Die von der Bundesregierung am Mittwoch verkündeten Maßnahmen zur Eindämmung des galoppierenden Corona-Infektionsgeschehens hierzulande, die ab Montag in Kraft treten, haben logischerweise vor allem in den betroffenen Branchen für Unmut gesorgt.


Dazu gehört, neben der Gastronomie, den Friseuren, Nagelstudios etc, natürlich auch der Sport. Im Amateur-Bereich sowieso, da dort bis Ende November sämtliche Aktivitäten verboten sind, aber auch im Profi-Bereich von vor allem in Hallen betriebenen Sportarten wie Handball, Eishockey oder Basketball.


Andersrum könnte man auch sagen: der Profi-Fußball ist noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen. Ob das so bleibt, entscheidet einzig und allein die Entwicklung in den kommenden Wochen. Und dennoch fühlen sich jetzt viele Klub-Verantwortliche berufen, Kritik an den, wie sie es nennen, "pauschalen Maßnahmen" von Merkel & Co. zu üben.


Schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen. BVB in einem offenen Brief

BVB mit Offenem Brief - und nicht haltbaren Aussagen


Der BVB ging sogar soweit, einen Offenen Brief an seine Anhänger zu senden. Mit folgendem Wortlaut (Auszug): "Uns trifft diese Entscheidung hart. Vor allem emotional, weil wir beim BVB nichts auf der Welt lieber machen, als für Euch Fans Fußball zu spielen. Aber auch argumentativ, weil wir über ein von Experten entwickeltes, aufwändiges und sogar von Kommunen sowie Gesundheitsämtern bis ins Detail geschätztes Hygienekonzept verfügen. In unseren Stadien war jeder Zuschauer diszipliniert, es hat sich an der frischen Luft niemand angesteckt. Der Profifußball ist nachweislich kein Treiber der Pandemie. Und ehrlich gesagt sieht das auch niemand anders. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen."


Jetzt ist es erstmals jedermanns Recht, zumal in einem demokratischen Land wie Deutschland, seine Meinung kundzutun. Klappern gehört zum Handwerk, wie der Volksmund sagt. Der Spanier hat das schöne Wort von "Wer nicht weint, bekommt keine Brust zum Stillen!" für solche Gelegenheiten.


Doch ist Weinen jetzt eigentlich angebracht? Stellen wir die Uhren doch mal ein gutes halbes Jahr zurück. Ende März - und kein Ende des damaligen Lockdowns (ein härterer als der jetzige übrigens!) in Sicht. Dass am Ende, auch aufgrund der offensichtlich überzeugenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen-Konzepte der DFL (mit einem damals großartigen Geschäftsführer Christian Seifert an ihrer Spitze), die Saison fast ohne Beeinträchtigung (wenn man die leeren Stadien mal ausklammert!) zu Ende gespielt werden konnte, ist zunächst mal ein Grund zu großer Freude.


Genauso wie es die Tatsache ist, dass auch schon die neue Spielzeit (mit entsprechender Verspätung) starten konnte und es bisher keine nennenswerten Probleme, von einigen verschobenen Spielen mal abgesehen, gab. Selbst Zuschauer waren hie und da schon wieder zugegen. Freilich nicht im Umfang von Vor-Coronazeiten, aber immerhin.


Doch allen Beteiligten war von Anfang klar (oder hätte es sein müssen), dass das alles an einem sehr seidenen Faden hängt. Dieser ist nun durch die Explosion der Inzidenz-Zahlen in den vergangenen Wochen vorerst gerissen. Und dennoch bekommt die Branche weiterhin Grünes Licht zum Weitermachen.


In einer solchen Konstellation nach "mehr" zu rufen, statt mit dem zufrieden zu sein, was man hat (was nicht wenig ist!), spricht dann aber doch eher für eine engstirnige und sehr selektive Wahrnehmung der Gesamtsituation. Denn nach Angaben der Bundesregierung ist es mittlerweile so, dass 75 % der Infektionsfälle nicht mehr zurückverfolgt werden können. Womit der Satz, dass "der Profi-Fußball nachweislich kein Treiber der Pandemie" sei, recht gewagt ist. Oder tendenziös. Kann sich jeder aussuchen. Wissenschaftlich belegt ist er nämlich keineswegs. Und dass es "niemand anders sieht" mag auf den BVB bezogen sogar stimmen - guckt man sich jedoch die Gesellschaft des Landes in toto an, kommen erhebliche Zweifel auf.


Wo ist die Demut vom Frühjahr geblieben?


Der Fußball ist wichtig, keine Frage. Über seine Ventil- und Distraktions-Funktion habe ich an dieser Stelle schon im Frühjahr geschrieben. Doch sollte er seiner damaligen Linie nun auch treu bleiben - und die seinerzeit vorgetragene Demut jetzt nicht abrupt abstreifen, und Forderungen stellen, die ihm nicht zustehen. Dass der Betrieb überhaupt weiterlaufen darf, trotz der auch in dieser "Blase" sich alarmierend vermehrenden Fall-Zahlen - kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Klub irgendwelche Positiv-Fälle meldet - ist in meinen Augen schon ein großer Vertrauensvorschuss, den die Regierung dem Fußball einräumt.


Da sind mir Haltungen wie die des Hamburger SV, der selbst die ihm zugestandenen Kapazitäten was Zuschauer betrifft, nicht hat ausschöpfen wollen, eindeutig lieber. Bockige, mehr an kleinkindliche als an seriöse unternehmerische Reaktionen erinnernde Haltungen werden der Situation nicht gerecht. Und könnten den Fußball schnell die wohlwollende Haltung der politischen Entscheidungsträger kosten.