Der FC Bayern steht verdient im Halbfinale der Champions League. Soll auch der Einzug ins Finale gelingen, muss sich die Defensive aber deutlich steigern. Das betrifft die gesamte Viererkette.


Alphonso Davies brauchte gegen den FC Barcelona nur eine geniale Aktion, und schon hatte er die Fußballwelt wieder in seinen Bann gezogen. Der Linksverteidiger des FC Bayern ließ zwei Gegenspieler stehen, dribbelte nach anschließendem Katz-und-Maus-Spiel mit Nelson Semedo bis zur Grundlinie und beförderte den Ball in Richtung des heranstürmenden Joshua Kimmich, der nur noch das leere Tor treffen musste. In Koproduktion erzielten die beiden Außenverteidiger das zwischenzeitliche 5:2, der kurze Aufwind der Katalanen war damit wieder gestoppt. Das Tor war eine Art Wiedergutmachung für einige wackelige Momente in der ersten Halbzeit - denn Davies und Kimmich haben freilich nicht ihren besten Arbeitstag erwischt.


Youngster Davies wird seit Monaten zu den besten Linksverteidigern Europas gezählt, und doch ist sein Spiel noch lange nicht perfekt. Der 19-Jährige bringt ein wahnsinniges Tempo auf den Platz und kann sich in Zweikämpfen behaupten, macht aber speziell im Stellungsspiel noch zu viele Fehler. So orientierte er sich in den ersten 15 Minuten des Spiels entweder zu sehr an den Innenverteidigern oder an der Außenlinie. Die Folge: Barcelona konnte entweder die rechte Außenbahn mit Lionel Messi und Semedo überladen und nach kurzem Doppelpass eine scharfe Flanke in Richtung der zentral orientierten Luis Suarez und Arturo Vidal schlagen, oder Davies positionierte sich zu weit außen und bot damit viel Platz zwischen ihm und David Alaba.

Auch Kimmich, der von Natur aus extrem offensiv denkt und dem Gegner viele Räume bietet, ließ sich in einigen Szenen zu leicht überspielen. Es überraschte nicht, dass Barcelona diese Schwachstelle erkannte und auszunutzen versuchte; nur spielten die Katalanen ohne wirklichen Außenstürmer, weil Ousmane Dembélé gerade erst von einer langen Verletzung zurückgekehrt ist und der 17-jährige Ansu Fati zunächst auf der Ersatzbank begann.


Hohe Viererkette und gefährliche Eckbälle


Generell war die bajuwarische Defensive in den ersten 45 Minuten anfällig. Aufgrund des extrem hohen Positionsspiels schaffte es Barça - zumindest in der Anfangsviertelstunde - in aller Regelmäßigkeit, die letzte Linie mit einem hohen Ball zu überspielen, wie beispielsweise beim zwischenzeitlichen Ausgleich (7.). Bei einem Chip-Ball von Innenverteidiger Clement Lenglet auf den weit aufgerückten Linksverteidiger Jordi Alba waren Kimmich und Davies zu weit vorne postiert, die Innenverteidiger Jerome Boateng und David Alaba rückten zu spät auf. So konnte Alba in Kimmichs Deckungsschatten zum Sprint ansetzen und den Ball an der Strafraumkante ins Zentrum schlagen. Alaba versenkte die Hereingabe zwar selbst im Tor, doch hätte der Abwehrchef nicht eingegriffen, wäre Suarez zur Stelle gewesen - das Gegentor war unvermeidbar.


Bei David Alabas Eigentor war Manuel Neuer machtlos

Auch das Verhalten bei gegnerischen Eckbällen war durchaus fragwürdig. Mehrfach durfte Lionel Messi nach kurzem Doppelpass eine gefährliche Flanke schlagen, jedes Mal standen mehrere Spieler unbedrängt zum Kopfball bereit. Hätte Sergio Busquets eine dieser Hereingaben in der 10. Minute kontrollierter getroffen, wäre die Blaugrana in Führung gegangen; und dann hätte es diese historische Blamage wohl nicht gegeben.

All diese Auffälligkeiten werden Hansi Flick und sein Trainerteam klar aufzeigen und besprechen müssen. Auf diesem Niveau entscheiden Nuancen über Sieg oder Niederlage. Deshalb gilt es, diese Fehler auszubügeln. Ob der Gegner am Mittwoch Manchester City oder Olympique Lyon heißt, spielt dabei keine Rolle.