Morgen Abend (21.00 Uhr) findet das wohl attraktivste aller vier Viertelfinals der diesjährigen Champions-League-Saison statt. Im Estadio da Luz zu Lissabon stehen sich dann mit dem FC Bayern München und dem FC Barcelona zwei der großen Favoriten auf den finalen Triumph gegenüber. In den spanischen Medien herrscht dabei durchaus Optimismus, dass die Blaugrana gegen die Bayern den Einzug ins Halbfinale perfekt machen.


Fünf Gründe benennt die barça-affine Mundo Deportivo dabei. Fünf Gründe für die culés, um zu träumen. Denn bedingt durch die unterschiedlichen Saisonverläufe in ihren jeweiligen Ligen, war den Münchenern zuletzt sogar eine leichte Favoritenrolle für den morgigen Showdown zugesprochen worden. Nehmen wir diese Mutmacher doch einfach mal unter die Lupe und analysieren sie auf ihren Substanzgehalt.


Grund 1: Mentalitätswechsel nach der verlorenen Liga


Diese wurde spätestens mit der sensationellen Heimniederlage am vorletzten Spieltag gegen Osasuna verspielt. In der Folge soll der Kader, nach einer intensiven internen Aussprache aller Beteiligten, enger zusammengerückt sein. Mit der Folge, dass das letzte (zwar unbedeutende) Liga-Spiel gegen Alavés klar gewonnen und in der Königsklasse die mit Außenseiterchancen attribuierte SSC Neapel am Ende sehr überzeugend eliminiert wurde. Der Geist in der Truppe soll seitdem ein anderer sein.


Grund 2: Die letzte Chance auf einen Titel


Nicht nur das. Es ist schlichtweg DER Titel. Eine für Barça-Verhältnisse eher durchwachsene Saison könnte mit dem insgesamt sechsten Henkelpott der Vereinsgeschichte (nach 1992, 2006, 2009, 2011 und 2015) gerettet werden. Und jeder Erfolg der Katalanen ist eben ein Nicht-Erfolg des Erzrivalen aus Madrid, wobei dieser Anreiz ja sowie schon Jahr für Jahr gilt.


Grund 3: Der Antrieb, die Enttäuschungen der letzten Jahre wettzumachen


Die letztjährige Schmach von Liverpool wollen Messi & Co. am liebsten vergessen machen

Rom und Liverpool. Diese beiden Städte stehen sinnbildlich für zwei der schmerzhaftesten Niederlagen der jüngeren Vereinschronik. Bei der AS Roma vergeigten die Katalanen 2018 eine 4:1-Führung aus dem Hinspiel (0:3), und das Spiel an der Anfield Road (0:4 nach 3:0 im Hinspiel) vom Mai 2019 dürfte wohl noch über mehrere Jahre in der Erinnerung selbst der neutralsten Beobachter haften bleiben.


Grund 4: Zusatzmotivation durch Sticheleien aus München


Seine Prognose kam in Spanien nicht besonders gut an: Lothar Matthäus

Dabei schießen sich die Redakteure der Zeitung vor allem auf die in Spanien als Provokation aufgefasste Meinung von Lothar Matthäus ein. Der Ex-Bayern-Spieler sprach in einem vor kurzem gegebenen Interview davon, dass Messi am Freitag auf seinen Nachfolger (als Weltfußballer) treffen würde - nämlich auf Robert Lewandowski. Der deutsche Rekordmeister will insgesamt Probleme im Kollektiv der Spanier gesehen haben, und stellt den Polen aktuell auch über den Argentinier. Dies, so die Hoffnung des genannten Blattes, könne eine Art Wagenburgmentalität im Barça-Kader bewirken.


Grund 5: Messi (und Dembélé!)


Wer, wenn nicht er, könnte als Hoffnungsträger für Barça gelten? Superstar Lionel Messi

Vielleicht der einzige wirklich substantive Grund, an den FC Barcelona zu glauben. Wobei das nicht nur für das morgige Spiel gilt, sondern im Grunde genommen für alle, die der FC Barcelona seit Messis Erscheinen am Fußball-Horizont gespielt hat. Wer diesen Fußballer in seinen Reihen weiß (außer vielleicht die argentinische Nationalmannschaft), spielt von vornherein mit einem Vorteil gegenüber dem Gegner. Ganz auszuschalten ist diese Lichtgestalt des Fußballs natürlich nie. Auch scheint er seine Prellung, die er sich durch ein hartes Einsteigen seines Gegenspielers im Spiel gegen die SSC Neapel zugezogen hatte, überstanden zu haben. Zusätzlich erhofft sich die Mundo Deportivo einen Schub durch Ousmane Dembélé. Der Franzose ist - nicht zuletzt durch die Corona-bedingte Zwangspause - doch noch rechtzeitig fit für das Endturnier in Lissabon geworden.


Nimmt man alle diese Gründe zusammen, bleiben für mein Dafürhalten nur zwei, die wirklich eine Rolle spielen könnten. Und zwar die beiden letztgenannten. Denn dass großspurige Ankündigungen beim Gegner durchaus einen "Jetzt erst recht-Effekt" bewirken können, kennt man aus der Geschichte (nicht nur des Fußballs!) zur Genüge. Zwar gehört Lothar Matthäus aktuell nicht zum Organigramm des FC Bayern, aber solche Feinheiten werden im schnelllebigen Fußball-Journalismus gerne auch mal beiseite gelassen. Für die Spanier gehört Matthäus zum FC Bayern und stellt von daher eine Art Sprachrohr des Vereins dar.


Und dass Lionel Messi, auch im Jahre 2020 und mit nunmehr fast 16 Jahren Vereinskarriere auf dem Buckel, immer noch der alles entscheidende Faktor sein kann (zumal in einem einzigen k.o.-Spiel), wird wohl kaum einer ernsthaft bestreiten können.


Und deshalb bin ich auch mehr als zwiegespalten, wenn es darum geht, einem der beiden Teams eine Favoritenrolle zuzuschanzen. Was die Form an sich der letzten Wochen betrifft, mag der FC Bayern etwas besser in Schuss sein als die Spanier. Doch Spiele, wie das morgige, werden vor allem durch die jeweilige Tagesform - und bei Gleichheit derselben, durch Details - entschieden. Bekommen beide Teams ihre volle PS-Zahl auf den Platz, dürfen wir Fans uns auf jeden Fall schon mal auf ein echtes Schmankerl freuen.


Ein vorweggenommenes Finale ist der Hit allerdings nicht. Dafür sind mit PSG (die gestern auf beeindruckende Art und Weise sich allen Widrigkeiten widersetzt und am Ende doch noch den Kopf aus der Schlinge gezogen haben), eventuell Atlético Madrid (für mich heute Abend der Favorit gegen RB) und Manchester City (ebenfalls Favorit gegen Olympique Lyon), doch noch zu viele realistische Optionen im Wettbewerb.