Transfers bleiben ein großes Fragezeichen. Der FC Bayern will sich verstärken, muss aber darauf achten, den Bogen nicht zu überspannen. Nach dem erneut geäußerten Transferwunsch von Cheftrainer Hansi Flick wunderte sich Thomas Müller über Transfergerüchte, die trotz des Gehaltsverzichts der Spieler kursieren. Nichtsdestotrotz müssen die Münchner nachrüsten, der aktuelle Kader reicht auf Dauer nicht aus.


Die Verantwortlichen an der Säbener Straße benötigen viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihren Stars. Das betrifft nicht nur diejenigen, die regelmäßig zum Einsatz kommen, sondern vor allem die, die die meiste Zeit auf der Ersatzbank verbringen. Allzu breit soll der Kader nicht sein, um Unruhen zu vermeiden und den Mannschaftsgeist aufrechtzuerhalten. Doch seit mehreren Jahren geht die Mannschaft im Laufe einer Saison auf dem Zahnfleisch - auch deshalb wurde seit 2013 kein Champions-League-Finale mehr erreicht.

Der aktuelle Kader misst laut transfermarkt.de 29 Feldspieler. Eine gewöhnliche Größe, doch 9 Akteure (Christian Früchtl, Ron-Thorben Hoffmann, Lars Lukas Mai, Mickael Cuisance, Sarpreet Singh, Oliver Batista Meier, Leon Dajaku, Joshua Zirkee, Fiete Arp) sind regelmäßig bei den Amateuren. Bleiben also noch 20, von denen am Wochenende bis zu 6 Spieler fehlen werden: Corentin Tolisso, Philippe Coutinho und Niklas Süle sind verletzt, auch Serge Gnabry konnte im Pokal-Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt (2:1) nicht mitwirken. Zudem fehlen Robert Lewandowski und Thomas Müller gelbgesperrt.

Derzeit bereitet der Angriff Sorgen, in der Hinrunde war es noch die Abwehr. 14 gesunde Spieler reichen nicht aus, um dauerhaft auf allen drei Hochzeiten zu tanzen - insofern dürfen die Verantwortlichen froh darüber sein, dass die Europapokalsaison erst im August fortgesetzt werden soll.


Flick macht Druck


Cheftrainer Hansi Flick ist sich der Problematik bewusst und forderte vor dem Pokalspiel gegen Frankfurt erneut Verstärkung auf den Flügeln und der Außenverteidigung: "Sowohl offensiv als auch defensiv wäre etwas mehr Breite gut. Zusätzlich würde auch Tempo helfen", sagte der 55-Jährige laut Sport1 und ergänzte, drei Flügelspieler (Serge Gnabry, Kingsley Coman, Ivan Perisic) seien "für die ganz großen Ziele doch etwas wenig."

Wie schon in der Winterpause übt Flick Druck auf die Klubführung aus. Die Verantwortlichen äußerten sich zuletzt widersprüchlich, Oliver Kahn brachte sogar einen transferlosen Sommer ins Spiel. In Anbetracht der Kaderstruktur wäre das jedoch der Worst Case; nicht nur, weil es in dieser Saison mehrfach brenzlig geworden ist, sondern weil die Leihspieler Alvaro Odriozola und Philippe Coutinho voraussichtlich wieder zu Real Madrid respektive dem FC Barcelona zurückkehren werden. Auch Ivan Perisic ist nur ausgeliehen, allerdings deutet alles auf einen Verbleib des Kroaten hin. Ungeklärt ist zudem die Zukunft von Jerome Boateng, Javi Martinez und Corentin Tolisso.


Müller findet Transfergerüchte "ein bisschen paradox"


Gefordert ist neben dem von Flick angesprochenen Flügelspieler und Außenverteidiger auch ein offensiver Mittelfeldspieler. Kai Havertz wäre die 1A-Lösung, der Preis für den Leverkusener geht aber in den dreistelligen Millionenbereich. "In meinen letzten Zügen bei der Nationalelf bin ich in den Genuss gekommen, mit ihm trainieren und spielen zu dürfen. Kai Havertz ist ein extrem guter Spieler. In dem Alter ein Top-Talent Europas. Er hat so gute Fähigkeiten. Und natürlich wollen wir beim FC Bayern immer die Spieler mit den besten Fähigkeiten haben", schwärmte Thomas Müller am Mittwochabend von Havertz (via BILD) - doch die wirtschaftliche Situation ist dem Leistungsträger ein Rätsel.

"Aber ich habe leider keinen Einblick auf den Finanzbereich von Herrn Dreesen und den Sportdirektorenbereich. Ich weiß jetzt nicht, was da geplant ist, welche Budgets da vergeben werden können in den aktuellen Zeiten. Es ist ja auch ein bisschen paradox, wenn man immer über Neuzugänge spricht und gleichzeitig Gehälter eingespart werden", so Müller.


Thomas Müller äußert Zweifel am Gehaltsrahmen des FC Bayern

Dass der Klub finanziell gut aufgestellt ist, geht nicht zuletzt aus den Vertragsverlängerungen mit Flick, Müller, Manuel Neuer und Alphonso Davies hervor. "Unsere Angebote sind extrem fair und seriös – ohne Corona-Discount", sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge im April gegenüber BILD. Auch das Transferbudget dürfte nicht allzu sehr unter der Corona-Krise leiden. Vielmehr gehe es bei den Gehaltseinsparungen darum, die Verluste durch die fehlenden Zuschauereinnahmen aufzuwiegen und den übrigen Angestellten weiterhin ihr volles Gehalt auszahlen zu können, erklärten Ex-Präsident Uli Hoeneß und Rummenigge Ende April (via FAZ).

Dennoch steht ein dreistelliger Millionentransfer in den Sternen - und doch müssen die Bayern auf der Zehn nachrüsten; auch wenn Thomas Müller seit Monaten in bestechender Form ist. Es ist ein schwieriger Spagat zwischen Spielern, die den Kader in der Breite ergänzen, aber noch genügend Qualität für den FC Bayern aufweisen sollen - nur wollen Spieler von diesem Kaliber auch regelmäßig spielen. Will der Klub aber seinen über Jahre aufgebauten Vorsprung nicht verlieren, muss er aktiv werden. Sonst droht dieser schneller einzubrechen als gedacht.