Der FC Bayern geht in der Causa Alaba als starke Partei hervor, die nicht alles mit sich machen lässt und konsequent einen Schlussstrich zieht, wenn in Vertragsgesprächen keine Einigung in Aussicht ist. So einfach ist die Thematik aber nicht - denn es ist nicht das erste Mal, dass ein verdienter Spieler über mangelnde Wertschätzung klagt.


Am Sonntagabend verkündete Präsident Herbert Hainer, dass der FC Bayern sein Vertragsangebot für David Alaba zurückgezogen hat. Eine Verlängerung ist somit vorerst vom Tisch, ab Januar könnte der Innenverteidiger demnach frei mit anderen Klubs verhandeln und eine neue Herausforderung ab der Saison 2021/22 annehmen. Gleichzeitig ging er zunächst als Sündenbock hervor, der gemeinsam mit seinem Berater Pini Zahavi, den Uli Hoeneß im September als "geldgierigen Piranha" betitelt hatte, trotz der Corona-Krise um jeden Cent gefeilscht hat und so viel Geld wie möglich herausschlagen wollte.

Der FC Bayern wurde dagegen prompt gefeiert. Die Konsequenz des eigenen Handelns verdeutliche, dass man keine Spielchen mit sich spielen lasse, man sei sich diesen schwierigen finanziellen Zeiten bewusst und lasse daher auch verdiente Spieler ziehen, wenn diese zu weit gehen und keinen Schritt auf den Verein zugehen. Diese Darstellung kann Alaba verstehen, wie er auf der Pressekonferenz betonte. Denn es ist eben nur eine von zwei Seiten, die sich öffentlich so deutlich geäußert hat. Doch was der Öffentlichkeit preisgegeben wird, steht auf einem anderen Blatt Papier als das, was hinter den Kulissen wirklich stattgefunden hat.


Beim FC Bayern rumort es immer häufiger


Rund um den FC Bayern ist es in der Vergangenheit häufiger unruhig geworden. Das betraf einerseits den Transfersommer 2019, andererseits die Trainersuche nach der Entlassung von Niko Kovac, im Rahmen derer Arsene Wenger sich dazu gezwungen sah, den Trainerposten öffentlich abzulehnen. Gleichzeitig drückte er seine Verwunderung darüber aus, dass die über viele Jahre positiv hervorgehobene Professionalität des Vereins schwinde - denn das, was sonst unter vier Augen besprochen wurde, wird mittlerweile reihenweise öffentlich thematisiert.

Das betraf auch die Vertragsverlängerung von Manuel Neuer, die von vielen Gerüchten um irre Summen begleitet wurde. Angeblich soll der Kapitän einen Fünfjahresvertrag samt Salär in Höhe von 20 Millionen Euro per annum gefordert haben. Berichtet wurde außerdem, dass Lucas Hernandez, im Sommer 2019 für 80 Millionen von Atlético Madrid verpflichtet, wegen seines angeblichen Gehalts, das damaligen Gerüchten zufolge 24 Millionen Euro betragen soll, eine regelrechte Diskussion in der Kabine ausgelöst habe.

Hernandez' Berater dementierte die kolportierte Summe, auch Neuer und sein Berater Thomas Kroth verneinten die Forderungen, die in der Presse längst ihre Runde gemacht hatten. Vielmehr sprachen sie von mangelnder Wertschätzung und klagten darüber, dass (angeblich falsche) Informationen aus vertraulichen Gesprächen an die Öffentlichkeit gelangt waren: "Nie ist etwas nach außen gedrungen. Jetzt aber stehen ständig Details aus den aktuellen Gesprächen in den Medien, die oft nicht einmal stimmen", sagte Neuer im April gegenüber BILD. "Das kenne ich so nicht beim FC Bayern. [...] Wenn jetzt Sachen offenbar gezielt nach außen getragen werden, ist das auch etwas, das den Bereich 'Wertschätzung' betrifft".


Parallelen zum Fall Neuer


In der Causa Alaba geht es über kolportierte Gehaltssummen und Vertragslaufzeiten hinaus. Die Klubverantwortlichen schossen mehr als einmal gegen Zahavi und Alabas Vater George und betonten, dass alle involvierten Parteien aufgrund der Corona-Krise Abstriche machen müssten (via Sport Bild): "Bei den Gehältern zumindest im Spitzenbereich scheint zumindest der eine oder andere Berater noch der Meinung zu sein, dass draußen trotz Corona noch die Sonne hell scheint", sagte etwa Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. Auch Ex-Präsident Uli Hoeneß und Sportdirektor Hasan Salihamidzic kritisierten Zahavi scharf, woraufhin ein öffentliches Wortgefecht entfachte.

