Für die einen ist es die Chance auf den ersten Titel seit 27 Jahren, für die anderen ist es ein weiterer Schritt in Richtung Triple: Am Samstagabend (20 Uhr) stehen sich Bayer Leverkusen und der FC Bayern im DFB-Pokalfinale gegenüber. Trotz leerer Ränge im Berliner Olympiastadion darf man sich auf diese Partie freuen - denn für beide Mannschaften steht viel auf dem Spiel.


Am 12. Juni 1993 feierte Leverkusen den zweiten großen Titel der Vereinsgeschichte. Fünf Jahre nach dem Triumph im UEFA-Cup gewann die Werkself das DFB-Pokalfinale gegen die Hertha BSC Amateure, Ulf Kirsten avancierte mit seinem Siegtor in der 77. Minute zum Matchwinner. Zwei weitere Male hat der Verein seither das Pokalfinale erreicht, doch sowohl 2002 (2:4 gegen Schalke) als auch 2009 (0:1 gegen Bremen) ging die Werkself als Verlierer vom Platz.

Seit jenem Sieg vor 27 Jahren sehnt sich Leverkusen nach einem weiteren Titel, denn auch im Champions-League-Finale 2002 und in den Bundesliga-Jahren 1997, 1999, 2000, 2002 und 2011 reichte es nur für den zweiten Platz. Ihnen gegenüber steht allerdings der FC Bayern. Die Münchner gewannen in diesem Jahr die 30. Meisterschaft der Klubgeschichte, am Samstag könnte zum 20. Mal der Pokal gewonnen werden - und im August soll der 6. Titel in der Champions League her. Die Dauerfete hat unter Hansi Flick wieder Fahrt aufgenommen, seit 25 Pflichtspielen ist seine Elf ungeschlagen.


Trotz leerer Ränge: Auf dem Platz wird es heiß hergehen


Trotz der Dominanz der Bayern und trotz der Tatsache, dass auch im Berliner Olympiastadion keine Zuschauer auf den Rängen zugelassen sind, dürfen sich die Fans in den heimischen Wohnzimmern auf das Endspiel freuen. Emotionen gibt es auf dem Platz zu Genüge, das war vor allem an den finalen Spieltagen der 1. und 2. Bundesliga deutlich zu spüren. Werder Bremen stürmte zu einem 6:1-Sieg über den 1. FC Köln, zeitgleich verspielte Fortuna Düsseldorf den Relegationsplatz mit einem 0:3 bei Union Berlin. Und während der 1. FC Heidenheim im Aufstiegsrennen der zweiten Liga mit 0:3 bei Arminia Bielefeld verlor, ging der Hamburger SV im eigenen Stadion mit 1:5 gegen den SV Sandhausen baden. Auch ohne Fans kann man sich also in einen Rausch spielen oder weiche Knie bekommen.


Der FC Bayern braucht keinen Motivator. Der Antrieb stammt aus dem eigenen Anspruch, jedes Spiel gewinnen zu wollen.

Die Bayern strahlen Woche für Woche puren Ehrgeiz und Siegeswillen aus. Wie kein Zweiter schafft es der Trainerstab, die Mannschaft vor jedem Spiel so zu motivieren, als wäre es das größte in ihrer Karriere. Mit voller Konzentration und aller Macht soll das zweite Triple der Vereinsgeschichte her, das ist seit der Winter-Vorbereitung die Maßgabe von Hansi Flick. Am 34. Spieltag wurde der VfL Wolfsburg mit 4:0 abgefertigt, auch gegen Leverkusen soll ein Sieg her.


Auch Bayer Leverkusen bringt im intensiven Pressing eine Menge Emotionen auf den Platz

Auf der anderen Seite spielt die Bayer-Elf druckvollen und intensiven Fußball, in dem es nach der Balleroberung über die schnellen Außenbahnspieler in Windeseile nach vorne gehen soll. Allen voran mit Moussa Diaby und Kai Havertz stehen Peter Bosz zwei Waffen zur Verfügung, die kombiniert für Tempo, Kreativität und eine Menge Gefahr stehen, zudem kann der Niederländer zahlreiche Hochkaräter von der Bank bringen.


Auch der FC Bayern verliert Finals - und Leverkusen kann ihnen wehtun


Schon das Vorjahresfinale zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig war spannend, weil RB über lange Zeit mutig agierte und sich zahlreiche Chancen erspielte. Doch Manuel Neuer, der gerade erst von einer Verletzung zurückgekehrt war, hielt die Null mit exzellenten Paraden. Das diesjährige Duell verspricht noch mehr Spannung, weil sich beide Mannschaften in Top-Form befinden und Leverkusen bewiesen hat, dass sie imstande sind, den Bayern wehzutun. Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2018 gewann Bosz zwei von drei Spielen gegen den FCB. In der Bundesliga-Hinrunde siegte seine Mannschaft mit 2:1, vor fast genau einem Monat kassierte sie jedoch eine 2:4-Klatsche.

Ausgeschlossen ist eine ähnliche Überraschung wie vor zwei Jahren, als sich Eintracht Frankfurt mit 3:1 gegen den FCB durchgesetzt hat, also nicht. Zwar hat der Rekordpokalsieger erst vier Endspiele verloren, doch die erste Final-Niederlage gab es ausgerechnet gegen eine Bayer-Elf: 1985 setzte sich Bayer Uerdingen mit 2:1 durch. Wieso sollte sich die Geschichte nicht wiederholen?


Bleibt Havertz, wenn Leverkusen den Pokal gewinnt?


Im ersten Endspiel gegen Leverkusen ist alles offen. Und weil die Werkself zum ersten Mal seit 2009 wieder nach Berlin reist, wird die Mannschaft alles in die Waagschale werfen, um den Titel-Fluch zu beenden. Vielleicht könnte Kai Havertz dadurch sogar noch davon überzeugt werden, mindestens ein weiteres Jahr zu bleiben - weil er dann wüsste, dass er auch unterm Bayer-Kreuz Titel gewinnen kann.

Titel-Fluch vs. Dauerfete, zwei spannende Duelle in der Bundesliga und die unklare Zukunft von Kai Havertz sind drei Geschichten, die dieses DFB-Pokalfinale begleiten. Die Emotionen auf dem Platz lassen sich ohne Fans zwar nicht so einfach auf die Fernsehzuschauer übertragen, doch auch so verspricht dieses Spiel eine Menge Spannung. Einschalten lohnt sich!