Die Transferphase des SV Werder Bremen war von finanziellen Sorgen geplagt. Mit dem Verkauf von Davy Klaassen kann der Bundesligist zumindest wirtschaftlich aufatmen. Einen adäquaten Ersatz gab es aber nicht. Die existenzbedrohende Lücke im Mittelfeld sowie leere Versprechen und die desaströse Kommunikation der Verantwortlichen leiten den Klub mehr und mehr an den Abgrund. 90min bewertet die Bremer Transferphase und stellt positive sowie negative Aspekte gegenüber.


5. Oktober 2020: Deadline Day in der Fußballwelt, gleichzeitig Geburtstag von Werders Cheftrainer Florian Kohfeldt. Dieser Tag "wäre auch ein guter Moment für ein Geschenk", zwinkerte Kohfeldt seinem selbst ernannten Kollegen "Deadline-Day-Frank" unlängst zu. In den vergangenen Jahren zauberte Manager Frank Baumann in den letzten Stunden vor Transferschluss tatsächlich bereits den ein oder anderen Coup aus dem Hut.


Nicht aber am Montag! Mit dem erwartungsgemäßen Abgang von Vizekapitän Davy Klaassen konnte der Sportdirektor zwar noch das so dringend benötigte Geld in die Bremer Kassen spülen, ein adäquater Ersatz für den holländischen Fighter verkündete Baumann allerdings nicht. Das Geschenk für Chefcoach Kohfeldt blieb aus. Dabei hatte sich lange Zeit eine Leihe des einstigen Hertha-Kickers Marko Grujic vom FC Liverpool angedeutet.



Der Bremer Transfersommer im Überblick


Zugänge


  1. Leonardo Bittencourt (OM): Kaufpflicht in Höhe von 7 Mio. Euro von TSG Hoffenheim
  2. Ömer Toprak (IV): Kaufpflicht in Höhe von 4 Mio. Euro vom BVB
  3. Felix Agu (LV): ablösefrei vom VfL Osnabrück
  4. Patrick Erras (ZDM): ablösefrei vom 1. FC Nürnberg
  5. Oscar Schönfelder (LF): ablösefrei vom FSV Mainz 05
  6. Tahith Chong (RF): Leihe von Manchester United
  7. Romao Schmid (ZM): Leihrückkehrer vom Wolfsberger AC
  8. Jean Manuel Mbom (ZM): Leihrückkehrer vom KFC Uerdingen


Abgänge


  1. Davy Klaassen (ZM): für 11 Mio. Euro zu Ajax Amsterdam
  2. Felix Beijmo (RV): zu Malmö FF (Ablöse unbekannt)
  3. Nuri Sahin (ZDM): ablösefrei zu Antalyaspor
  4. Fin Bartels (ST): ablösefrei zu Holstein Kiel
  5. Martin Harnik (ST): ablösefrei zu TuS Dassendorf
  6. Jan-Niklas Beste (LV): Leihe zu Jahn Regensburg
  7. Benjamin Goller (RF): Leihe zum Karlsruher SC
  8. Luca Plogmann (TW): Leihe zum SV Meppen
  9. Thore Jacobsen (ZDM): Leihe zum 1. FC Magdeburg
  10. Johannes Eggestein (RF): Leihe zum Linzer ASK
  11. Simon Straudi (RV): Leihe nach Klagenfurt
  12. Claudio Pizarro (ST): Karriereende
  13. Sebastian Langkamp (IV): vereinslos
  14. Philipp Bargfrede (ZDM): vereinslos
  15. Michael Lang (RV): Leih-Ende, zurück nach Mönchengladbach
  16. Kevin Vogt (IV): Leih-Ende, zurück nach Hoffenheim



Hier werden Stars gemacht und nicht gekauft


Manch ein Werder-Fan mag nach der Enttäuschung des Deadline Days zwar überhaupt nichts Positives am Bremer Transfersommer sehen, einige, wenige Lichtblicke gibt es dennoch. Zumindest, wenn man auf die Finanzen des stark gebeutelten Bundesligisten schaut. Baumann beendet die Transferphase mit einer neutralen Bilanz: Elf Millionen gab er aus, elf Millionen nahm er mit Klaassen auch wieder ein. Zudem konnte er den hohen Gehaltsetat durch die beendeten Verträge von Bargfrede, Sahin, Langkamp, Bartels und Harnik deutlich senken.


