Julian Pollersbeck und der Hamburger Sport-Verein - eine Geschichte, die nie einfach zu lesen war, aber trotzdem mit ein wenig Abschiedsschmerz geendet ist. Auf einer Wellenlänge befanden sich "Polle" und der HSV selten - in drei gemeinsamen Jahre dominierte ein ständiges Auf und Ab. Vergangene Woche ging es dann schnell: Pollersbeck schloss sich Olympique Lyon an und beginnt damit ein neues Kapitel in seiner Karriere. Auf Instagram verabschiedete sich der Keeper nun vom HSV - emotional und ehrlich.


Im Jahr 2017 galt Julian Pollersbeck als riesiges Talent. Der frischgebackene U21-Europameister gehörte zu den begehrtesten Spielern auf dem Transfermarkt. Für 3,5 Millionen Euro kam der 1,95 Meter große Keeper damals vom 1. FC Kaiserslautern in die Hansestadt, um in große Fußstapfen zu treten. Vor ihm hüteten Ikonen wie Frank Rost, Jaroslav Drobny oder Rene Adler das Tor der Hanseaten.


Dass die Personalie Pollersbeck jedoch vor allem außerhalb des Platzes für Aufsehen sorgen wird, ahnte damals noch niemand.


Großes Talent mit den Gedanken im Nachtleben


Wer beim HSV spielt, der weiß, dass an der Elbe ein besonderes Klima herrscht. Besonders in den Zeiten, in denen es sportlich immer weiter bergab ging, war es für die Spieler nie leicht, mit der Raute auf der Brust aufzulaufen. Pollersbeck geriet beim HSV mitten in den verzweifelten Kampf um den Klassenerhalt. Der Druck auf und auch neben dem Platz war enorm. Pollersbeck war auch der Torwart, mit dem der HSV erstmals in der langen Geschichte den Gang in die Zweitklassigkeit antreten musste, was am gebürtigen Bayer nicht spurlos vorbeizog,


war der Druck zu groß?

Mehrfach kursierten Berichte, dass der Torwart das Hamburger Nachtleben nutzte, um dem Druck zu entwischen, was sich leider auf seine Leistungen und sein Standing innerhalb des Teams auswirkte.
Viele Trainer zerbrachen sich den Kopf, wenn es um Julian Pollersbeck ging. Seine großartigen Fähigkeiten sind unumstritten, sein abschweifendes Gemüt berüchtigt. Dennoch war "Polle" immer ein Sportsmann, der sich loyal in den Dienst der Mannschaft stellte und immer ein offenes Ohr für die Fans hatte - in Hamburg wird man ihn sportlich und auch als Menschen vermissen.


Kahn: "Vielversprechendstes Torwarttalent!"


Ausgerechnet vom großen Oliver Kahn erhielt Pollersbeck im Jahr 2018 den Ritterschlag. Einer der besten Torhüter der Geschichte bezeichnete Pollersbeck damals als das "vielversprechendste Torwarttalent" des Landes, obwohl er mit dem HSV bereits abgestiegen war. Unter Christian Titz war Pollersbeck noch gesetzt, danach pendelte er immer wieder zwischen Startelf, Bank, Tribüne und Regionalliga - die Zeit des Torhüters beim HSV war von einer konstanten Inkonstanz geprägt.


seine Fähigkeiten sind unumstritten

Nahezu jedes Jahr stand Julian Pollersbeck vor einem Abschied aus Hamburg. In letzter Sekunde platzten die Vereinswechsel jedoch wieder - eine gewisse Ratlosigkeit schwebte über dem Volkspark. Wie man mit seinem Torwart am besten verfahren sollte, war lange unklar. Auch am Ende der abgelaufenen Saison begann sich das Karussell immer schneller zu drehen. Dieter Hecking war es, der Pollersbeck kurz vor dem Ende der Spielzeit zur Nummer 1 machte - ein vergeblicher Versuch, den Aufstieg doch noch zu realisieren.


Unter Neu-Trainer Daniel Thioune begann das Theater von vorne - erneut wurde "Polle" zur Nummer 3 degradiert, obwohl der 26-Jährige gegenüber Daniel Heuer Fernandes oftmals leistungstechnisch die Nase vorn hatte - so schien es zumindest.


Vom HSV in die Ligue 1


Am 18. September kam die offizielle Meldung: Julian Pollersbeck verlässt den HSV in Richtung Frankreich. Champions-League-Halbfinalist Olympique Lyon präsentierte Pollersbeck als neue Nummer 2 hinter Anthony Lopes. Bei OL unterschrieb Pollersbeck ein bis 2024 datiertes Arbeitspapier. Laut dem Portal transfermarkt kassiert der HSV gerade einmal 250.000 Euro für den Torhüter. Dank möglicher Boni könnte die Ablöse jedoch um 300.000 Euro steigen - auch eine Weiterverkaufsbeteiligung in Höhe von 15% ließen sich die Rothosen anschreiben.


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Grateful & happy to join @ol ??? #lyonnais

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Sportlich ist dieser Schritt für den ehemaligen U21-Nationaltorhüter Deutschlands sicherlich eine enorme Steigerung - Chancen auf regelmäßige Spielzeit wird sich Pollersbeck hinter dem Nationaltorhüter Portugals, Lopes, jedoch nur bedingt ausrechnen können.


