Durch den 5:2-Erfolg über Eintracht Frankfurt hat der FC Bayern einen neuen Rekord aufgestellt: 80 Tore nach 27 Spieltagen sind noch keiner Mannschaft in der Geschichte der Bundesliga gelungen. Die Bayern-Offensive rollt - und doch ist es nicht der beste Angriff aller Zeiten.


Galten die Bayern unter Niko Kovac noch als untrainierbar, so hat Hansi Flick eindrucksvoll gezeigt: Es braucht einen Trainer, der diese Spieler versteht, der mit ihnen umgehen kann und der eine Spielphilosophie pflegt, die mit der des Vereins übereinstimmt. Der FC Bayern spielt offensiv nach vorne, will eine Partie mit Ballbesitz dominieren, die Abwehr des Gegners in ihre Bestandteile zerlegen und die entstehenden Räume nutzen, viel wichtiger aber noch: den Ball sofort zurückerobern, wenn er verloren geht.

Flick vereint Elemente aus der Zeit unter Jupp Heynckes und Pep Guardiola. Da wäre diese mannschaftliche Geschlossenheit, das "Mia san mia", alle ziehen zusammen an einem Strang und kämpfen in jedem einzelnen Spiel für den Sieg; da wäre dieser unheimliche Druck, der mit und ohne Ball erzeugt wird, wenn die Schlagzahl erhöht wird und nach Ballverlust sofort ins Gegenpressing übergegangen wird; da wäre dieses riskante Spiel, in dem die Mannschaft extrem hoch steht und dem Gegner viele Räume bietet, die Gegenstöße aber mit aller Konsequenz verhindert und sofort wieder auf das Tor zustürmt.


80 Tore nach 27 Spielen - ein neuer Rekord


Diese Elemente spiegeln den Cheftrainer Hansi Flick wider; der auf Zusammenhalt auf allen Ebenen setzt; der weiß, dass man nicht nur gewinnen, sondern auch attraktiv spielen muss; der sich niemals auf den Lorbeeren ausruht, sondern immer weitermacht, sich und seine Mannschaft stets verbessern will. Und seine Arbeit fruchtet: 20 seiner 23 Pflichtspiele hat er gewonnen, dabei 74 Treffer bejubeln dürfen - 55 davon in der Bundesliga.


Die Bayern wirken unter Flick wieder unaufhaltsam

Binnen 17 Spielen hat der Rekordmeister die Anzahl an erzielten Toren von 25 auf 80 hochgeschraubt, im selben Zeitraum nur 12 Gegentore kassiert. Weder in der Triple-Saison 2012/13, noch unter Guardiola hatten die Bayern nach 27 Spieltagen 80 Treffer auf dem Konto - eine Marke, die zu Saisonbeginn unrealistisch schien.

In den ersten Wochen hing alles von Robert Lewandowski ab, doch unter Flick ist der Pole nicht mehr der einzige, wenngleich noch immer der wichtigste Torschütze. Da wäre noch ein Thomas Müller, der unter Flick so gut funktioniert wie unter Guardiola, ein torgefährlicher Serge Gnabry, und selbst der als gescheitert geltende Philippe Coutinho steht bei acht Toren. Die Last verteilt sich auf vielen Schultern, insgesamt 14 Kaderspieler haben in der laufenden Saison getroffen.


2015/16 bleibt die Benchmark


Aber lässt sich die Stärke einer Offensive rein an ihrem Output identifizieren? Nein. Es gehört mehr dazu. Aktuell mögen die Bayern so herausragend spielen wie in den vergangenen Jahren, doch die Saison 2015/16 wird immer die Benchmark bleiben. In Guardiolas letzter Saison spielten die Münchner jeden Gegner an die Wand, erzeugten bis zur Schlusssekunde allerhöchsten Druck, entfalteten eine Wucht, die ihrerseits unvergleichbar war.


Pep Guardiola sah im Rückspiel gegen Atlético Madrid die besten Bayern aller Zeiten - und doch schied der Rekordmeister am Ende aus

Der absolute Höhepunkt war das Rückspiel im Halbfinale der Champions League. 33 Schüsse wurden in 90 Minuten auf das Tor von Atlético Madrid abgefeuert, doch Jan Oblak war kaum zu überwinden, parierte im ersten Durchgang sogar einen Elfmeter von Thomas Müller. Atléti-Trainer Diego Simeone schwärmte nach der Partie (zitiert via uefa.com): "Ich habe in meiner ganzen Karriere noch nicht gegen so einen guten Gegner gespielt. Das war alles sehr schwer. Es ist unglaublich, was wir geschafft haben."


Flick ist auf einem sehr guten Weg


Noch kommen die Bayern nicht an das Niveau von damals heran - aber die Mannschaft ist auf einem sehr guten Weg. Gegen die Eintracht hätten mehr als fünf Tore fallen können, andererseits war es bereite der zehnte Kantersieg unter Flick. Kommt die Offensive einmal ins Rollen, ist sie kaum zu stoppen.

Die 100-Tore-Marke liegt erstmals seit 2013 in Reichweite. Damals standen nach 27 Spieltagen 78 Treffer auf dem Konto, am Ende waren es 98 - die zwei Tore, die die Bayern in der laufenden Saison mehr erzielt haben, könnten also den Unterschied machen. Es wäre eine geschichtsträchtige Spielzeit - und doch nicht die beste Bayern-Offensive aller Zeiten. Wenn Flick weiterhin so hervorragende Arbeit leistet, ist es allerdings nicht ausgeschlossen, dass er auch Guardiola in den Schatten stellen wird.