Alaba selbst hielt sich in der Öffentlichkeit zurück, beklagte jedoch, dass die Vertragsgespräche in der Presse thematisiert wurden. Als Hainer am Sonntagabend verkündete, dass der Verein das Angebot zurückzieht, sah er sich am Montag auf der Pressekonferenz vor dem Champions-League-Spiel gegen RB Salzburg zu einer Stellungnahme gezwungen. Er habe "aus den Nachrichten erfahren", dass das Angebot vom Tisch ist und sei "enttäuscht und verletzt darüber, dass von offizieller Seite die Gehaltsforderungen nicht dementiert wurden". Im Interview mit Sky betonte er zudem, dass Geld in den Verhandlungen keine Rolle spiele, vielmehr gehe es ihm um Wertschätzung seitens des Klubs - doch die habe bereits bei einer ersten Offerte, die vor einem Jahr eingereicht worden sei, gefehlt.


Über welche Form von Wertschätzung klagt David Alaba?

Der Österreicher könne verstehen, dass die Fans aufgrund der öffentlichen Darstellung wütend auf ihn seien, die Vorwürfe würden seien jedoch falsch: "Internes sollte intern bleiben. Meine Person in der Öffentlichkeit so darzustellen, entspricht nicht der Wahrheit."


Die Bayern spielen doch Spielchen - und was ist mit dem Tauschgeschäft?


Nach Neuer klagt also auch Alaba über fehlende Wertschätzung und darüber, dass angeblich falsche Zahlen in den Medien kursieren und der Verein nicht dagegen vorgeht. Doch was ist mit der von Hainer erwähnten Deadline? "Wir werden David kein Ultimatum setzen, wir werden da keine Spielchen spielen", sagte Salihamidzic Mitte Oktober gegenüber dem kicker - plötzlich aber wollte man bis Monatsende eine Entscheidung.


Das Wort von Hasan Salihamidzic wurde offenbar nicht eingehalten

Davon habe Alaba aber erst eine Woche zuvor erfahren, wie er am Montag beteuerte (via Sport1): "Ich habe direkt nach den Gesprächen gesagt, dass ich in sieben Tagen mir nicht diese Gedanken machen kann, um eine Entscheidung zu treffen. Wir hatten drei Spiele in sieben Tagen."

Der anstrengende Herbst ist wahrlich nicht der günstigste Zeitpunkt für einer derartige Entscheidung - gleichwohl war bereits seit längerer Zeit bekannt, dass die Bayern ihr Angebot nicht nachbessern würden. Demzufolge hatte Alaba auch mehr als eine Woche Zeit.

Unklar ist jedoch auch, von wem das von Alaba erwähnte Tauschgeschäft, das Medienberichten zufolge zwischen den Münchnern und Manchester City im Zuge des Transfers von Leroy Sané thematisiert wurde, initiiert worden ist. Laut tz stammte die Idee von Zahavi, laut BILD waren die beiden Vereine die Initiatoren. Davon wollte Rummenigge aber nichts wissen: "Das ist Grimms Märchen und hat nichts mit der Realität zu tun", wurde er im Frühjahr von der tz zitiert.


Es ist nicht Schwarz-Weiß


Es steht Aussage gegen Aussage, beide Parteien haben ihre Sicht der Dinge. Was stimmt, weiß nur, wer an den Gesprächen hinter den Kulissen beteiligt ist. Fernab davon muss gesagt werden, dass es nicht unüblich ist, dass sich ein Spieler und der Verein nicht auf einen neuen Vertrag einigen, weil beide Parteien unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der sportlichen Perspektive, des Gehalts oder der Vertragslaufzeit haben. Ausgenutzt haben die Bayern derartige Unstimmigkeiten nicht zuletzt bei Robert Lewandowski, Leon Goretzka und Alexander Nübel.


Insbesondere Karl-Heinz Rummenigge sollte wissen, dass Uneinigkeiten bei Vertragsgesprächen üblich sind

Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum Alaba die von ihm gewünschte Wertschätzung - egal in welcher Form auch immer - nicht einfordern sollte. Der Abwehrchef spielt seit 2008 für den FC Bayern, gehört seit vielen Jahren zur Stammformation und war an beiden Triple-Erfolgen maßgeblich beteiligt. Hansi Flick schwärmt nicht grundlos in aller Regelmäßigkeit von ihm, Rummenigge hat ihn nicht umsonst als "schwarzen Beckenbauer" geadelt. Woran es dann in den Verhandlungen hakt, kann von außen nicht erklärt werden.

Darüber hinaus ist es bereits zum zweiten Mal der Fall, dass eine Vertragsverhandlung zur öffentlichen Debatte wird. Und von den fünf Spielern, deren Verträge im Frühjahr bis 2021 datiert waren, haben nur Neuer und Thomas Müller verlängert. Thiago ist zum FC Liverpool abgewandert, bei Alaba ist keine Einigung in Sicht und mit Jerome Boateng wurden noch keine Gespräche geführt.

Wollen die Münchner ein derartiges Chaos im kommenden Jahr vermeiden, müssen die Gespräche mit Niklas Süle, Leon Goretzka und Corentin Tolisso so schnell wie möglich aufgenommen und hinter den Kulissen geführt werden. Die Verträge des Trios enden 2022, folglich würden sie im kommenden Sommer in ihr letztes Vertragsjahr gehen. Öffentliche Fehden wie bei Neuer und Alaba schaden aber sowohl den Spielern als auch dem Klub; denn es ist ein Zeichen mangelnder Professionalität, sich vor aller Welt zu streiten.