Der Fußball kommt momentan aus den Feierlichkeiten zu Ehren einiger seiner strahlendsten Repräsentanten gar nicht mehr raus. Pelé wurde kürzlich 80, Maradona wenige Tage später 60 - und am Dienstag, den 3. November, wird mit Gerd Müller ein weiterer ganz Großer 75. Doch wird es dabei eher traurig denn ausgelassen fröhlich zugehen.


"Gerd wer?", werden sich einige der jüngeren Leser wohl fragen. Denen sei nur soviel gesagt: Der Mann, der sich hinter diesem unspektakulären Namen verbirgt, ist - Stand heute - immer noch der erfolgreichste Torschütze des deutschen Fußballs. Ein paar Zahlen mögen dies verdeutlichen.


Zahlen eines Messi oder Cristiano Ronaldo


In 427 Bundesliga-Spielen, allesamt für "seinen" FC Bayern bestritten, erzielte der "Bomber der Nation" sagenhafte 365 Tore. Soviel, wie das Jahr Tage hat. Kann man sich also recht leicht merken. Diese Zahlen sind nicht weit von denen eines Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, den Über-Spielern der Gegenwart, entfernt.


Mehr als ein Tor pro Länderspiel


Auf Länderspielebene hat ein Miroslav Klose zwar mittlerweile mehr Tore für Deutschland erzielt (71), brauchte dafür aber auch 137 Einsätze im DFB-Dress. Und somit bleibt, auf die Ratio bezogen, Gerd Müller auch nach Kloses Karriereende das Nonplusultra. In 62 Länderspielen erzielte "Torpedo Müller" 68 (!) Tore. Also mehr als ein Tor pro Länderspiel.


Müller (li.) mit Paul Breitner

An dieser Nuss dürften sich noch einige weitere DFB-Stürmer in den kommenden Jahren die Zähne ausbeißen. Zwar gab es in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einige deutsche Nationalspieler, die einen höheren Quotienten als Gerd Müller (1,10 Tore pro Spiel) aufweisen, allen voran ein gewisser Gottfried Fuchs (13 Tore in 6 Spielen = 2,17 Tore pro Spiel) aber keiner von ihnen kam über die Anzahl von sechs Länderspielen hinaus. Und der wirklich moderne Fußball (in Deutschland) wurde eigentlich erst mit der Schaffung der Bundesliga 1963 und des damit einhergehenden Profi-Fußballs begründet.


Und so gut es das Schicksal mit dem gebürtigen Nördlinger während seiner aktiven Zeit meinte, so unbarmherzig schlug es zu, nachdem der größte deutsche Torjäger aller Zeiten seine Fußballstiefel an den Nagel gehängt hatte.


In den USA wurde Gerd Müller nie heimisch - und verfiel dem Alkohol


Der Anfang vom Ende begann ausgerechnet im sonnendurchfluteten Florida. Dort, in Fort Lauderdale, eröffneten Gerd und seine Ehefrau Uschi Ende der Siebzigerjahre ein Steakhouse ("Gerd Müller's Ambry").


Die für ihren Fleischkonsum berüchtigten US-Amerikaner blieben diesem Etablissement jedoch meist fern. Das Gros der Besucher rekrutierte sich fast immer aus sensationsgierigen deutschen Touristen, die mal einen Blick auf den Torjäger im privaten Umfeld werfen wollten.


Das war natürlich zu wenig, um auch im post-fußballerischen Geschäft Erfolg zu haben. Zu dem ausbleibenden Erfolg gesellte sich dann auch noch, langsam und schleichend, die Alkoholsucht, der der einstige Vorzeige-Knippser immer mehr verfiel.


Comeback als Stürmer- und Torwart-Trainer beim FC Bayern


Anfang der Neunziger, Gerd Müller hatte seinen Lebensmittelpunkt wieder nach München verlegt, nahm Müllers Verfall immer mehr zu. Und so übernahmen seine einstigen Mitspieler Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer die Rolle des Ansprechpartners und überzeugten ihren einstigen Torgaranten davon, eine Entziehungskur zu beginnen. Mit Erfolg.


