Die Saison 2012/13 stellt den bisherigen Höhepunkt in der Geschichte des FC Bayern dar. Der deutsche Rekordmeister, trainiert von Jupp Heynckes, feierte das Triple aus Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal. Es war der verdiente Lohn für eine Mannschaft, die nach einigen Rückschlägen endlich ganz oben angekommen war. Ein persönlicher und emotionaler Rückblick.


Nach dem vierten und zuvor letzten Triumph in der Königsklasse im Jahr 2001 waren die Bayern festgefahren zwischen nationalem Erfolg und internationalem Mittelmaß. Von 2002 bis 2009 reichte es in der Champions League maximal zum Viertelfinale, in der Saison 2002/03 war sogar bereits in der Gruppenphase Schluss. Doch nicht immer waren die Ergebnisse deutlich. Im Viertelfinale 2002 gelang gegen Real Madrid ein 2:1-Sieg im Hinspiel, das Rückspiel ging jedoch mit 2:0 an den späteren Titelträger aus der spanischen Landeshauptstadt. Zwei Jahre später blieb die Revanche aus, auf ein 1:1 folgte eine 0:1-Niederlage.


Es gab allerdings auch diese bitteren Pillen, die der Rekordmeister schlucken musste: Etwa die 1:4-Klatsche im Achtelfinal-Rückspiel 2006 gegen die AC Mailand oder das 0:4 beim FC Barcelona im Viertelfinal-Hinspiel 2009. Gegen Mannschaften von diesem Kaliber hat es einfach nicht mehr gereicht.


Währenddessen gelang in den Jahren 2003, 2005, 2006 und 2008 das nationale Double. Es galt Alles oder Nichts - wenn nicht die Meisterschaft, dann auch nicht der DFB-Pokal. Erst der Sommer 2009 sollte eine Ära einläuten, in der der Verein international wieder zur Spitze zurückkehren sollte.


van Gaal läutet eine neue Ära ein


Nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann und dem Interims-Job von Jupp Heynckes verpflichteten die Bayern Louis van Gaal. Der Niederländer gewann zahlreiche Titel als Trainer von Ajax Amsterdam, betreute in 200 Pflichtspielen den großen FC Barcelona und wagte nach der Meisterschaft mit Alkmaar den Sprung in die bayrische Landeshauptstadt.


Der General machte vieles anders: Die jungen Thomas Müller und Holger Badstuber wurden Stammspieler, Bastian Schweinsteiger war plötzlich für die Organisation im defensiven Mittelfeld zuständig, Philipp Lahm wurde zum Rechtsverteidiger umgeschult und mit Arjen Robben kam eine Schlüsselfigur der vergangenen zehn Jahre.


Unter van Gaal spielte Bayern dominanten Ballbesitz mit zum Ende hin fast unerträglich langen Ballbesitzphasen, die immer weniger zum Ziel führen sollten. Dabei funktionierte es in der ersten Saison nach Startschwierigkeiten so gut: Bayern gewann das Double und stand erstmals nach 2001 im Champions-League-Finale. Nach einem Thriller in der Gruppenphase und engen K.o.-Duellen gegen die AC Florenz und Manchester United sollte Olympique Lyon die harmloseste Hürde darstellen - doch im Endspiel hatte van Gaal gegen seinen ehemaligen Lehrling José Mourinho das Nachsehen.


Aufstieg mit bitteren Schwankungen


Doch die Bayern waren wieder wer - auch wenn im Folgejahr das Aus schon im Achtelfinale feststand. Und nachdem Borussia Dortmund überraschend Meister wurde, kehrte Jupp Heynckes an die Säbener Straße zurück. Der heute 74-Jährige war im Herbst seiner Trainerkarriere, doch so, wie es nur gute und schlechte Spieler gibt, gibt es auch nur gute und schlechte Trainer.


Allerdings endete die Saison 2011/12 so bitter wie das Champions-League-Finale 1999. Die Bayern hatten im engen Meisterkampf gegen den BVB das Nachsehen, mit einem verschossenen Elfmeter in Dortmund wurde Robben zum tragischen Helden. Als wäre das nicht genug, folgte im DFB-Pokalfinale eine 2:5-Schmach gegen den neuen Erzrivalen, der schon damals ahnte, dass scharf zurückgeschossen würde. Doch immerhin stand noch das Endspiel in der Königsklasse vor der Brust.


Daheim, im eigenen Stadion, der Allianz Arena, sollte der große Wurf gelingen. Gegen den FC Chelsea wollten die Bayern als erste Mannschaft die Champions League im eigenen Stadion gelingen - doch das erhoffte Fußballfest wurde zu einem Alptraum. 90 Minuten rannte die Mannschaft pausenlos an, biss sich am Londoner Beton jedoch die Zähne aus. Auf die Erlösung von Thomas Müller folgte ein eiskalter Kopfball von Didier Drogba, und wieder mutierte war es Robben, der einen Strafstoß - diesmal in der Verlängerung - verschoss. Im Elfmeterschießen traute er sich nicht noch einmal zum Punkt, stattdessen trat unter anderem Torhüter Manuel Neuer an.


