiss


Für Bosz scheint es aktuell noch kein Wirtz UND Paulinho, sondern nur ein Wirtz ODER Paulinho zu geben. Möglicherweise kam der Brasilianer schlecht aus der wochenlangen Isolation. Klare Antworten über den Umgang mit dem Talent gibt es kaum. Sicher scheint nur, dass die Liaison zwischem dem Brasilianer und der Werkself bald ein jähes Ende nehmen könnte.


Ein drittes Jahr Bank wird sich ein junger Spieler kaum noch aufschwatzen lassen. Für seine Entwicklung braucht Paulinho Einsätze, sei es in Leverkusen oder eben woanders. Die Spannweite möglicher Szenarien ist breit gefächert. Zum einem könnte er nach möglichen Abgängen im Sommer im internen Positionskampf deutlich profitieren (u.a. Leon Bailey steht vor einem Abgang), zum anderen sind eine Leihe oder gar ein Verkauf im Bereich des Möglichen.


Hat Paulinho überhaupt noch Lust auf Bayer 04, nachdem ihm nun ein zwei Jahre jüngerer Konkurrent vor die Nase gesetzt wurde? Auch diese Frage bleibt erstmal unbeantwortet. Die nächsten Wochen und Spiele werden für die Antwort allerdings entscheidend sein.


Talente vergraulen kann keine Lösung sein - Wirtz als Beispiel für gelungene Teenager-Integration


Peter Bosz sowie die Verantwortlichen sollten sich ebenso mit all diesen Fragen auseinandersetzen. Eine Berücksichtigung von Wirtz sollte auch in Leverkusens Edel-Kader keine Aufstellung von Paulinho ausschließen, zumal die Werkself in den vergangenen Spielen durchaus müde und ideenlos agierte. Warum dann nicht noch weiteren frischen Wind aus dem Kader bringen?


Die Werkself muss in dieser Hinsicht dringend die richtige Balance finden. Man agiert hier nicht nur auf Ebene von Formationen, Positionen und Formstärken, sondern auch mit (jungen) Menschen, deren Karrieren bereits jetzt auf dem Spiel stehen.


Dass Florian Wirtz schon jetzt so schnell der Anschluss gelang, ist nach Kai Havertz, Julian Brandt oder auch Benjamin Henrichs ein gutes Leverkusener Beispiel, dass eine Integration junger Talente ins Team durchaus möglich ist. Und auch bei Paulinho herrscht noch die stille Hoffnung, dass dieser Schritt noch kommen mag. Es wäre ihm zu wünschen.