Werders Aufsichtsratschef Marco Bode entgegnet allen Kritikern und schaut positiv auf die neu gestartete Spielzeit - trotz existenzbedrohender Lücke im Bremer Mittelfeld und ohne ausreichender Verstärkung für den bevorstehenden Abstiegskampf. Ein Kommentar zu den (fragwürdigen) Aussagen des 51-Jährigen.


Tumult zwischen Fans und Klub - in Bremen eine Rarität. Der Geduldsfaden des grün-weißen Fanlagers ist für gewöhnlich ziemlich lang. Erfolgsfans hat der Klub kaum. Nach vielen Jahren im sportlichen Niemandsland sowie der vergangenen Katastrophensaison, in der man gar um den Abstieg rang, wirklich kein Wunder. Dennoch scheint der Faden nun auch am Osterdeich zu reißen. Mit der Transferpolitik der Verantwortlichen ist man alles andere als zufrieden. In den Medien prallt der grün-weiße Transfersommer auf große Kritik. Eine desaströse Kommunikation, fehlende Transparenz, leere Versprechen sowie eine ärgerliche, vermeidbare Misswirtschaft wird dem SV Werder rundum Sportdirektor Frank Baumann vorgeworfen.



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Werder-Boss Bode kann die harte Kritik nur bedingt verstehen. "Weil wir einen – zugegeben sehr guten – Spieler wie Klaassen verloren haben, bedeutet das doch nicht automatisch, dass wir nur noch gegen den Abstieg spielen. Wir sparen uns nicht in die Zweite Liga. Wir haben immer noch eine wettbewerbsfähige Mannschaft", entgegnete der 51-Jährige allen Kritikern und fügte im Gespräch mit der Deichstube leicht genervt hinzu: "Wenn sich jetzt jemand wundert, dass wir in unserer Situation keinen Marko Grujic aus der Premier League holen können, dann verstehe ich die Welt nicht mehr."


Kein Grujic? Ok - aber wo blieb der versprochene Sechser?


Gewundert hat sich darüber in der Hansestadt allerdings niemand. Das Gerücht um eine potenzielle Leihe des zweijährigen Hertha-Akteurs (mittlerweile per Leihe zu Porto) kam ohnehin äußerst überraschend. Erwartet hat ihn deshalb auch niemand. Die Bremer Fans wissen um die finanzielle, besorgniserregende Situation ihres Klubs. Wenn in den Wochen zuvor allerdings permanent von einer Verstärkung für die Sechs die Rede war, dann sollte klar sein, dass ein jeder Fan den Kopf in den Sand steckt, sobald er liest, dass nichts mehr passieren wird. Zumal "Deadline-Day-Frank", wie Chefcoach Florian Kohfeldt seinen Kollegen liebevoll und zugleich ironisch betitelte, in den vergangenen Jahren immer einen Transfercoup auf Lager hatte.


Serge Gnabry kam im Sommer 2016 auf den aller letzten Drücker zum SVW - ein Last-Minute-Coup blieb diesmal aus

Spätestens im Zuge des Abgangs von Davy Klaassen war eigentlich klar, dass ein adäquater Ersatz an Land gezogen werden muss. Der holländische Mittelfeldmotor sorgt für ein existenzbedrohendes Loch im ohnehin dürren Mittelfeld des Bundesligisten. Sobald die Verletztenmisere der vergangenen Spielzeit in ihre zweite Runde geht, möge man sich die sportlichen Folgen gar nicht erst vorstellen.
Ein Großteil der Kritiker bemängelt die fehlende Kreativität von Baumann und Co. Seit knapp zwei Jahren setzen die Verantwortlichen immer wieder auf das gleiche Schema: bundesligaerfahrener, alter und verletzungsanfälliger Spieler, der bei seinem Klub lediglich auf der Bank verweilt. Am Ende schlägt der Spieler auch in Bremen nicht ein und Werder steht mit leeren Händen da. Und das Sahnehäubchen dieses Flop-Transfers bildet dann noch der verpflichtende Kauf, siehe Ömer Toprak (4 Millionen Euro) oder auch Davie Selke (15 Millionen) im kommenden Sommer - sofern Werder die Klasse hält.