Zur tragischen Figur entwickelte sich derweil Bastian Schweinsteiger, der den entscheidenden Schuss an den Pfosten setzte. Im Anschluss herrschte Leere. Die Chance war größer denn je, eigentlich hätte es keine Mannschaft gegeben, die sie sich nicht hätte entgehen lassen. Diese Mannschaft war in diesem Moment aber noch nicht so weit.


Eine magische Saison 2012/13


Der FC Bayern war am Boden, doch er stand schnell wieder auf. Aus der Wut, dem Frust, der Enttäuschung, entwickelte sich ein Hunger, ein unbändiger Ehrgeiz. Nach zwei titellosen Jahren und den schmerzhaftesten Momenten der Vereinsgeschichte wollte man wieder die Spitze erklimmen. Heynckes blieb, erhielt mit Matthias Sammer einen neuen starken Sportdirektor, verstärkt wurde der Kader mit Mario Mandzukic, Xherdan Shaqiri, Claudio Pizarro, Dante, Tom Starke und Rekordtransfer Javi Martinez.


Selbst wer ahnte, dass dieser Verein zurückschlagen würde, war überrascht von dieser Wucht, die die Mannschaft in 90 Minuten erzeugte. Selbst Franck Ribéry und Arjen Robben lernten das Verteidigen lieben, alle zogen an einem Strang und arbeiteten konsequent für- und miteinander. Das Pressing wurde griffiger, die Angriffe immer flüssiger, fast alle Gegner wurden überrannt.


Von 54 Pflichtspielen wurden 46 gewonnen, neben fünf Remis mussten die Bayern nur drei Niederlagen hinnehmen: 1:3 in der Champions-League-Gruppenphase bei BATE Borisov, 1:2 in der Bundesliga gegen Bayer Leverkusen, 0:2 im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Arsenal.


Allen voran die wettbewerbsübergreifende Tor-Bilanz von 151:33 inklusive 30 Spielen ohne Gegentor war und ist bis heute bemerkenswert. Als Bayern-Fan, der schon in jungen Jahren den Erfolg gewöhnt war, vor Auswärtsspielen in Hamburg, Bremen, Stuttgart oder Leverkusen aber Angst hatte und dem klar war, dass in der Champions League spätestens gegen Mailand, Barcelona oder Manchester United Schluss sein würde, war man plötzlich im siebten Himmel.


Nervenkitzel im Wembley


Nach den bitteren Niederlagen 2010, 2011 und 2012 war alles wie angerichtet für den großen Wurf. Der Glaube an die Meisterschaft, gar an den Gewinn der Champions League war größer denn je. Eigentlich herrschten nie Zweifel. Komme was wolle, diese Mannschaft war zu stark für ihre Gegner - selbst für Barcelona, das im ersten Jahr ohne Pep Guardiola zumindest in den beiden Halbfinal-Spielen wie verwandelt war. Der persönliche Angstgegner war plötzlich schlagbar. Davon konnte man einige Jahre zuvor nur träumen.

Die Meisterschaft war längst klar, auch der DFB-Pokal schien angesichts des Finalgegners aus Stuttgart nur noch Formsache. Doch in der Champions League war alles offen - denn da wartete ausgerechnet Dortmund. Diese druckvolle, beeindruckende Mannschaft, die auch Lust auf diesen großen Henkelpott hatte. Der 16-jährige Bayern-Fan, der angespannt vor dem Fernseher sitzt, bangt in den ersten 30 Minuten, in denen der BVB groß aufspielt und einige Chancen zur Führung hatte, während Ribéry nach einem Ellbogencheck eigentlich vom Platz hätte fliegen sollen. Doch spätestens als die Münchner stärker wurden, entwickelte sich das Spiel zum besten und spannendsten Champions-League-Finale der letzten Jahre.


Erst Manuel Neuer auf der einen, dann Roman Weidenfeller auf der anderen Seite. Und als Mandzukic endlich die Führung erzielte, leistete sich Dante ein dummes Foulspiel an Marco Reus. Die Anspannung nach dem Ausgleich war spürbar, und irgendwie roch alles nach Verlängerung - bis Robben, ausgerechnet Robben, der Unglücksrabe vom WM-Finale 2010 und dem Champions-League-Finale 2012, den Ball in Zeitlupe über die Linie kullern lässt.


Endlich war der FC Bayern auf dem Thron, der ihm längst zustand. Nach den unzähligen Malen, in denen ich mir ein Video angesehen habe, wie Oliver Kahn 2001 den entscheidenden Elfmeter von Mauricio Pellegrino pariert, alle wie entfesselt auf ihn zustürmen und Stefan Effenberg wenige Minuten später den Pokal in den Mailänder Nachthimmel stemmt, waren wir endlich wieder an der Reihe. Diesmal war es Philipp Lahm, dem diese Ehre zuteil wurde. In diesem Moment erfüllte sich einer meiner größten Träume. Der andere war, einmal zu erleben, wie Deutschland Weltmeister wird - ein Jahr später sollte auch dieser in Erfüllung gehen.

Zuvor gelang das historische Triple mit einem holprigen 3:2-Sieg über den VfB Stuttgart. Irgendwie passte es ins Bild. Komme was da wolle - uns kriegt man nicht klein. Das gilt bis heute.