In seiner zweiten Saison bei OSC Lille scheint Renato Sanches endgültig angekommen. Nach einer unglücklichen Zeit beim FC Bayern offenbart das portugiesische Mittelfeld-Talent wieder sein Potenzial.


Es war viel Geld, das der FC Bayern schon vor der Europameisterschaft 2016 für Renato Sanches in die Hand genommen hatte. Die Ablösesumme für das einstige Mittelfeld-Juwel belief sich auf 35 Millionen Euro - und das nur, weil man sich mit Benfica noch vor der Europameisterschaft in Frankreich, in der Sanches einer der Hauptakteure des späteren Turniersiegers Portugal war, einigen konnte.

Den Zuschlag erhielten die Münchner im April 2016, ausgerechnet nach der 0:1-Niederlage im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Atlético Madrid. "Die Stimmung nach dem Spiel war zwar nicht gut, aber wir haben uns in der Nacht auf den Transfer verständigt und den Transfer per Handschlag besiegelt", berichtete Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge wenige Monate später in einem Interview mit Sport Bild.


Der Schritt zum FC Bayern kam viel zu früh


Angesprochen auf Sanches' Leistungen bei der Europameisterschaft fügte er an: "Er wäre definitiv nicht zum FC Bayern gekommen, wenn wir uns erst dann um ihn bemüht hätten." Rückblickend darf allerdings die These aufgestellt werden, dass es für beide Seiten wohl das Beste gewesen wäre, wenn er doch nicht in München gelandet wäre.


Beim FC Bayern kam Renato Sanches nicht zurecht

Beim FC Bayern fand der heute 23-Jährige nie den Anschluss. Er war unzufrieden mit seiner geringen Spielpraxis, konnte aber nicht positiv auf sich aufmerksam machen, wenn er mal zum Zug kam. Nach nur einer Saison wurde er daher an Swansea City verliehen - geholfen hat das Jahr in der Premier League aber überhaupt nicht.

"Seine körperliche Verfassung war schlecht", erinnerte sich Paul Clement (von Januar bis Dezember 2017 Cheftrainer von Swansea) im Februar 2018 zurück (zitiert via transfermarkt.de). Besonders die mentale Belastung sei für Sanches enorm gewesen: "Er war ein Junge, der fast das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern trug. Im Training, wenn der Druck nicht so da war, war er der beste Spieler. Aber in den Spielen schaute ich auf die Entscheidungen, die er traf – aus 40 Metern in den Winkel schießen – und er machte weiter solche Fehler. Er wollte gefallen und zeigen, dass alle falsch liegen. Er geriet in einen Teufelskreis falscher Entscheidungen."


Neuanfang in Lille: Sanches ist auf einem guten Weg


Nach einer enttäuschenden Saison 2017/18 kehrte Sanches nach München zurück. Niko Kovac erhielt die Aufgabe, ihn wieder aufzubauen - nach guten Leistungen in der Vorbereitung tauchte Sanches aber wieder ab, durfte meist nur auf der Bank sitzen. 24 Pflichtspieleinsätze über 782 Minuten waren in seinen Augen zu wenig, nach einem Kurzeinsatz gegen Hertha BSC zum Auftakt der Saison 2019/20 ließ er seinem Frust vor der Presse freien Lauf. Das Tischtuch schien zerschnitten, ein Wechsel unausweichlich - also wurde er an den OSC Lille verkauft.

Die Nordfranzosen haben es sich auf die Fahne geschrieben, junge Talente zu fördern und zu entwickeln. Eden Hazard, Gervinho, Rafael Leao, Nicolas Pepe, Victor Osimhen, Divock Origi, Idrissa Gueye - sie alle standen zwischenzeitlich in Lille unter Vertrag. Nun also auch Sanches, der einen Vertrag bis 2023 besitzt.


Schlüsselspieler in Lille: Renato Sanches hat sich rehabilitiert

In seiner Premierensaison standen 33 Einsätze über 2060 Spielminuten zu Buche. Egal ob im Zentrum, als linker Mittelfeldspieler, rechter Mittelfeldspieler oder sogar auf der Zehn - Sanches kam fast überall zum Einsatz. Aktuell ist er in der Zentrale gesetzt und von dort nicht mehr wegzudenken - denn von Woche zu Woche steigert er sich, wie besonders beim 3:0-Sieg über die AC Mailand in der Europa League deutlich wurde.

In Lille wollte Sanches von vorne beginnen, einen Neuanfang wagen und sich fußballerisch weiterentwickeln. Eine leichte Aufgabe war das nach der glücklosen Zeit in München nicht, aber er ist auf einem sehr guten Weg. Mit seiner Passsicherheit und seinem Offensivdrang trägt er viel zum Angriffsspiel des gegenwärtigen Tabellenzweiten der Ligue 1 bei. Diesen Sanches hätten sich vermutlich auch die Bayern gewünscht - aber der Schritt kam zum damaligen Zeitpunkt zu früh.