Dass der FC Bayern München auf absehbare Zeit die unangefochtene Führungsposition im deutschen Vereinsfußball innehaben wird, ist ein Allgemeinplatz. Kein Klub in Deutschland hat einen höheren Etat, bei keinem anderen Verein verdienen die Spieler so viel wie beim Rekordmeister. Daran und an die entsprechenden Möglichkeiten der Münchener auf dem Transfermarkt hat sich die hiesige Konkurrenz mittlerweile gewöhnt. Doch wenn die Bayern darüber hinaus auch noch aggressiv junge Talente von den Konkurrenten abwerben, ist das für die besonders ärgerlich.


Sieb und Sanyang hinter dem Rücken ihres Klubs abgeworben


So wie für die TSG Hoffenheim. In deren U17-Mannschaft kickten nämlich bis vor kurzem zwei äußerst vielversprechende Nachwuchskicker: Armindo Sieb und Mamin Sanyang. Die guten Leistungen der Youngster blieben natürlich auch der Konkurrenz nicht verborgen. Und so luden die Bayern Armindo Sieb im April zu Vertragsgesprächen und, wenn man schon mal zusammen ist, auch gleich zu einer medizinischen Untersuchung. Wohlgemerkt: zu Zeiten des Lockdowns. Wenige Wochen später stand der Transfer fest.


"Er hat in der U-17-Bundesliga und auch in der Nationalmannschaft mit tollen Leistungen und vielen Scorer-Punkten auf sich aufmerksam gemacht und das Interesse mehrerer Vereine auf sich gezogen", kommentierte damals der Leiter des Jugend-Camps der Bayern, Jochen Sauer, die Verpflichtung Siebs euphorisch. Während sich die Kraichgauer in einer Mischung aus Schockstarre und Empörung wiederfanden.


Armindo Sieb schloss sich im Frühjahr den Münchenern an

Doch damit nicht genug. Vor wenigen Tagen meldeten die Münchener auch Vollzug in der Causa Sanyang. Wieder jubelte Sauer: "Mamin ist ein pfeilschneller und torgefährlicher Außenbahnspieler." Der jetzt statt in Sinsheim in München auf Torejagd geht - und perspektivisch irgendwann die Profis der Bayern, und nicht der Hoffenheimer, verstärken wird.


TSG: "Wir machen den Job in der Akademie!"


Und wieder waren sie empört bei der TSG. Doch machten sie ihrem Ärger diesmal auch Luft: "Es ist auch unter Solidaritätsaspekten zumindest diskussionswürdig, dass der FC Bayern mit einer dreiviertel Milliarde Euro Umsatz nun das Geschäftsfeld der Talent-Abwerbung derart aktiv betreibt", beklagte TSG-Geschäftsführer Frank Briel das Vorgehen der Münchener. "Das ist aus deren unternehmensstrategischer Sicht vielleicht clever, aber uns tut das schon weh, denn dafür machen wir den Job in der Akademie", erklärte er gegenüber dem kicker.


Zum Vergleich: der genannten Dreiviertelmilliarde, mit denen die Münchener alljährlich planen können, stehen auf Hoffenheimer Seite rund 162 Millionen Euro gegenüber. Mehr als viermal so wenig.


Bayern spricht von Vorbildfunktion, und handelt doch nur egoistisch


Und bei seiner Kritik hat Briel noch nicht einmal die wenig elegante Art der Kontaktaufnahme mit den Spielern, hinter dem Rücken des Vereins, benannt. Dies könnte aber auch nur daran liegen, dass im entsprechenden Maßstab dieselben Handlungsmuster auch von den übrigen Klubs der Bundesliga praktiziert werden. Denn Fußball ist bisweilen ein schmuddeliges Geschäft. Mit dem Finger einzig auf die Bayern zu zeigen, wäre billige Polemik und würde den Realitäten nicht gerecht.


Dennoch sei die Frage erlaubt, warum die Bayern nicht auch mal Vorbild sein können in puncto Transparenz und Offenheit bei derartigen Transfers. Denn wer sich regelmäßig als Aushängeschild des deutschen Fußballs feiern lässt (und sich selbst auch so nennt), muss sich daran auch messen lassen.