Keine Frage: Die vergangene Saison des SV Werder Bremen war katastrophal. So katastrophal, dass Florian Kohfeldt erhebliche Veränderungen versprach. Neue Spieler beleben den lust- und kampflosen Kader der Grün-Weißen. Doch der Bremer Cheftrainer weiß nicht damit umzugehen. 90min zeigt auf, was alles schief läuft und warum der versprochene Umbruch ausbleibt.


Mit seiner öffentlichen Kritik an die Bremer Verantwortlichen gab Kult-Keeper Tim Wiese unlängst den Startschuss für hitzige Debatten über das leere Versprechen am Osterdeich. "Die Stimmung ist gleich wieder am Boden", resümierte der ehemalige Torhüter im Gespräch mit der Sport Bild den verkorksten Saisonauftakt seines Ex-Klubs. "Doch bei Werder haben sie sich alle lieb, es läuft alles so weiter wie bisher."


"Es wird kein 'Weiter so' geben" - aber wo bleibt Werders versprochener Umbruch?


Nach einer desaströsen Krisensaison fordert Wiese nun Klartext, stärkere Konsequenzen und den versprochenen Umbruch. "Es wird kein 'Weiter so' geben", kündigte Werders Cheftrainer nach dem Relegationsspiel in Heidenheim an. Um in der nächsten Saison eine solche Krise zu verhindern, müsse sich sehr viel ändern, so Kohfeldt. Aber wo bleibt Werders versprochener Umbruch?


Florian Kohfeldt sah gegen Hertha deutliche Parallelen zur abgelaufenen Seuchensaison

Gegen Hertha BSC (1:4) verfiel die Kohfeldt-Elf gleich einmal zurück in alte Verfahrensmuster. Dass sich die Hanseaten mit ihren (finanziellen) Möglichkeiten gegen den gut betuchten Hauptstadt-Klub nicht einfach so durchsetzen werden, war abzusehen. Von einer solch lust- und kampflosen Bremer Mannschaft darf dennoch ein jeder Fan enttäuscht sein. Werder versuchte erst gar nicht, sich zu wehren, ließ die Vier-Tore-Klatsche einfach über sich ergehen und war in den Zweikämpfen einfach nicht bissig genug.


Kohfeldt und seine Lieblinge


Woran das liegt? Kohfeldt schickt Woche für Woche die nahezu gleiche Elf ins Rennen. Der Bremer Übungsleiter hat seine Lieblinge, die er nur ungern auf die Bank verfrachtet. Genannt sei hier beispielsweise Yuya Osako. Der Japaner gerät nur selten ins Rampenlicht, agiert in Zweikämpfen zu zimperlich und scheint auch aufgrund seiner introvertierten Art kein Führungsspieler und lautstarker Antreiber seiner Mannschaft mehr zu werden. Josh Sargent befindet sich derweil auf einem guten Weg zum gestandenen Bundesliga-Profi, ist aber alles andere als ein unersetzlicher Startelf-Kandidat.


Yuya Osako genießt bei Werder-Trainer Kohfeldt ein hohes Ansehen

Warum gibt Kohfeldt seinen Youngsters und Neuzugängen keine Chance, sich zu beweisen? Warum geht er nicht ins Risiko? Hat er etwa Angst mit einer runderneuerten Truppe zu verlieren? Na wenn schon! Ein Johannes Eggestein, der eine bockstarke Vorbereitung samt vier erzielter Tore absolvierte, dürfte keineswegs schlechter spielen als der zuletzt so lustlose und schläfrige Osako. Die Wahrscheinlichkeit mit dem etablierten Stammpersonal zu verlieren, scheint derzeit sogar deutlich höher. Also Kohfeldt: Bring frischen Wind in deine Truppe!


Von wegen Konkurrenzkampf!


Der Konkurrenzkampf, von dem die Verantwortlichen in nahezu jedem Interview sprechen, existiert nicht! Natürlich stehen Kohfeldt mit Füllkrug, Selke, Sargent, Osako, Woltemade und Johannes Eggestein alleine im zentralen Angriff sechs Akteure zur Verfügung. Aber warum sollte sich ein Osako im Training sonderlich anstrengen, wenn er sowieso weiß, dass Kohfeldt auf ihn setzt? Andersrum lässt Kohfeldt ein solch großes Talent wie Jojo Eggestein auf der Bank (oder gar Tribüne!) verrotten. Belebter Konkurrenzkampf geht anders.


Mittlerweile dürften gar die Spieler erkannt haben, dass der Konkurrenzkampf innerhalb des Teams gar nicht so groß ist, da Kohfeldt ohnehin auf seine Lieblinge setzt. Dabei bietet der verjüngte Kader des SV Werder gerade jetzt so viel Potenzial für einen Umbruch. Allen voran mit Neuzugang Felix Agu sowie den Leihrückkehrern Jean Manuel Mbom und Romano Schmid stehen dem Fußballlehrer drei vielversprechende Profis zur Verfügung, die das verrostete Bremer Spieler auffrischen könnten.


Dank Kohfeldt perspektivlos: Johannes Eggestein bekommt einfach keine Spielzeit

Doch Kohfeldt trifft immer häufiger die falschen Entscheidungen. So auch bei der Kapitänswahl. Warum geht Niklas Moisander in sein zweites Amt als Kapitän? Der 34 Jahre alte Finne hat seinen Zenit überschritten. Noch in dieser Saison dürfte ihn der deutlich jüngere und frischere Marco Friedl vom Thron stoßen. Somit würde die Binde wohl besser zum holländischen Mittelfeld-Motor Davy Klaassen passen.


Werder-Umbruch ohne Kohfeldt?


Doch all diese Personalentscheidungen trifft der bodenständige und sympathische Trainer der Grün-Weißen leider falsch. Sofern er keinen frischen Wind in die Mannschaft bringt, verliert er sein Team zwangsläufig aus den Augen. Die Folge ist eine weitere Saison mit großen Abstiegssorgen. Das möchte in Bremen niemand. Das große Problem: Kohfeldt genießt in der Führungsetage noch immer einen zu hohen Stellenwert. Marco Bode und Co. tragen die grün-weiße Brille. "Bei Werder haben sie sich alle lieb, es läuft alles so weiter wie bisher", trifft den Nagel auf den Kopf.


Aber so darf es nicht weitergehen! Sofern Kohfeldt der Umbruch nicht gelingt, muss ein Umbruch ohne Kohfeldt stattfinden. Ob die Verantwortlichen in dieser Saison endlich erkennen, wann es für den 37-Jährigen an der Zeit ist, seine sieben Sachen zu packen, bleibt fraglich.