Emotionaler Abschied mit Rückblick auf besondere Momente


Auf der Plattform Instagram meldete sich Julian Pollersbeck nun mit emotionalen Zeilen zu Wort.
Dankend äußerte sich der 26-Jährige gegenüber allen Beteiligen im Verein und natürlich auch den Fans - besonders dank der Fans habe er es geliebt, in Hamburg zu spielen, da er immer eine bedingungslose Unterstützung gespürt habe. Die drei Jahre im HSV-Trikot bezeichnete der Keeper als "turbulent, lehrreich und auch schön". Er sei davon überzeugt, dass der HSV den Aufstieg nun im dritten Anlauf schaffen könne.


Leider verlasse ich den Verein wie ich gekommen bin, und trotzdem werde ich keine Sekunde im HSV Trikot bereuen! Julian Pollersbeck, Instagram

Mit dem oben aufgeführten Worten dürfte Julian Pollersbeck seine Rolle im Team gemeint haben. Schon kurz nach seiner damaligen Verpflichtung wurde klar, dass "Polle" vorerst nicht das Tor der Profis hüten werde. Christian Mathenia wurde stattdessen das Vertrauen geschenkt. Erst Christian Titz baute auf Pollersbeck, machte den Rechtsfuß zum Stammtorhüter und gewährte ihm zehn Einsätze in der Bundesliga. Nun, drei Jahre nach seiner Ankunft in Hamburg, verlässt der Keeper den HSV - als Ersatzmann.


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Liebe HSV‘er, Nach einigen turbulenten Tagen möchte ich mich an euch wenden! Als erstes möchte ich mich bei allen Mitarbeitern, Mitgliedern von Staff, Physios, Zeugwärten, Videoanalysten, Busfahrern, Teammanager und natürlich bei all meinen ehemaligen Teamkollegen verabschieden und bedanken für die drei turbulenten, lehrreichen und auch schönen Jahre! Ihr seid mir alle sehr ans Herz gewachsen und ich werde euch vermissen und hoffe, dass wir uns irgendwann wieder sehn! Ich wünsche euch eine erfolgreiche Saison und hoffe ihr könnt den Aufstieg zurück in die Bundesliga schaffen!???? Und natürlich möchte ich mich von denen, die den Verein so besonders machen, wieso ich es geliebt habe hier zu spielen, verabschieden: Den HSV-Fans! Vielen dank für 3 Jahre, die nicht einfach waren, aber in denen ich non stop eure Unterstützung gespürt habe, egal in welcher Position ich mich befand! Ich habe immer eure Rückendeckung gespürt und habe mich von euch wertgeschätzt gefühlt! Und dafür möchte ich einfach DANKE sagen! Leider verlasse ich den Verein wie ich gekommen bin, und trotzdem werde ich keine Sekunde im HSV Trikot bereuen! Ich werde im Herzen immer HSV‘er sein, dank euch! Danke Volkspark, danke Hamburg???⚫️⚪️ In Hamburg sagt man Tschüss, und in Bayern sagt ma Serwus beinand! #nurderhsv #derbysieger4ever #nullzuvierbleibtewigstehn #scheisaufschuleundarbeit @hsv

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In seinem Beitrag auf Instagram lässt Julian Pollersbeck besondere Momente Revue passieren. Ein Ereignis, das sich wohl in das Gedächtnis des Torhüter eingebrannt hat, ist der 4:0-Derbysieg aus dem März 2019, als man dem FC St. Pauli am heimischen Millerntor nicht den Hauch einer Chance lies. Damals hütete "Polle" das Tor der Rothosen. In den restlichen Sequenzen des Beitrags untermauert der Torwart seine Faszination für die Fans des HSV, die ihn immer unterstützen: "Ich werde im Herzen immer HSV'er sein, dank euch!"



Pollersbeck und der HSV - ein Missverständnis? Mit großen Erwartungen gekommen, leise gegangen. Besonders die ständigen Wechsel der Trikotnummer fassen die Zeit von "Polle" beim HSV sehr gut zusammen. Begonnen mit der 13, gewachsen mit der 1 und verabschiedet mit der 33; seinen genauen Platz fand der Bayer beim HSV nie - leider.
Ohne Zweifel: Julian Pollersbeck ist ein hervorragender Torhüter, dem jedoch vielleicht das letzte Quäntchen Ehrgeiz fehlt. In einer harmonierenden Mannschaft würde der 26-Jährige mit Sicherheit befreiter aufspielen können. Der hausgemachte Druck beim HSV spielte "Polle" nicht unbedingt in die Karten.


Danke Julian!

Oftmals stellten sich die Fans die Frage, warum sich die Trainer des HSV augenscheinlich weigerten, Pollersbeck aufzustellen. Seine Vorderleute strahlten selten Sicherheit aus - eine Antwort auf diese Fragestellung wird man wohl nie bekommen. So ganz nachvollziehbar ist nicht, warum der HSV Julian Pollersbeck gehen lassen hat.
Für den HSV stand Julian Pollersbeck 51 Mal zwischen den Pfosten. Für sein neues Abenteuer in Frankreich kann man dem sympathischen Bayer nur von Herzen viel Erfolg wünschen - Tschüss Julian, mach's gut!