FAIRPLAY! So - groß geschrieben! Und wie er umgesetzt wird. Zu diesem wichtigen und immer aktuellen Thema (nicht nur im Sport!) bekamen die anwesenden Zuschauer beim Fünftliga-Spiel zwischen den Stuttgarter Kickers und dem FC Nöttingen am Wochenende Anschauungsunterricht. Wir sagen: ganz, ganz großer Sport.


Was war passiert? Es lief die 45. Spielminute in der Partie zwischen den Stuttgarter Kickers und dem FC Nöttingen in der Oberliga Baden-Württemberg. Die Gastgeber führen mit 1:0, als ein Spieler der Gäste, in der Hälfte der Kickers, zu Boden sinkt, offenbar verletzt. Die Nöttinger, in diesem Moment in Ballbesitz, bugsieren den Ball absichtlich ins Aus, um den verletzten Akteur behandeln (oder, wie in diesem Fall, wieder aufstehen) lassen zu können. So weit so gut.


Nach der entsprechenden Unterbrechung werfen die Kickers den Ball aber nicht, wie es eigentlich Usus wäre, zum Gegner zurück, sondern fahren gegen eine überraschte gegnerische Defensive (die den Ball ja zurückerwartet hat) einen Angriff, der auch prompt zum 2:0 der Hausherren führt.


Danach setzt es natürlich Proteste auf Seiten der Nöttinger. Einige Spieler informieren den Torschützen und dessen Kollegen darüber, dass sie den Ball zuvor absichtlich ins Seitenhaus gespielt haben - und den Ball eigentlich hätten wieder bekommen müssen. Doch rein regeltechnisch ist den Stuttgartern nicht beizukommen. Was natürlich auch der Schiri weiß - und das Tor anerkennt.


Es folgt ein kurzer Dialog zwischen Unparteiischem, einigen Spielern auf beiden Seiten und Kickers-Trainer Ramon Gehrmann (von Beruf Gymnasiallehrer). Und anschließend tatsächlich die ganz große Geste: unmittelbar nach dem Anstoß der Nöttinger, die den Ball zum Gegner passen, schießt Kickers-Spieler Lukas Kling den Ball Richtung eigenes Tor - und Torwart Thomas Bromma läßt das Leder absichtlich an sich vorbei ins Tor laufen. Es prasselt Beifall von den Rängen für diese faire Geste.


Erinnerungen an Marcelo Bielsa


Da werden natürlich Erinnerungen an Marcelo Bielsa wach. Der hatte im April 2019, bei einem Championship-Spiel seines Leeds United gegen Aston Villa seiner Mannschaft, die auf ähnlich unsportliche Weise zu einem Tor gekommen war, befohlen, umgehend dem Gegner ein Tor zu "schenken". Zwar machten die Leeds-Spieler (anders als am Wochenende die Kickers) das Tor nicht selbst, sondern ließen den Villa-Angreifer ungestört durch ihren Reihen marschieren - aber in der Essenz sind beide Aktionen voll miteinander vergleichbar.


Trainer-Ikone Marcelo Bielsa

Es sind solche Gesten, die einem dann doch, trotz aller Negativ-Schlagzeilen, die bisweilen unser Leben zu dominieren scheinen, die Hoffnung auf das Gute im Menschen zurückgeben können. Kickers-Trainer Gehrmann erklärte die Aktion gegenüber der Bild folgendermaßen: "Ich bin ja katholisch, und da oben gibt es ein Konto, und da kann man abheben und einzahlen. Heute war es wahrscheinlich so, dass wir damit wieder eingezahlt haben und vielleicht wieder Guthaben vorliegt."


Unabhängig davon, ob die Beweggründe des Handelns nun religiöser oder einfach nur philanthropischer Natur sein mögen: zum Nachahmen sind solche Aktionen absolut und jederzeit zu empfehlen.