Am kommenden Freitag wird André Schürrle 30 Jahre alt. Das wäre an sich kaum einer Notiz wert - wenn es da nicht den Umstand gäbe, dass der Kicker bereits seine Fußballer-Schuhe in relativ jungen Jahren an den Nagel gehängt hat.


Am 17. Juli dieses Jahres teilte André Schürrle der Welt via Spiegel-Interview seine überraschende Entscheidung mit, die aktive Karriere als Fußballer zu beenden. "Die Entscheidung ist lange in mir gereift. Ich brauche keinen Beifall mehr", kommentierte er diesen einschneidenden Schritt mit unspektakulären Worten.


Neues Leben mit festen Strukturen in der Familie


Den Begriff Fußball-Rentner wird er seitdem nicht los. Eine Wortschöpfung, mit der der 57-fache Nationalspieler nicht viel anfangen kann, wie er der BILD erklärt. "Den Begriff mag ich nicht so gerne. Ich sehe es nämlich nicht als Rente, es ist ein Neustart. Ich habe das Gefühl, dass ein neues Leben beginnt."


Dieses "neue Leben" ist nun statt Zweikämpfen und Torschüssen der Familie gewidmet. "Ich habe meine festen Strukturen. Dazu gehört, dass ich eine Stunde vor meiner Frau und meiner Tochter aufstehe, um ein bisschen Zeit für mich zu haben. Da springe ich erst in die kalte Dusche, um den Körper in Gang zu bringen, dann mache ich ein Workout oder meditiere. Danach ist die Kleine auch schon wach – dann ist Action angesagt."


Nicht ins Loch gefallen


In das berüchtigte Loch nach der täglichen medialen Präsenz sei er "keineswegs" gefallen. "Durch Corona gab es einerseits einen langsamen Übergang. Ich hatte seit Anfang Februar kein Training mehr, bin relativ zeitnah nach Berlin zur Familie gekommen. Andererseits habe ich mit jemandem zusammengearbeitet, der mir geholfen hat, eine Struktur aufzubauen. Ich hatte ja schon im Hinterkopf, dass ich in diesem Sommer Schluss machen würde. Diese Struktur hat mir geholfen, dass ich zu keiner Zeit ein Loch gefühlt habe. Im Gegenteil – es war ein Gefühl von ´Uff! Geschafft!´"


Wie sehr ihm der Übergang vom gleißenden Rampenlicht des Star-Fußballers in die Anonymität des Privatiers gelungen ist, verdeutlicht auch die Tatsache, dass er von seinem vorherigen Leben als Profi-Kicker kaum etwas vermisst. "Natürlich hat mir der Kontakt mit den Mitspielern großen Spaß gemacht, der Austausch, das Dazugehören zu einer Gruppe. Aber zuletzt habe ich gemerkt, dass ich eine neue Herausforderung außerhalb des Fußballs brauche."


Vor allem vermisse er nicht "die endlosen Tage in den Hotels." Die sich manche seiner Zunft-Kollegen bisweilen mit der Pflege ihrer Haarpracht verkürzen. "Warum auch nicht?", so Schürrle. "Ich habe das auch gemacht, mir kurz vor dem Spiel die Haare schneiden zu lassen. In England habe ich sogar erlebt, dass der Friseur am Vormittag vor dem Spiel da war. Einige Spieler brauchen das, um sich vom Druck abzulenken."


Schürrles Umgang mit dem Leistungsdruck


Auf das allgegenwärtige Thema Druck im Hochleistungssport angesprochen, versichert der Mann, der das 1:0 von Mario Götze im WM-Finale 2014 gegen Argentinien vorbereitete: "Druck an sich ist ja nicht immer etwas Negatives. An Spieltagen ist es mir meistens gelungen, mich mental in eine Stimmung zu bringen, die mir erlaubt hat, mit Druck umzugehen. Ich habe ihn öfter für mich genutzt, als dass er gegen mich gearbeitet hat. Sonst hätte ich all das nicht erreicht, was ich erreicht habe."


Schürrle war ein wichtiger Faktor des WM-Triumphes 2014

Und das ist nicht wenig. Auch wenn ihm die großen Titel auf Vereinsebene verwehrt geblieben sind. Zwei DFB-Pokalsiege (2015 mit dem VfL Wolfsburg, 2017 mit Borussia Dortmund) , sowie eine "halbe" englische Meisterschaft (Schürrle wechselte im Winter 2015 vom späteren englischen Meister FC Chelsea zum VfL Wolfsburg) stehen in seiner Bilanz zu Buche.


Trotz weniger Titel - Schürrle mit seiner Karriere zufrieden


So blickt der gebürtige Ludwigshafener am Ende zufrieden auf seine Bilanz. "Ich würde heute nichts anders machen. Als ich noch aktiv war, habe ich mir manchmal überlegt, dass ich bei dem ein oder anderen Klub ein bisschen länger hätte bleiben können. Aber heute weiß ich, dass das mein Weg war. Ich bin extrem zufrieden, was dabei rausgekommen ist."


Doch der Nachwelt will er vor allem als Mensch in Erinnerung bleiben. Und nicht als der, der beim WM-Finale von Rio die maßgeschneiderte Flanke auf den Siegtorschützen Mario Götze gab. "Mir war es immer wichtig, dass ich normal geblieben bin. Dass ich freundlich zu den Leuten war, die Fans respektiert habe und immer versucht habe, 100 Prozent zu geben. Damit bin ich sehr zufrieden, ich kann in den Spiegel schauen."


Dem Fußball-Sport an sich bleibt er auch jetzt noch verbunden. "Ich liebe es, Fußballspiele zu schauen! Zu Hause muss ich schon mal die Spiele ankündigen, die ich schauen möchte, weil ich natürlich Verpflichtungen als Vater habe. Aber wenn die Kleine im Bett ist und ich Zeit habe, schaue ich ziemlich viel Fußball."


Hazard war für Schürrle der Beste - Tuchel sein wichtigster Trainer


Und bewundert dabei auch immer noch Spieler, mit denen er einst selbst zusammenkickte. Aus der großen Zahl der ehemaligen Kollegen (und Gegner) stechen für Schürrle vor allem drei Namen heraus: Eden Hazard, Philipp Lahm und der Adressat seiner schon zur Legende gewordenen Flanke vom Maracaná: Mario Götze. Den heutigen Real-Spieler Hazard hebt er dabei in den absoluten Top-Rang. "Wenn ich den im Training gesehen habe, dachte ich ´Das wird doch hier alles nichts.´ Und dann hat er im Spiel aufgedreht, dass ich dachte, er sei der beste Spieler der Welt."


Und was die Trainer betrifft? Da fällt Schürrles Wahl auf seinen ersten Profi-Coach. Damals bei Mainz 05. "Ich hatte das Glück, dass ich ziemlich viele gute Trainer hatte. Aber der beste für mich war Thomas Tuchel, weil er mir für die Karriere am meisten mitgegeben hat. Unser Verhältnis war nicht immer einfach, wir sind auch schon mal aneinandergeraten. Aber er war einfach der Trainer, der mich am meisten geprägt hat."