Die Bundesliga hat den ersten Geisterspieltag hinter sich bringen können, insgesamt war das Experiment bis dato von Erfolg gekrönt. So manche Aussagen sorgten jedoch dafür, dass unter den Fans und Zuschauern Kopfschütteln ausgelöst wurde - sowohl von Spielern, als auch von Trainern. Ein Appell an die berühmten fünf Sekunden Denken, bevor man handelt.


Bundesliga-Ikone Hans Meyer, u.a. Trainer und Vereinsfunktionär bei Vereinen wie dem 1. FC Nürnberg, Hertha BSC oder auch Borussia Mönchengladbach, hatte so manch guten wie lockeren Spruch auf den Lippen. Einer von ihnen ist sehr bekannt und - wenn auch etwas drastisch und überspitzt formuliert - momentan passend: "In jedem Kader gibt es fünf richtig blöde Spieler. Von denen würde einer auf jeden Fall unter der Brücke landen, wenn er nicht Fußball spielen würde."


Im Vorlauf zum nun vergangenen ersten Spieltag inmitten der durch das Coronavirus bedingten Geister-Kulisse hat der ein oder andere wohl öfter an diesen Spruch Meyers gedacht. Zum Teil musste sich der gemeine Beobachter der Bundesliga-Szenerie gar fragen, ob das eigentlich nicht allzu komplizierte Nachdenken mittlerweile aus der Mode geraten ist.


Kalous Livestream und Herrlichs Einkaufstour: So kompliziert ist es doch eigentlich nicht


Zum einen war da Salomon Kalou. Der Hertha-Stürmer ließ seine Anhängerschaft auf Facebook live am Innenleben in den Berliner Katakomben teilhaben. Transparenz, könnte man loben. Stattdessen bekam man über den Gehaltsverzicht motzende Spieler, die sich trotz der strengen Vorschriften locker und freundlich per Shakehands begrüßten. Zudem platzte Kalou mitten in einen Virus-Test hinein, in der weder Spieler noch Arzt vorschriftsmäßig geschützt waren - davon abgesehen, dass der 34-Jährige gar nicht erst hätte eintreten dürfen. Fröhlich über das Coronavirus singend endete die Arie an (in Neudeutsch) Facepalm-Momenten. Ein erster Aufschrei, bei dem die Frage gestellt werden musste: Wie blöd kann man eigentlich sein?


Dann gab es Heiko Herrlich, der ewig lange Wochen auf sein Debüt als Trainer des FC Augsburg warten musste. Nun war es endlich soweit, die letzte Woche der Hotel-Quarantäne stand bevor. Herrlich realisierte, dass er noch Zahnpasta und Hautcreme bräuchte. Selbst ist der Mann, dachte sich der Coach: Statt einen Vereinsmitarbeiter um einen kurzen Einkaufsgang zu bitten, ging Herrlich selbst los.


Er vergaß die Quarantäne, die Maske, Geld für den in der Regel notwendigen Einkaufswagen. Er diskutierte mit der Kassiererin, vergaß den Wagen dann erneut. Das wissen wir so detailreich, weil der Fußballlehrer diese kleine Geschichte - mit einem Grinsen auf den Lippen - herrlich ehrlich auf der virtuellen Pressekonferenz erzählte. Auch hier wäre eine kleine Bitte angebracht: Das nächste Mal bitte von zwölf bis Mittag denken. Fehler eingestehen und Konsequenzen ziehen ist richtig, aber doch bitte nicht die einfachste Quarantäne-Regel brechen.


Gisdol mit wenig Fingerspitzengefühl: "Da siehst du, welche Opfer du bringst"


Ein Kollege Herrlichs, Markus Gisdol vom 1. FC Köln, schien sehr unter der einwöchigen Quarantäne gelitten zu haben. Das Leben sei "kein schönes" gewesen in dieser Zeit. Zudem fügte der 50-Jährige bestürzt hinzu (via RP): "Du fährst zwischen Hotel und Trainingszentrum hin und her und siehst die Leute draußen auf der Straße laufen oder sogar im Eiscafé sitzen. Da siehst du, welche Opfer du bringst."


