An Uli Hoeneß schieden sich schon immer die Geister. Während Anhänger des FC Bayern den kernigen Uli für seine direkte Art schätzten und die Fans der Konkurrenz ihm dieselbe als gnadenlose Arroganz vorwarfen, wurden zum Ende seiner Amtszeit als Präsident der Roten auch im Lager der eigenen Unterstützer die Rufe nach mehr Zurückhaltung lauter. Mittlerweile scheint Hoeneß jedoch konkret das zu verkörpern, was ihn seither auszeichnete - ein Korrektiv im "Hintergrund".


Sichtlich schwer viel Hoeneß Ende 2019 die Beendigung der Präsidentschaft bei "seinem" FC Bayern. Unter Tränen und Applaus wurde er in den Stand eines Ehrenpräsidenten berufen und viele zweifelten an, ob der wortgewaltige 68-Jährige diese Rolle auszufüllen vermag - ohne sich weiterhin in den Vordergrund zu rücken.


Vom Holzfäller zum Tischler


Auch im Fanlager des FC Bayern wurden die zum Ende seiner Amtszeit getätigten Äußerungen vermehrt als störend empfunden - von Übertreibung oder gar Vereinsschädigung war teilweise sogar die Rede. Doch der Rückzug aus dem offiziellen Rampenlicht und die Übertragung der Verantwortung in diesem Bereich an den wesentlich diplomatischeren Karl-Heinz Rummenigge und den sich immer mehr profilierenden Hasan Salihamidzic scheinen Uli Hoeneß und dem Verein geholfen zu haben.


Tränenreicher Abschied 2019 - Uli Hoeneß

Denn Hoeneß redet zwar weiterhin viel und gerne, jedoch wirkt er in seinen Aussagen wesentlich gemäßigter und reflektierter, als das noch vor ein paar Monaten der Fall war. Gerade im Bezug auf die Debatte um die momentane Zwangspause und die damit verbundenen Folgen zeigte sich Hoeneß sehr nachdenklich und wenig offensiv - im Gegensatz zu beispielsweise einem Hans-Joachim Watzke. Auch in der Thematik um das Skandalspiel in Hoffenheim konnte Hoeneß Punkte sammeln.


Abstand als Heilmittel


Der - teilweise - vollzogene Rückzug aus der ersten Reihe hat Hoeneß scheinbar gelehrt, seine Kompetenzen und seine verkörperte Volksnähe zielgerichteter einzusetzen. Dass er sich nicht komplett aus den Tagesgeschäften seines Klubs raushalten würde, war sicherlich abzusehen. Doch schafft es Hoeneß jetzt, seine öffentlichen Äußerungen wohlbedacht und unterstützend zu dosieren.


Profitiert vom "stillen Lenker" - Hasan Salihamidzic

Auch der von Hoeneß immer wieder aus dem Hintergrund unterstützte Hasan Salihamidzic bestätigt, dass das Wort des ehemaligen Präsidenten immer noch Gewicht hat.


"Uli Hoeneß sitzt natürlich bei wichtigen Themen mit uns am Tisch." Hasan Salihamidzic (Sport Bild)

Ob es um die Stärkung des Sportvorstands oder aktuelle Themen wie die Vertragsgespräche mit Manuel Neuer geht - Hoeneß beweist nach wie vor, dass er gewillt ist, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Doch erstens fällt diese ob seiner Funktion als Ehrenpräsident nicht direkt auf den FC Bayern zurück, zweitens vermag er mittlerweile die Art und Weise seiner Kritik objektiv und sachlich zu gestalten und drittens ist er dabei weit von der verschwulsteten Faselei eines Franz Beckenbauers entfernt.


Uli Hoeneß scheint seine neue Rolle akzeptiert zu haben und füllt diese aktuell hervorragend aus. Der offizielle Abstand tut ihm sichtlich gut und es wirkt, als habe der FC Bayern einen funktionierenden Mechanismus in der Führungsetage gefunden.