'Die Abwehr ist eine Katastrophe; Jogi Löw muss das anders machen; so wird das nichts' - Gerade in Deutschland decken die Fans derzeit rigoros die Schwachstellen der deutschen Nationalmannschaft auf. Im Zuge dieser Kritik wird oft vergessen, dass auch andere Top-Nationen ihre Probleme haben. Häufig werden England, Frankreich oder auch Spanien von den deutschen Fans in den Himmel gehoben und das, obwohl auch diese Nationen definitiv nicht makellos aufgestellt sind.


Der Kreis an Favoriten auf den EM-Titel ist groß. Auch dort ist allerdings nicht alles Gold was glänzt.


1. Frankreich: Fehlende Durchschlagskraft in der Offensive

In der Gruppe C der Nations League rangiert Frankreich hinter Portugal

Beim ersten Lesen mag diese Behauptung wie ein schlechter Witz klingen, dem ist aber nicht so. Trotz großen Offensivpotentials und absoluten Megastars in vorderster Front, konnten die Franzosen offensiv noch nicht in der Nations League überzeugen. Sieben Treffer in vier Partien sind eigentlich für die Ansprüche des Weltmeisters zu wenig; gemessen an dem, was möglich wäre.


2. Niederlande: der Goalgetter fehlt

Luuk de Jong ist am verzweifeln...

Die Niederländer wurden nach der Demontage der deutschen Mannschaft mit 3:0 im Herbst 2018 in höchsten Tönen gepriesen. Ein paar Monate später stand man im Finale der Nations League. Selbiges ist diese Saison nur noch schwer erreichbar. Die Abwehr steht stabil, aber vorne fehlt ein Vollstrecker; dieser Anforderung ist Mittelstürmer Luuk de Jong bei der Elftal nicht gewachsen.

Der umtriebige Memphis Depay ist fast im Alleingang für jegliche Offensivgefahr zuständig. Trotz der vielen Talente in den niederländischen Reihen ist bisher keiner dabei, der den Anspruch eines Top-Strafraumstürmers erfüllt. Youngster Donyell Malen könnte möglicherweise in diese Rolle hineinwachsen - ist aber noch nicht so weit.


3. Spanien: Der Star im Sturm fehlt

Gerard Moreno trifft in der Liga ordentlich, ist aber weit entfernt von Werten eines Villas oder Fernando Torres

Die Spanier haben in der Gruppe, in der sich auch Deutschland befindet, momentan Platz eins, mit sieben Punkten aus vier Spielen, inne. Eine sehr ordentliche Leistung, die Iberer könnten aber noch deutlich besser dastehen, wenn sie im Sturm einen echten Top-Star hätten, auf den Verlass wäre, a la Portugal mit Ronaldo, England mit Kane oder Belgien mit Lukaku.

Mit Moreno, Rodrigo oder Ferran Torres hat man wirklich gute Stürmer, aber keiner davon darf sich als Weltklasse bezeichnen. Keiner von ihnen ist so wirklich in der Lage, eine enge Partie umzudrehen oder zu entscheiden. In der Vergangenheit war man in Spanien aber auch mit Leuten wie David Villa, Raul, Fernando Torres oder auch Fernando Morientes absolut verwöhnt.


4. England: es fehlen echte Leader

Henderson ist im Mittelfeld ein echter Leader, weitere fehlen allerdings...

Was hatte England schon großartige Anführer im Mittelfeld: Lampard, Beckham, Scholes oder Gerrard. Momentan profilieren sich die Jungs von der Insel fast gänzlich über ihre große Auswahl an Top-Talenten wie Jadon Sancho, Reece James, Declan Rice oder auch Buyako Saka. Dabei fehlen bei den Three Lions die echten erfahrenen Leader.

Bis auf Harry Kane, Jordan Henderson und mit Abstrichen auch Kyle Walker, kann sich keiner der Engländer als international erfahren bezeichnen. Das könnte zum Problem werden. Gerade bei einem Turnier ist die Erfahrung immens wichtig, es benötigt Nerven aus Stahl. Dies wurde den Briten schon 2018 im Halbfinale gegen Kroatien zum Verhängnis; keiner wollte so richtig die Verantwortung übernehmen.


5. Belgien: die goldene Generation steht unter Zugzwang

Mit 27 Jahren ist Romelu Lukaku bereits Rekordtorschütze seiner Nation

Nachdem Belgien eigentlich Jahrzehnte lang unscheinbar über die Bildfläche hüpfte, waren die Roten Teufel 2014 sogar als weiterer Titelkandidat gehandelt, im Viertelfinale war dann Schluss, ebenso zwei Jahre später bei der EM. 2018 galten die Roten Teufel als großer Favorit, aber auch da musste man vorzeitig die Segel streichen und zwar im Halbfinale gegen Nachbar Frankreich. Kurzum: Belgien hat eine goldene Generation und möchte bzw. muss diese nun krönen.

Mit Jan Vertonghen, Toby Alderweireld, Dries Mertens und Axel Witsel sind vier elementar wichtige Spieler bereits über 30 Jahre alt; auch Kevin De Bruyne und Eden Hazard zählen mittlerweile 29 Lenzen. Es wird Zeit für den Titel. Denn sonst könnte diese große Generation ungekrönt bleiben, die jungen Nachfolger wie Jeremy Doku, Yari Verschaeren oder Alexis Saelemaekers müssen sich erst noch weiter entwickeln. Alle Spieler wissen: 'Jetzt gilt es!'