Das Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain wird nicht um einen politisch-ethischen Kontext herumkommen. Dafür sorgte der stille Gastgeber Katar mit einem polarisierenden Tweet vor dem Spiel. Das Spiel der Spiele findet somit irgendwo zwischen einem Fußballfest und der Diskussion um Menschenrechte statt.


Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die Endrunde der Champions League (ab Viertelfinale) in dieser Saison in einen engeren Modus gequetscht: statt Hin- und Rückspiel mit wochenlangen Pausen treten die europäischen Spitzenteams in kurzer Folge in K.O.-Spielen gegeneinander an. Die daraus resultierende Schnelllebigkeit und der Spannungsgrad des Turniers stoßen bei den Fans auf Begeisterung. Und mit dem FC Bayern und PSG haben sich zwei Mannschaften für das Finale qualifiziert, die sich nicht über Abwehrbollwerke oder Auswärtstore bis nach ganz vorne geschoben haben, sondern durch begeisternden Fußball.


Dass PSG für Feuerwerk sorgen kann, ist ein offenes Geheimnis - Schlagwort: Mbappe oder Neymar. Was beim französischen Serienmeister aktuell in Portugal so beeindruckend auffällt, ist das Mannschaftsgeflecht: die Pariser sind unter Cheftrainer Thomas Tuchel zu einer Einheit gereift, die auf das gleiche Ziel hin arbeiten und vor allem Spaß miteinander haben. Ebendies zeichnet auch den FC Bayern unter Hansi Flick aus; immerhin ist die Mannschaft des Rekordmeisters, die am Sonntag im Champions-League-Finale steht, die gleiche, die im vergangenen November noch mit 5:1 gegen Eintracht Frankfurt unterging. Mittlerweile sorgen die Bayern wieder auf der anderen Seite des Feldes für Furore - Schlagwort: Barcelona.


Uns erwartet ein Fußballfest der Extraklasse. Auch, weil noch vor einem halben Jahr die wenigsten Fans den FC Bayern und PSG im Finale erwartet hätten. Es ist erfrischend, keine spanische Mannschaft im Kampf um den Henkelpott zu sehen, die sich gegen ein zementrührendes Juventus abmüht. Es ist erfrischend, eine Pause von Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Karim Benzema zu bekommen und stattdessen in die Gesichter von Serge Gnabry, Thilo Kehrer oder Angel di Maria zu blicken, während die Champions-League-Hymne für Gänsehaut sorgt. Uns erwartet ein Fußballfest, dessen Reize auch abseits des Spielgeschehens liegen.


Champions-League-Finale: Nicht nur ein Fußballfest


Doch auch - zumindest ein Stück weit - abseits des Sports. Denn wie die landeszugehörige Fluglinie Qatar Airways so freundlich darauf aufmerksam machte, wird das Champions-League-Finale zu großen Teilen vom reichen Perser-Staat finanziert. Immerhin besitzt Katar PSG über einen Staatsfond und arbeitet auch mit dem FC Bayern eng zusammen, der jedes Jahr ein Trainingslager in Doha ausrichtet. Zudem wird die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar stattfinden - das Land, in dem für die globalen Fußball-Bosse Milch und Honig fließen, wird zu einer neuen Großraumbühne im Weltfussball. Über die Netzwerke PSG und FCB erlangt Katar sogar kleine Eingriffe in die nationale Wirtschaft und Politik in Frankreich und Deutschland. Und das trotz katastrophaler Menschenrechts- und Freiheitsbedingungen. Trotz Ausbeutung und Diskriminierung und weiteren ethischen No-Gos. Und das im Jahr 2020.


In diese Wunde wird der Finger gerne und in jährlicher Konsequenz gelegt; wir sollten nicht müde werden, dies zu tun. Und obgleich Freude im Hinblick auf das Finale angemessen und das Bedürfnis, einfach mal nur den Fußball genießen zu können, ohne einen Moral-Diskurs im Kontext mitzutragen, absolut nachvollziehbar ist, muss gerade die Plattform Champions-League-Finale genutzt werden, um ebenjenen Moral-Diskurs wieder aufleben zu lassen. Immerhin reden wir nicht von schmutziger Finanz-Wäsche, sondern von Menschenrechten und ethischen Grundfragen.


Gerade PSG und der FC Bayern müssen ihren Einfluss in Katar nutzen, um für menschliche Grundrechte einzutreten. Inwieweit die Vereine dies tun, kann der Laie nicht absehen - jedoch daran appellieren, den finanziellen Vorteil nicht gegen ethische Grundsatzfragen abzuwägen. Gleiches sollte für den Weltverband FIFA gelten, der seine zwielichtige Tradition mit der Vergabe der WM an den Emirat munter weitergetragen hat.


Uns erwartet am Sonntagabend ein Fußballfest, das steht außer Frage. Das Duell um den Henkelpott muss zwangsläufig aber auch zu einem Duell um den HenQelpott gemacht werden. Weil Menschen in Katar unter grausamen Arbeitsbedingungen für das Wohl des privilegierten reichen Fußball schuften. Weil Menschen in Katar unterdrückt und der Freiheit des Individuums beraubt werden. Weil es dieser Tage um mehr gehen muss, als um Fußball. Qlassico hin oder her.