Rummenigge (li.) und Hoeneß (mi.) halfen Müller aus der Krise

Nach überstandener Sucht bekam Gerd Müller sogar eine mehr symbolische denn wirklich notwendige Position innerhalb des FC Bayern zugesprochen. Als Stürmer- und Torwart-Trainer ging er einige Zeit Co-Trainer Hermann Gerland zur Hand. Doch das adverse Schicksal hatte noch einen Trumpf in der Hand.


Im Jahr 2014 wurde bekannt, dass Gerd Müller an Demenz erkrankt war. Und genau diese Krankheit hält Müllers Leben (und das seiner Angehörigen) seitdem im Griff.


Glück im Unglück: Seine Frau Uschi hielt ihm auch nach dieser niederschmetternden Diagnose die Treue. Auch als 2015 bekannt wurde, dass der einstige Hochleistungssportler ohne Rundum-Betreuung sein Leben gar nicht mehr würde meistern können.


Für Franz Beckenbauer war Gerd Müller der Vater aller Erfolge


Gefeiert hätte Gerd Müller seinen Ehrentag wohl auch unter "normalen" Umständen nicht. Dafür war er zeit seines Lebens viel zu bescheiden und darauf bedacht, im Hintergrund zu stehen. Obwohl ohne ihn die Geschichte sowohl des FC Bayern München als auch der deutschen Nationalmannschaft sicherlich einen anderen Verlauf genommen hätte. Franz Beckenbauer sagte laut BILD vor einigen Jahren mal: "Wenn wir den Gerd nicht gehabt hätten, dann säßen wir heute noch in Holzbaracken. Dann wären wir alle ein großes Stück ärmer." Ein größeres Lob als dieses aus dem Munde des Kaisers kann man wohl nicht bekommen.


Gerd Müller zusammen mit Thomas Müller (2010)

Trauriger Alltag im Pflegeheim


Am Dienstag wird Uschi Müller sich wieder auf den Weg ins 25 Kilometer von ihrem Zuhause entfernte Pflegeheim und neben dem Bett ihres Gerd sitzen. "Ich werde ihm die Hände massieren, ihn streicheln, ihn versuchen mit langsamen, deutlichen Worten zu unterhalten. Mit ihm Fernsehen schauen. Auch wenn er nichts mitbekommt“, sagt sie.


Und fügt die für alle traurigen Worte an: "Er ist immer ein Kämpfer gewesen, war immer tapfer, sein ganzes Leben lang. Das ist er auch jetzt. Der Gerd schläft seinem Ende entgegen. Er hat die Augen geschlossen, döst vor sich hin, macht den Mund nur noch selten auf, kriegt pürierte Nahrung. Er ist ruhig und friedlich, muss, glaube ich, auch nicht leiden. Er schläft langsam hinüber.“


Vielleicht träumt er dabei ja von seinen Toren. Die er aus allen Lagen geschossen hat. Im Liegen, im Sitzen, im Krabbeln, per Kopf, mit rechts und mit links. Und gegen jeden Gegner. Ob im WM-Halbfinale 1970 gegen Italien oder vier Jahre später, ebenfalls im Semifinale, gegen die starken Polen bei der Wasserschlacht von Frankfurt. Ob im EM-Finale 1972 gegen die Sowjetunion oder im WM-Finale 1974 gegen Holland. Gerd Müller stand für Tore, Tore und nochmals Tore. Und für einen trotz allen Ruhms auf dem Boden gebliebenen Anti-Star.


Auch aus diesen schönen Erinnerungen zieht seine Frau immer noch die Kraft, täglich ihre Zeit für die Pflege ihres Gatten zu opfern. "Ich habe schöne, wertvolle Jahre verloren. Ich mache es für den Gerd. Weil er so gut war. Lustig und humorvoll. Und so viel für mich getan hat. Es ist mir ein Bedürfnis, ihn zu begleiten. Dennoch kenne ich ihn auch nach 53 Jahren immer noch nicht. Was er mit sich ausgemacht hat, das blieb auch bei ihm. Er ließ sich nicht in seine Seele schauen. Da wusste auch ich nichts von ihm.“