Die kolportierte Grujic-Leihe hätte den Klub nur noch weiter in den Ruin getrieben. "Ich habe jetzt kein schlechtes Gewissen, weil wir es nicht gemacht haben“, erklärte Bode der Deichstube mit Blick auf die Finanzen, "denn es wäre einfach unvernünftig gewesen." Bis Jahresende fehlen dem SVW 30 Millionen Euro - ein Viertel des Bremer Jahresumsatzes. Im Mittelfeld bestehe nun zwar ein gewisses Risiko, "aber wir müssen dieser Mannschaft auch vertrauen. Wir wollen den Weg mit jungen Spielern gehen, dann gehört so eine Situation nun dazu." In der Zentrale haben die Norddeutschen mit dem zuletzt hinter den Erwartungen agierenden Maximilian Eggestein lediglich einen wirklich erfahrenen Spieler (126 Bundesliga-Spiele). Neuzugang Patrick Erras nahm in den vergangenen zwei Ligaspielen nicht einmal auf der Bank Platz.


Keine Panik auf der Titanic


Die große Frage, die sich nach der verkorksten Transferphase stellt, lautet: Sind die Verantwortlichen zu gemütlich? Warum schaut man sich nur im unmittelbaren Umfeld um? Warum verpflichtet man einen alten Toprak, bei dem im Vorhinein klar ist, dass er sich alle zwei Wochen verletzt? Warum scoutet man nicht deutlich mehr in kleineren Ligen und hofft auf erneute Transfercoups wie etwa Theodor Gebre Selassie (1,8 Mio. Euro) sowie Jiri Pavlenka (3 Mio. Euro) aus Tschechien oder auch Thomas Delaney (2 Mio. Euro, später für 20 Mio. zum BVB) und Ludwig Augustinsson (4,5 Mio. Euro) aus Dänemark? Stattdessen greifen die Kaufpflichten für Bittencourt (bei ihm lohnt sich das investierte Geld noch am meisten), dem allzeitverletzten Toprak sowie Sturm-Flop Selke in Höhe von insgesamt 26 Millionen (!) Euro.


Flo Kohfeldt (38) stehen für das Mittelfeld nur begrenzte Optionen zur Verfügung

Und zu allem Überfluss drückt man seinem Chefcoach auch noch eine absolute Mammutaufgabe auf: "Ich habe mit Florian gesprochen. Natürlich hätte er gerne einen Ersatz für Klaassen gehabt. Das will doch jeder Trainer", so Bode: "Aber Florian geht diesen Weg mit. Er hat auch gesagt, dass wir nicht irgendeinen Spieler holen sollen, der womöglich nur unsere eigenen Spieler blockiert, ohne uns erheblich zu verstärken. Florian hat Lust, unsere Spieler zu entwickeln." Junge Spieler entwickeln, alles schön und gut. Gleichzeitig in der Bundesliga mit einer solch jungen Mannschaft und ohne Ersatz des absoluten Dreh- und Angelpunkts Klaassen zu überstehen, fällt unter die Kategorie "starker Tobak".


Doch in Bremen bleibt man bei der alten Leier. "Alle haben sich lieb, es läuft alles so weiter wie bisher", kritisierte Werders ehemaliger Torhüter Tim Wiese die Vereinsführung bereits nach dem Saison-Fehlstart gegen Hertha BSC. Und er behält Recht! Ganz im Sinne "Keine Panik auf der Titanic", bittet Bode die Fans sowie Medien, "dieser Mannschaft jetzt die Chance zu geben, die sie verdient". Es werde zwar nicht immer alles glatt laufen und es verböte sich, von der Europa League zu sprechen, "aber man muss auch nicht immer nur an den Klassenerhalt denken".