Die Corona-Krise hat das Sportliche beim 1. FC Köln auf den Kopf gestellt. Seit 13 Pflichtspielen ist die Mannschaft sieglos, die Derby-Pleite gegen Borussia Mönchengladbach (1:3) offenbarte die Rückentwicklung seit März. Nur zwei Monate nach der Vertragsverlängerung bis 2023 gehen Markus Gisdol die Argumente aus.


In der abgelaufenen Saison war der FC Schalke 04 in aller Munde, zuletzt rückte auch Mainz 05 aufgrund der Suspendierung von Adam Szalai und dem darauffolgenden Spielerstreik in den Vordergrund. Außerhalb der großen öffentlichen Wahrnehmung erlebte aber auch der 1. FC Köln eine Talfahrt, die bis heute anhält. Von Mitte Dezember bis Anfang März gewann der FC zwar sieben seiner zehn Bundesligaspiele, seither befinden sich Markus Gisdol und die Seinen aber auf einem Holzweg.


Schalkes Ex-Trainer David Wagner wurde nach 18 sieglosen Bundesligaspielen entlassen, Gisdol steht aktuell bei 13. Beim ersten Geisterspiel im März (1:2 bei Borussia Mönchengladbach) sowie nach dem Re-Start im Mai waren die Rheinländer kaum wiederzuerkennen: Am 26. Spieltag verspielten sie eine 2:0-Führung gegen Mainz, eine Woche später wandelten sie kurz vor Schluss einen 0:2-Rückstand gegen Fortuna Düsseldorf in ein 2:2 um. Es folgten knappe und deutliche Niederlagen, Punktgewinne aber nur selten. Den letzten Zähler holte der FC beim 1:1 gegen Eintracht Frankfurt am 33. Spieltag, zum Saisonende kollabierte er bei Werder Bremen und ging mit 1:6 unter.

Geschäftsführer Horst Heldt verlängerte dennoch Gisdols Vertrag bis 2023. Schließlich hatte der 51-Jährige den schwach gestarteten Aufsteiger in einer heiklen Lage übernommen und bewies unter anderem mit der Integration einiger Nachwuchsspieler Mut zum Risiko. Mit Jhon Cordoba als Stoßstürmer ging es bergauf, zwischenzeitlich war sogar vom Europapokal die Rede. Der Abstieg war dagegen in weiter Ferne - und so konnte man die schwachen Leistungen mit einem Spannungsverlust zum Saisonende begründen und den Trainer entlasten, um für Kontinuität zu sorgen und auf dem gebauten Fundament in die neue Spielzeit zu gehen.


Neue Saison, alte Probleme


Die Saison 2020/21 ist mittlerweile in vollem Gange - doch in Köln hat sich nichts verändert. Auch wegen einer äußerst schwierigen Transferperiode kämpft der Verein einzig und allein gegen den Abstieg. Sebastian Andersson könnte Cordoba vergessen machen, zweifelhaft erscheint hingegen, ob Neuzugang Ondrej Duda den Verlust von Mark Uth auffangen kann. Die ehemalige Schalker Leihgabe hatte mit fünf Toren und sechs Vorlagen einen riesigen Anteil am zwischenzeitlichen Höhenflug in der Rückrunde.


Gemeinsam mit Mainz und Schalke hat der 1. FC Köln derzeit keinen einzigen Zähler auf dem Konto

Dimitrios Limnios und Marius Wolf verstärken die Mannschaft noch einmal auf den Außenbahnen, doch es liegt auch an Gisdol, die Neuzugänge zu integrieren und ein erfolgreiches Spielsystem zu entwickeln. Aktuell scheinen lange Bälle auf Andersson das Mittel der Wahl zu sein, doch es ist kaum verwunderlich, dass dessen Ex-Klub Union Berlin mittlerweile auf einen spielerischen Ansatz setzt. Nur mit einer kompakten Defensive und einem Zielspieler in der Spitze hat man in der Bundesliga auf Dauer keinen Erfolg - das weiß auch der Hamburger SV, den Gisdol von September 2016 bis Januar 2018 betreut hatte und der wenige Monate nach seiner Entlassung abgestiegen ist.


Wie beim HSV: Gisdol findet keine Lösungen


Geschichte scheint sich zu wiederholen. Bleiben die Ergebnisse aus, gehen Gisdol die Ideen aus. Vier Punkte aus den letzten 13 Bundesligaspielen und ein Torverhältnis von 16:33 sind zu wenig, ein körperloser Auftritt wie am vergangenen Wochenende nicht bundesligatauglich. Borussia Mönchengladbach konnte die tiefe 5-3-2-Formation problemlos überspielen, weil Köln nicht einmal im Mittelfeld so etwas wie einen Pressing-Ansatz präsentierte und sich viel zu leicht auseinanderziehen ließ.

Geblendet von der zwischenzeitlichen Erfolgsserie schenkten die Verantwortlichen ihrem Trainer das Vertrauen - nach aktuellem Stand eine Fehleinschätzung, die auch den Machern auf Schalke und in Mainz passiert ist. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Gisdol noch Argumente die für ihn sprachen, sein Kredit scheint mittlerweile aber so gut wie aufgebraucht. Es erinnert an seine letzten Monate beim HSV, in denen er nur zwei seiner letzten 17 Partien gewinnen konnte. Will der FC die Klasse halten - das Potenzial ist durchaus vorhanden - scheint eine Kurskorrektur die einzig richtige Lösung zu sein. Wenn es Gisdol nicht gelingt, muss jemand anderes übernehmen.