Einer der ganz Großen des Fußballsports, für viele sogar der Allergrößte, wird heute (Freitag, 30.10.) 60. Das ist ein freudiges Ereignis für jeden Fußball-Liebhaber. Aber auch irgendwie ein kleines Wunder, wenn man berücksichtigt, wie sehr "la pelusa" (der Wuschelkopf) oftmals mit seinem Leben gespielt hat. Aber irgendwie hat es dieser kleine Teufelskerl immer wieder geschafft, auf die Beine zu kommen. Also, Diego, feliz cumpleaños y hasta los próximos sesenta años.


Weltmeisterschaft 1982 in Spanien


"Gol de Maradona", hörte ich damals, im Sommer 1982, einen meiner spanischen Spielkameraden in die Runde rufen. Meine Eltern und ich verbrachten jene Wochen in der nähe von Málaga und ich spielte meistens den ganzen Tag mit den Jungs aus der Nachbarschaft. Für mich hörte es sich an wie "Goldener Maradona". Und das wäre ja auch irgendwie nicht ganz falsch gewesen.


So richtig kannte ich den Spieler damals gar nicht, denn von seinem spektakulärem Wechsel in ebendiesem Sommer (von Boca Juniors zum FC Barcelona) hatte man in Deutschland nur am Rande erfahren. Man wusste nur, dass er das neue Wunderkind des argentinischen (und womöglich bald globalen) Fußballs sein sollte, und die Weltmeisterschaft in Spanien, so die Meinung vieler Experten, sollte die erste Krönung für den künftigen Herrscher über diesen Sport sein.


Gol de Maradona also. Über spätere Recherchen habe ich herausgefunden, dass es ein Tor im Vorrundenspiel gegen die Ungarn gewesen sein musste, denn nur gegen die Magyaren traf der Hochgelobte während dieses Turniers. Schon in der der Gruppenphase folgenden Zwischenrunde (einer Art Ersatz für Achtel-und Viertelfinale im K.o.-System) war für die Titelverteidiger aus Südamerika Schluss.


Maradona, wohl immer noch genervt (und schmerzbeladen) von den dauernden Attacken eines gewissen Claudio Gentile im Spiel gegen Italien (1:2), verlor mit der Albiceleste auch das zweite Spiel der Zwischenrunde gegen Brasilien (1:3), flog dabei auch noch vom Platz - und schwupps war das Weltturnier für ihn schon zu Ende, noch ehe es richtig angefangen hatte.


Von Maradonas Skandalen und Überwerfungen in Barcelona habe ich dann damals kaum etwas mitbekommen. In mein Blickfeld geriet er eigentlich erst wieder vier Jahre später, bei der WM in Mexiko.


Weltmeisterschaft in Mexiko 1986


Die Vorrunde hatten die Gauchos ohne große Mühen überstanden, auch das Achtelfinale gegen Uruguay war nicht so eng, wie es das Endergebnis (1:0) vermuten lassen könnte. Und dann stand mit dem Spiel England-Argentinien eines der ersten Höhepunkte des Turniers auf dem Programm. Politisch zudem aufgeladen aufgrund des erst wenige Jahre zuvor beendeten kriegerischen Konflikts zwischen beiden Ländern wegen der Falklandinseln.


In der 54. Spielminute dieses Matches trat Diego Armando Maradona dann in die ewige Hall of Fame des Fußballs ein. Am besten lässt man Victor Hugo Morales, damals Reporter von Radio Argentina, diese Sequenz schildern.


"Enrique am Ball...spielt zu Maradona....hat ihn, wird von zweien gedeckt, Reid, Hodge, ...geht nach rechts, dreht sich, lässt sie stehen....ein Genie!, ....stürmt, stürmt, der nächste, der nächste und noch einer!, spielt zu Burruchaga, nein, nein, weiter alleine, ... Fenwick kommt, weg, immer noch Maradona!, ...jetzt noch Shilton!, er legt, vorbei, Diego, Diego, Genie, Genie, Genie, ...ta-ta-ta-ta-ta-, Gooool!, Gooool argentino!!!...ich möchte weinen, verzeihen Sie mir! Heilige Götter! Viva Fußball, Diego, Diego, Maradona! Das Dribbling aller Zeiten, kosmisch, von welchem Planeten kommst du, Diego? Ihr Götter, habt Dank für diesen Maradona, diese Tränen!" (Quelle: kicker-Jahrbuch des Fußballs 86/87)


Es war das 2:0 und die Entscheidung in diesem Spiel. Mit diesem "kosmischen" Dribbling übertünchte Maradona sogar ein wenig den bitteren Beigeschmack, den sein erstes Tor ("Hand Gottes") mit sich brachte. Der Rest ist Geschichte: Argentinien schlug auch die Belgier im Halbfinale (wieder mit zwei Toren Maradonas) und setzte sich schließlich durch ein dramatisches 3:2 im Endspiel gegen Deutschland zum zweiten Mal die Krone auf. Den entscheidenen Pass zum Siegtor von Burruchaga gab natürlich - Maradona. Für den Lockenkopf war es der erste große Erfolg mit dem Nationalteam, sieht man von der gewonnenen U20-WM 1979 (mit Trainer Carlos Menotti) ab.