Zunächst gilt es festzuhalten, dass diese notwendige Quarantäne selbstverständlich eine Einschränkung ist - das ist logisch und nicht von der Hand zu weisen. Allerdings war sie Pflicht, damit die Spieler, Trainer und Betreuer ihrem Job nachgehen können. Nicht, weil sie etwa an einer Reality-TV-Show im Billig-Format teilnehmen und dort - zum Vergnügen des Zuschauers - leiden mussten.


Das Leben im Profifußball sei zuletzt "kein schönes" gewesen, so Markus Gisdol


Gerade zu Zeiten dieser Krise muss jeder einzelne Mensch, egal ob jung oder alt, Einschränkungen hinnehmen. Der eigene Sport fehlt, die Freunde konnte man lange nicht treffen, die Großeltern nicht besuchen, und und und. Auch hier wäre eine gute Portion Fingerspitzengefühl nicht verkehrt gewesen.


Lehmann als Fachmediziner unterwegs - Hertha muss sich von Aussagen distanzieren


Damit aber nicht genug. Hertha stellte vor Kurzem Jens Lehmann als neues Mitglied des Aufsichtsrates vor, er soll den Platz von Jürgen Klinsmann einnehmen. In den sozialen Netzwerken schienen die Fans nur auf den ersten Fehltritt des ehemaligen Nationalkeepers zu warten. Lange mussten sie das nicht. Gegenüber dem TV-Sender beIN Sports sagte er (via Spiegel): "Wir haben einige Spieler, die infiziert waren, und die meisten haben nicht mal Symptome gezeigt. Deswegen denke ich, für junge, gesunde Menschen mit einem starken Immunsystem ist das nicht so bedenklich."


Diese Aussagen sind schlicht nicht korrekt. Es sind einige Fälle bekannt, in denen junge Menschen, ohne Vorerkrankungen, ebenfalls schwere Krankheitsverläufe überstehen mussten. Zudem kann es Langzeitschäden geben, zu deren Ausmaß noch keine Gewissheit herrscht. Problematisch also, wenn Lehmann im TV eine medizinisch falsche Aussage tätigt. Zuvor war er im Sport1-Doppelpass bereits negativ aufgefallen, als er den Plan in die Runde warf, die Stadion nur teilweise zu befüllen. An der Komplexität des gesamten Virus-Geschehen völlig vorbei.

Der Hauptstadt-Klub reagierte schlussendlich. Ein Sprecher der Hertha erklärte, die getroffenen Aussagen seitens Lehmanns seien "nicht repräsentativ für den Verein". Dieser Vereinssprecher wird in Zukunft wohl so einiges mehr an Arbeit haben.


Auch Jens Lehmann machte zuletzt keine wirklich gute Figur

Blickt man auf diese einzelnen Situationen zurück, die allesamt innerhalb kurzer Zeit vor den ungewöhnlichen Geisterspielen passiert sind, so stellt sich die Frage, ob so manche Personen im professionellen Fußball-Geschäft nur nicht negativ auffallen, weil sie in klare Muster und Abläufe gedrängt werden. Entsteht eine ungewisse Lage, in der eigene Gedanken frei geäußert und Aktionen selbstständig unter Auflagen der Eigenverantwortung begangen werden, scheint so mancher überfordert zu sein.

Auch hier gilt es nochmal zu betonen: Jeder einzelne macht Fehler. Egal ob dieser jemand Herr Mustermann, Herr Herrlich, Herr Lehmann oder Frau Mustermann heißt. Nichtsdestotrotz musste man sich zuletzt regelmäßig über so manches wundern. Bleibt zu hoffen, dass das Kopfschütteln abnimmt. Niemand mag Kopf- und Nackenschmerzen.