Europa League, oder anders: Der Europapokal, den bis zum Finale wirklich niemanden interessiert. Ein internationaler Wettbewerb für die Klubs, die es nicht in die große Königsklasse geschafft haben. Weniger große Klubs werden hier zu Topfavoriten - oder auch nicht. Peter Bosz, seines Zeichens Trainer von Bayer 04 Leverkusen, zeigte vor dem EL-Auftakt gegen OGC Nizza mit Bravour, wie man selbst hier die Erwartungen herunterschrauben kann.


Auf der obligatorischen Pressekonferenz vor der Partie äußerte sich der Niederländer zu den kommenden Gegnern in der Europa-League-Gruppe C. Neben dem krassen Underdog mit dem wohlklingenden Namen Hapoel Beer Sheva spielt die Werkself auch gegen OGC Nizza und Slavia Prag. Bayer 04 ist hier eigentlich der Favorit.


Bosz legt Leverkusener Titel-Einstellung offen


Sollte man meinen. Peter Bosz sieht das anders. "Nizza ist eine gute Mannschaft, das kann man auch von Prag sagen", lobt der Coach die kommenden Gegner. "Beide stehen für mich mit Bayer 04 auf Augenhöhe." Augenhöhe? Leverkusen mit Nizza und Prag?!


Der Sinn hinter der Aussage des Trainers ist klar: Leverkusen will sich vor den kommenden Duellen nicht selbst als Favoriten nennen. Ein vermeintliches Ausscheiden in der EL-Gruppenphase wäre schon peinlich genug, da sollte man sich ja nicht noch in den Himmel loben. Aber ist das der richtige Weg?


Wohl kaum, zumal die Aussage des Niederländers einfach zu unglaubwürdig klingt. Zur Veranschaulichung: Leverkusen liegt mit zwölf Champions-League- und fünf Europa-League-Teilnahmen im direkten Vergleich deutlich vor Nizza (0 CL; 2 EL) und Prag (2 CL; 3 EL). Der Marktwert des Bayer-Kaders (323 Millionen Euro laut transfermarkt.de) ist zudem höher als der gesamte Marktwert beider Kontrahenten zusammen (194 bzw. 37 Millionen Euro).


Auch die 'Marke' des Konzernklubs ist europaweit bekannt. Leverkusen kennt man, Leverkusen ist seit Jahren tief im Bewusstsein des nationalen wie internationalen Spitzenfußballs verankert - trotz fehlender Titel. Zahlreiche große Namen, die in der Vergangenheit und Gegenwart mit dem Kreuz auf der Brust aufliefen, sorgen zudem für einen nostalgisch-stolzen Flair.


Das chronische Understatement ist längst schädlich geworden


Die Klubführung könnte sich also mit guten Argumenten im Rücken vor die Presse stellen und behaupten, dass die Werkself der krasse Favorit auf den Gruppensieg sei. Das tut sie allerdings nicht (aufgrund der bereits genannten Angst, doch noch auszuscheiden). Ein gesundes Understatement ist grundsätzlich selten ein Fehler, doch in Leverkusen hat sie sich zu einer chronischen Krankheit entwickelt.


Leverkusen strebt nach Titeln und Erfolg, das hat man in den vergangenen Saisons immer wieder relativ deutlich zum Ausdruck gemacht. Sei es durch Aussagen (zuletzt etwa durch Fernando Carro) oder Aktivitäten auf dem Transfermarkt (durch Transfers von Kerem Demirbay, Patrik Schick etc.). Doch was der Werkself für eine Spitzenmannschaft noch fehlt, ist die Einstellung.


Ein Bayern München, ein FC Liverpool oder ein Juventus Turin werden nur aus einem Grund regelmäßig Titelträger: Weil sie es unbedingt wollen, von der Zehe bis in die Haarspitzen. Die Werkself verkrümelt sich lieber aus Angst vor der Blamage in die Rolle des Außenseiters. An guten Tagen, so könnte man den Konsens der Rheinländer beschreiben, habe man vielleicht die Chance, die großen Klubs mal so richtig zu ärgern. Doch in der Regel ist für die Werkself immer recht früh Schluss mit Träumen.


Jahr um Jahr reicht es nicht für Bayer 04

Bestes Beispiel: Der jährliche Kampf um die begehrten CL-Plätze in der Bundesliga. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich der Klub ohne Zweifel in der Königsklasse am wohlsten fühlt. Doch der Spirit innerhalb der Mannschaft und gegenüber den Fans soll auf jeden Fall positiv bleiben, egal wie das Saisonergebnis ausschaut. Daher heißt es immer wieder gerne, dass man unter'm Strich das "internationale Geschäft" anpeile. Im Falle eines Platzes, der 'nur' für die Europa League qualifiziert, kann man so immer noch von einem Erfolg sprechen.


Bayer 04 Leverkusen peilt nur den möglichen Erfolg an, nicht den maximalen. So auch in der Europa League. Salopp gesagt, möchte die Werkself wohl irgendwie nur in die K.O.-Runde des Europapokals einziehen. Da ja Nizza und Prag "auf Augenhöhe" sind, würde ein zweiter Platz in der Gruppe ja schon reichen.


Doch die ernüchternden Bilanzen aus den vergangenen Saisons - ohne Titelgewinn - lassen dieses Prinzip irgendwie fad erscheinen. Leverkusen macht sich durch eigene Aussagen nur kleiner, als sie es wirklich sind. Diese Einstellung ist längst tief bei Mannschaft, Vorständen, Fans, im Endeffekt den ganzen Vereinsstrukturen verankert. Sie ist chronisch. Und das, liebe Werkself, hindert euch jede Saison aufs Neue vor dem großen Coup.