Die Krönung des Goldjungen: 1986 wird Diego Maradona Weltmeister mit Argentinien

Maradona und die SSC Neapel


Zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft in Mexiko, 1984, war er unter ähnlich lauten Getöse wie bei seinem Wechsel zum FC Barcelona zum italienischen Mittelklasse-Klub SSC Neapel gewechselt. Mittelklasse zumindest bis zur Ankunft des Superstars. Denn Maradona gab den Napolitanern ihr lang verschüttetes Selbstwertgefühl zurück. Jahrzehntelang von den hochnäsigen Landsleuten aus dem reichen Norden verspottet, konnten die Süditaliener es ihnen endlich mal heimzahlen. Zweimal (1987, 1990) führte er die Partenopei zum Scudetto, gewann zudem den italienischen Pokal (1987) und den UEFA-Cup (1989, im Finale gegen den VfB Stuttgart). In Neapel wurde aus dem König Maradona ein Gott.


D10S - Gott - oder einfach nur: Diego Armando Maradona (im Trikot der SSC Neapel)

Doch als solchen sieht sich in Neapel auch die allgegenwärtige Camorra. Und duldet keine weiteren Götter an ihrer Seite. Irgendwie musste man sich arrangieren. Und das tat man dann auch. Sieben Jahre lang.


Nach seinem Ende in der Mittelmeermetropole am Vesuv, nahm sich Maradona erstmal eine einjährige Auszeit. Die Drogenexzesse der vergangenen Jahre hatten bereits erste deutliche Spuren hinterlassen. Ein sensationell anmutendes Comeback beim FC Sevilla (vom Weltmeistertrainer Carlos Bilardo trainiert) verlief nicht so, wie von beiden Seiten erwartet. Mir persönlich in Erinnerung ist noch ein Spiel der Andalusier, in dessen Verlauf Maradona, auf dem Weg zu einem Eckball, einen von der Tribüne geworfenen Golfball aufnahm und mit ihm jonglierte, als gäbe es keinen Unterschied zu einem normalen Fußball.


Maradonas Technik war einzigartig. Er konnte sogar mit ausgekauten Kaugummis umgehen, als wären sie mit ihm verwachsen. Doch brachte er seine Kabinettstückchen auch meist gewinnbringend für das ganze Team ein, sei es die SSC Neapel oder die argentinische Nationalelf. Nur dank Maradona konnte sich 1990 die Albiceleste überhaupt ins Finale von Rom schieben - verlor dort aber hochverdient mit 0:1 gegen Deutschland.


Skandale, Eskapaden, Peinlichkeiten - alles wurde Diego verziehen


Maradona wird heute 60. Trotz aller Drogenskandale, Herzinfarkte, Ehestreitigkeiten - an denen auch jedes Mal das gesamte argentinische Volk ehrlich empfundene Anteilnahme hatte. Er ist und bleibt in Argentinien die alles überstrahlende Lichtgestalt. Lionel Messi? Hat nie in seinem Geburtsland gekickt, wird deshalb bestenfalls akzeptiert. Aber wirklich lieben tun sie in am Rio de la Plata nur einen: den Goldjungen. El pive de oro.


Daran konnten auch die immer bizarrer anmutenden Kapitel seines Lebenslaufs nach der aktiven Karriere nichts ändern. Dass er es, als Nationalcoach, mit Argentinien 2010 bei der WM in Südafrika nicht gebacken kriegte, trotz einer nominell fantastisch starken Mannschaft - geschenkt! Dass er sich mit einem diktatorischen System wie dem in Weißrussland gemein machte - gähn! Dass er Reporter auch schon mal mit vorgehaltenem Luftgewehr (und Schüssen in die Luft) vom Grundstück verscheuchte - so ist er halt.


Nein, diesen Maradona muss man wohl so nehmen, wie er ist und immer schon war: ein wenig extrem, sehr impulsiv und fast immer instinktiv handelnd - genau wie sein Fußball. Allein dafür gebührt ihm ewiger Dank all derer, die wir dieses Spiel so lieben. Auf die nächsten sechzig Jahre, Diego!



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