"Wir müssen weiterhin Einsparungen vornehmen und haben mit dem Abgang von Davy unsere Ausgaben aus den Kaufverpflichtungen des Vorjahres decken können und das Gehaltsgefüge reduziert." Frank Baumann auf der Pressekonferenz

Dadurch, dass wider Erwarten kein weiterer Mann für die Bremer Zentrale verpflichtet wurde, rücken Youngsters und Eigengewächse in das Rampenlicht. Getreu dem Bremer Motto "Hier werden Stars gemacht und nicht gekauft", erhalten Bundesligadebütant Mbom oder auch ein Ilia Gruev eine neue Wertigkeit. Die von den Verantwortlichen bereits angekündigte Verjüngung des Kaders findet weiter statt. Und falls es nicht funktionieren sollte: In zehn Spieltagen öffnet bereits das Winter-Transferfenster (2. Januar). Gut möglich, dass Baumann dann einen erneuten Anlauf wagt. Bis dahin kann man in Bremen nur hoffen, dass sich das dezimierte Team irgendwie durchwurschtelt.


Werders Misswirtschaft: Kaufpflichten als Verhängnis


Der fehlende, finanzielle Spielraum, der dem Bremer Sportdirektor in dieser Transferphase deutlich zum Verhängnis wurde, ist dabei nicht einzig und allein auf die Corona-Krise zurückzuführen. Mit schlechten Deals, wie den häufig kritisierten Kaufpflichten von Bittencourt, Toprak sowie den 15 Millionen Euro im kommenden Sommer für Davie Selke, schoss sich Baumann noch zusätzlich ins Bein. Dass wirklich überhaupt kein Geld für Neuzugänge überbleibt, hat er sich somit gewissermaßen selbst eingebrockt. Das grundlegende Thema des Bremer Transfersommers, von dem immer die Rede war, nämlich ein gestandener Sechser mit Bundesliga-Format, wurde drastisch verfehlt.


Sofern Werder die Klasse hält, müssen die Grün-Weißen für Angreifer Selke satte 15 Millionen Euro hinblättern

Neben dieser Misswirtschaft fehlen den Bremer Verantwortlichen offenbar auch wesentliche Grundlagen des Verhandelns und Organisierens. Wie kann es sein, dass ein Rashica-Deal nach wochenlangem Poker in der letzten Sekunde scheitert, nur weil das Transferfenster schließt? Kam der 5. Oktober für die Funktionäre (hier sind beide Seiten gemeint, auch Bayer 04 Leverkusen) denn wirklich so überraschend? Und können (finanzielle) Verhandlungen mit Wunschspieler Marko Grujic nicht auch etwas früher starten?


Desaströse Kommunikation und leere Versprechen


Und wie sah es überhaupt mit der externen Kommunikation aus? Ein jeder Fan hatte einen weiteren Neuzugang erwartet. Am Abend des Deadline Days verkündete Baumann dann, man habe schon am Vortag die Entscheidung getroffen, "dass kein neuer Spieler mehr dazukommen wird". Wieso dann aber die Verhandlungen mit Grujic? In den letzten Wochen sprach man ununterbrochen von einem Neuzugang für das defensive Mittelfeld, nun kommt nichts. Anstatt Luftschlösser zu bauen, hätte man auch in dieser Transferphase - wie in Zeiten des Lockdowns - erfrischend offen und transparent agieren sollen, die finanzielle Situation schneller klarstellen müssen und offen kommunizieren, dass kein weiterer Neuzugang dazukommen kann.


Mit den Verpflichtungen von Agu, Erras und der Chong-Leihe gab es zu Beginn zwar gute Ansätze, der zweite Teil und das Finale des Deadline Days bringen die Bremer Knie allerdings zum Zittern. Ob die Bremer die Klasse erneut halten können, scheint nun von den Hoffnungen, die man in Maximilian Eggestein auf der Sechs sowie Kevin Möhwald, Nick Woltemade, Mbom, Bittencourt und Schmid auf der Achter-Position setzt, den Realitätstest bestehen. Dass im Mittelfeld Dürre herrscht, zeigt allein diese Gegenüberstellung: Aus Klaassen, Vogt, Eggestein, Bargfrede und Sahin aus der Vorsaison wurde Eggestein und Erras - wunderprächtig! Eine existenzbedrohende Lücke, die den Hanseaten die Klasse kosten kann.