Die Corona-Krise kam für den FC Bayern zur Unzeit. Der Rekordmeister war voll in der Spur, eilte von Sieg zu Sieg und durfte sich berechtigte Chancen auf alle Titel ausrechnen. Wie voll der Tank sein wird, wenn der Ball wieder rollt, ist offen - viel wird Cheftrainer Hansi Flick allerdings nicht verändern müssen. Dafür ist der Kader einerseits zu dünn, andererseits hat sich die Mannschaft bereits zusammengefunden.


Die Verletzung von Robert Lewandowski im Auswärtsspiel beim FC Chelsea war ein Schock. Nicht nur, weil sich Lewandowski äußerst selten verletzt, sondern weil er in dieser Saison wichtiger ist denn je. Der Stürmer erzielte wettbewerbsübergreifend 39 Tore in 33 Spielen, zwischenzeitlich lag sogar die von Gerd Müller aufgestellte Bestmarke von 40 Bundesligatoren in der Luft.


Aufgrund der Wettbewerbsunterbrechung wird Lewandowski wieder spielen können, doch auch ohne ihn sind die Bayern gut aufgestellt - dank Flick. Selbst mit dem jungen Joshua Zirkzee in der Spitze erspielten sich die Bayern auf beeindruckende Art und Weise den 6:0-Sieg bei der TSG Hoffenheim, einzig im letzten Spiel vor der Saisonunterbrechung, dem 2:0 gegen den FC Augsburg, haperte es offensiv. Was könnte sich ändern, wenn der Ball wieder rollt?



1. Tor und Abwehr

Im ersten Drittel sind Flick die Hände gebunden, denn wirkliche Alternativen gibt es insbesondere in der Abwehr nicht. Dass Manuel Neuer weiterhin im Tor stehen wird, ist selbsterklärend - und auch in der kommenden Saison wird der Kapitän nicht fürchten müssen, seinen Platz zu verlieren.

Die Viererkette dürfte ebenfalls nicht durchgemischt werden. Benjamin Pavard ist auf der rechten Abwehrseite alternativlos, Real-Leihgabe Alvaro Odriozola hat keine Chance auf einen Platz in der Startformation. Obendrein kündigte der Spanier am Donnerstag seine Rückkehr nach Madrid an.

In der Innenverteidigung sind Jerome Boateng und David Alaba das Maß der Dinge. Boateng erlebt wie Thomas Müller eine Wiederauferstehung unter dem Förderer Flick, ausschlaggebend dafür war seine gute körperliche Verfassung zu Beginn der Rückrundenvorbereitung. Das Abwehrzentrum ist derweil gewiss nicht Alabas favorisierte Position, doch der Österreicher glänzt mit Spielintelligenz und sauberen Tacklings.

Weil Niklas Süle sich noch immer in der Reha befindet, Lucas Hernandez erst im Februar von einer weiteren hartnäckigen Verletzung zurückgekehrt ist und es Javi Martinez an Tempo für das riskante Spiel mangelt, führt kein Weg an Boateng und Alaba vorbei.

Darüber hinaus kommt gar nicht in Frage, auf Alphonso Davies zu verzichten. Der Kanadier hat sich als Linksverteidiger einen Stammplatz erobert, will sich dort dauerhaft bei den Bayern durchsetzen. Der neue Publikumsliebling hat ordentlich Selbstvertrauen getankt, überzeugt mit Tempo, technisch sehr guten Ansätzen und einer guten Physis.



2. Mittelfeld

In der Vergangenheit wurde Thiago häufiger dafür kritisiert, dass er in großen Spielen untertauche und zu wenige Glanzmomente habe. Unter Flick beweist der Spanier allerdings das komplette Gegenteil.

Es gibt kaum einen intelligenteren Passgeber als Thiago, der obendrein im Spiel gegen den Ball viel Arbeit vor der Viererkette verrichtet. An der Seite von Joshua Kimmich blüht der 29-Jährige auf, eine Vertragsverlängerung wäre die logische Schlussfolgerung.

Da Flick weiterhin auf eine Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 setzen dürfte, wird Kimmich ebenfalls in der Zentrale spielen. Dort hat sich der deutsche Nationalspieler etabliert, weil sich Pavard als durchaus solider Ersatz auf dem Rechtsverteidiger-Posten bewährt hat. Die Mischung aus Aggressivität, Übersicht und Ballsicherheit verleiht den Münchnern eine extrem hohe Qualität.

In der offensiveren Reihe dürfte sich ebenfalls kaum etwas ändern. Auf den Außenbahnen sind Serge Gnabry und Kingsley Coman in jedem Fall gesetzt, wenn es der Körper zulässt. Da allen voran Coman mit vielen Ausfällen zu kämpfen hat, ist dahinter Ivan Perisic einzuordnen. Der Kroate, der nach überstandenem Knöchelbruch bald wieder ins Geschehen eingreifen kann, ist selbstverständlich weder so technisch versiert noch so temporeich wie Coman, dafür aber ein robuster Arbeiter und unangenehmer Gegenspieler.

Auf der Zehn gibt es derweil nur eine Wahl: Thomas Müller. Der Ur-Bayer darf wieder seine klassische Rolle als Raumdeuter einnehmen und erledigt sämtliche Aufgaben mit Bravour. Unter Flick lieferte Müller schon 13 Vorlagen, damit präsentiert er sich deutlich effektiver als Philippe Coutinho. Die Leihgabe des FC Barcelona konnte bis hierher kaum Fuß fassen und wird die Bayern nach der Saison wieder verlassen.

Sollte Serge Gnabry ausfallen oder in der Spitze benötigt werden, könnte Müller wieder auf den rechten Flügel ausweichen. Dann würde aller Voraussicht nach Leon Goretzka den Platz auf der Zehn einnehmen - diese Konstellation erwies sich bereits als erfolgreich.



3. Angriff

Wer, wenn nicht er: Robert Lewandowski ist in der Form seines Lebens. Auch so gibt es keine ernsthafte Alternative zum 31-jährigen Polen, in der aktuellen Verfassung wäre er allerdings in jeder Elf der Welt gesetzt.

Gegen Chelsea verletzte er sich am Schienbein, wurde daher in den letzten beiden Bundesligaspielen von Joshua Zirkzee ersetzt. Als Joker ist Zirkzee eine nicht ungefährliche Waffe, von Anfang an wird der junge Niederländer aber kaum in den wichtigen Spielen groß auftrumpfen können. Bei einem weiteren Ausfall von Lewandowski dürfte deshalb Gnabry in die Spitze rücken, alternativ womöglich Müller oder Perisic.