Thomas Müller ist ein spezieller Fußballer. Der 30-Jährige braucht einen Trainer mit einer Spielphilosophie, die ihm im Angriffsdrittel Freiräume gewährt, damit er auf seinen Instinkt als 'Raumdeuter' vertrauen kann. Galt er unter vielen Trainern auf dem rechten Flügel als verschenkt, blüht er unter Hansi Flick in dieser Rolle wieder auf - nichtsdestotrotz ist Müller hinter der Spitze am besten aufgehoben.


Sein Tor gegen Eintracht Frankfurt (5:2) war ein 'typischer Müller', wie nicht nur Sky-Kommentator Kai Dittmann aufgefallen sein dürfte. Die Flanke von Alphonso Davies verarbeitete Thomas Müller im Strafraum auf seine ganz eigene Art: überhaupt nicht elegant, aber irgendwie doch so gut, dass er zum Schuss ansetzen und Eintracht-Torwart Kevin Trapp überwinden konnte. Müller aber nur auf seine schmächtig wirkende Statur und seine scheinbare Ungeschicktheit zu reduzieren, wird ihm als Spielertyp keineswegs gerecht.

Müller ist ein extrem intelligenter Spieler, der frühzeitig Räume erkennt und in diese eindringt. Dadurch bindet er mindestens einen Gegenspieler an sich und kreiert Räume für seine Mitspieler. Besonders Robert Lewandowski profitiert von der Vorarbeit des Weltmeisters, der auch ohne direkte Beteiligung bei vielen Toren seine Finger im Spiel hat.

Das 1:0 gegen Frankfurt, erzielt von Leon Goretzka, war gewissermaßen auch ein 'typischer Müller'. David Alaba spielte einen Steilpass auf die linke Außenbahn, Ivan Perisic rückte beim Zuspiel raus und band dadurch Almamy Touré an sich. Der Kroate ließ den Ball durchrutschen, da er frühzeitig erkannt hatte, dass Müller in den nun freien Raum eindringen würde. Anschließend gelangte Müller hinter die letzte Abwehrkette, marschierte bis zur Grundlinie und spielte den Ball scharf in den Rückraum, in den Goretzka nachrückend eingelaufen war. Der eher defensiv agierende Mittelfeldspieler stand blank im Frankfurter Strafraum und musste den Ball nur noch einschieben.


Hinter der Spitze ist Müller besser aufgehoben


Wenngleich Perisic der halbe Assist gebührt, hat sich in dieser Szene Müllers größte Stärke offenbart - das bereits angesprochene Erkennen und Besetzen von Räumen. Am effektivsten ist er auf der Zehn, da er aus der zentralen Position heraus sowohl auf die linke als auch auf die rechte Seite ausschwärmen kann. Wird er dagegen als Rechtsaußen eingesetzt, zieht er häufig ins Zentrum, während der eigentliche Zehner - gegen Union Berlin bekleidete Goretzka diese Position - auf die Außenbahn ausweicht und Rechtsverteidiger Benjamin Pavard ebenfalls nach vorne schiebt.


Grundsätzlich sollte Serge Gnabry (l.) den Vorzug auf der rechten Außenbahn genießen

Auf dem Flügel kann Müller funktionieren, doch je nach Gegner berauben sich die Bayern dann ihrem Tempo und ihrer Dynamik. Natürlich ist die Frage, wo Müller spielt, auch eine Frage, welche Spieler zur Verfügung stehen, grundsätzlich wäre jedoch Serge Gnabry besser auf der Außenbahn aufgehoben. Der deutsche Nationalspieler ist technisch beschlagen, sucht das Eins-gegen-eins und verfügt neben einer hohen Geschwindigkeit auch über eine hohe Torgefahr.

Sobald Kingsley Coman oder Perisic ausfallen, ist Gnabry allerdings auf links gefordert - und dann müsste Müller wieder auf rechts aushelfen. Das war zu Rückrundenbeginn der Fall, als Coman und Gnabry verletzungsbedingt gefehlt haben. Mittlerweile spielt Müller aber wieder hinter der Spitze.


Welche Variante wählt Flick für das BVB-Spiel?


Am Dienstag steht ein Schlüsselspiel im Meisterkampf bevor: Die Münchner Bayern gastieren bei Borussia Dortmund. Die Mannschaft von Hansi Flick reist mit vier Punkten Vorsprung an und könnte diesen auf sieben ausbauen, der BVB ist seinerseits darum bemüht, den Rückstand auf einen Punkt zu verkürzen.

Dortmund agiert in einem 3-4-3 und dürfte wie in den vergangenen Spielen gegen Bayern auf Umschaltmomente setzen. Das hohe Positionsspiel des Rekordmeisters bietet viele Räume, die die ausschwärmenden Außenverteidiger, die Flügelspieler und nicht zuletzt Mittelstürmer Erling Haaland ausnutzen sollen. Aufgrund dessen dürfte Flick das Risiko dosiert erhöhen und speziell zu Spielbeginn auf Kontrolle durch Ballbesitz setzen, statt voll zu attackieren und in gefährliche Konter zu laufen.

Doch welche Variante bietet sich am Dienstag für die Offensive? Da Thiago aller Voraussicht nach ausfällt, dürfte Goretzka erneut mit Joshua Kimmich die Doppelsechs bilden. Letzterer lässt sich neben Thiago häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, gegen Frankfurt übernahm Goretzka jedoch den defensiven Part. Während er sich häufig am Mittelkreis aufhielt und sich nur nachrückend in die Angriffe einschaltete, agierte Kimmich deutlich offensiver als gewohnt. Der frühere Rechtsverteidiger marschierte permanent ins letzte Drittel, spielte intelligente Flachpässe und bildete mit Lewandowski und Müller die vorderste Front im Gegenpressing.


Gegen den BVB sollte Thomas Müller zentral agieren

Somit bleibt für Müller nur die Position hinter der Spitze, da andernfalls Goretzka auf der Zehn und folglich Mickael Cuisance oder der behäbige Javi Martinez auf der Sechs spielen müssten. Außerdem glänzte bereits beim 4:0-Erfolg im Hinspiel die Dreier-Achse um Kimmich, Goretzka und Müller. Im (Gegen-)Pressing überzeugten sie durch ihr gutes Positionsspiel und aggressives Anlaufen, das den BVB über weite Strecken der Partie überforderte.

Auf den Flügeln braucht es derweil diese Geschwindigkeit und Dynamik, die Coman und Gnabry mitbringen. Dann könnten Müller und Kimmich im Zusammenspiel mit dem Flügelspieler und dem vorrückenden Außenverteidiger die Angriffsseite überladen, während bis zu drei Spieler im Strafraum lauern. Auf diese Weise kann der BVB geschlagen werden.