Eigentlich war es 'nur' der Supercup, doch Joshua Kimmich wollte auch diesen Pokal unbedingt gewinnen. Dem Siegtorschützen des FC Bayern stand seine Freude nach dem Schlusspfiff wieder einmal ins Gesicht geschrieben. Er hat das Sieger-Gen des Rekordmeisters wie kein Zweiter verinnerlicht, ist aber längst nicht nur ein Mentalitätsmonster. Ohne Thiago wird er auch zum Strippenzieher des Bayern-Mittelfelds.


Schon früh ist darüber geschrieben und gesprochen worden, dass Joshua Kimmich ein hungriger und ehrgeiziger Spieler ist. Doch erst in der vergangenen Saison ist ersichtlich geworden, wie groß der Antrieb und die Lust aufs Gewinnen ist. Seit der deutsche Nationalspieler im defensiven Mittelfeld spielt, ist er schier unaufhaltsam.

Kimmich verkörpert das, was der FC Bayern von seinen Spielern verlangt, mit jeder Faser seines Körpers. Er will in jeder Sekunde den Ball gewinnen, läuft daher ohne zu zögern an, wenn er den ballführenden Spieler unter Druck setzen kann. Wie etwa bei seinem Siegtor zum 3:2 im Supercup gegen Borussia Dortmund, als Thomas Delaney ein Zuspiel mit dem Rücken zum Bayern-Tor annehmen und aufdrehen wollte. Schon als der Pass auf den Dänen gespielt wurde, spurtete Kimmich los, eroberte das Rund nach einem unsauberen Ballkontakt, spielte in der Folge einen Doppelpass mit Robert Lewandowski und veredelte den Angriff nach einer Parade von Marwin Hitz im Fallen.

Dieses Tor, so glücklich es im ersten Moment aussehen mag, verkörpert den Spieler Kimmich. Egal wie müde er ist, er hört erst dann auf zu sprinten, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Egal wie eng das Spiel ist, er will es gewinnen. Egal wie das Tor fällt, hauptsache der Ball landet im Netz. Es war ein Symbolbild seines Wesens und des Sieger-Gens der Bayern.


Ohne Thiago steigt Kimmich zum Chef auf


Doch Kimmich verkörpert noch mehr, allen voran seit Thiago weg ist. An der Seite des Spaniers war er für das Pressing zuständig, ohne ihn wird er mehr und mehr zum Spielgestalter. Kimmich aus dem Spiel zu nehmen war eine der Schlüsselaufgaben für den BVB. Lässt man ihm zu viel Raum, initiiert er zahlreiche Angriffe mit seinen scharfen flachen Pässen oder den hohen Chipbällen hinter die Abwehr. Er ist ein absoluter Allrounder, der das Spiel verlagern oder schnell machen kann, der seine Mitspieler gekonnt in Szene setzen kann, der aber auch selbst den Abschluss wagt und seine Gegenspieler obendrein quer über den Platz jagt.


Der Supercup ist der fünfte Titel dieses Jahres, doch Kimmich hat noch lange nicht genug

Im Zentrum blüht Kimmich mehr auf denn je. Von dort aus hat er einen viel größeren Einfluss als auf der Rechtsverteidiger-Position, die er mittlerweile nur noch notgedrungen übernimmt. Er lässt sich zwischen die Innenverteidiger fallen oder positioniert sich auf der Acht, wenn sein Nebenmann diese Aufgabe übernimmt. Er peitscht seine Mitspieler nach vorne, pusht am meisten aber sich selbst. Er ist ein unermüdlicher Arbeiter, ein Stratege, ein Führungsspieler wie er im Buche steht. Er ist einer der Typen, die im modernen Fußball fehlen, die den Finger tief in die Wunde legen und sich auch mit den eigenen Mannschaftskollegen anlegen, die nicht nur mit Tricks und Körpertäuschungen brillieren, sondern auch kratzen und beißen. Für die Spielweise von Hansi Flick ist Kimmich daher unersetzlich.

Seine Entwicklung ist bemerkenswert. Mit 25 Jahren hat er auf Vereinsebene fast alles gewonnen, einzig die Klub-Weltmeisterschaft steht noch aus. Gewinnt er dann auch noch eine Welt- oder Europameisterschaft mit der deutschen Nationalmannschaft, gehört er endgültig zu den ganz Großen im deutschen Fußball.