Das seit längerem belastete Verhältnis zwischen Gareth Bale (31) und Real Madrid hat durch den Leihwechsel des Angreifers ein vorläufiges Ende erfahren. Doch ganz ohne Nebengeräusche konnte dieser einstweilige Abschied des Walisers natürlich nicht vonstatten gehen. Dafür sorgte nun sein Berater Jonathan Barnett.


Vier Champions-League-Titel, zwei Meisterschaften und ein Pokal (nebst diverser Supercups und Klub-Weltmeisterschaften) - das ist die durchaus beachtliche Erfolgsbilanz des Briten aus insgesamt sieben Jahren bei Real Madrid. Zahlen lügen zwar nicht, aber im Fußball sind sie bisweilen auch nur die halbe Wahrheit. Vor allem sind sieben Jahre im Fußball eine Menge Zeit. Wenn man sich dann nur die Rosinen aus dem Kuchen herauspickt, lässt sich eine insgesamt eher unter den Erwartungen gebliebene Leistungsbilanz auch ganz schnell in ihr Gegenteil verwandeln.


Barnetts einseitiger Blick durch die Bale-Brille


Und genau das tut Barnett. Was auch in gewisser Weise sein Job ist. Und wenn der 70-jährige Spielervermittler-Fuchs anführt, dass Bale nicht genügend Wertschätzung in Madrid erfahren habe, wäre ein kritischerer Blick auf die Meriten seines Schützlinges während seiner Zeit in der spanischen Hauptstadt vielleicht ganz aufschlussreich. "Für jemanden, der es so gut bei Real Madrid gemacht hat, hat er nicht den Respekt bekommen, den er verdient hätte. Das war ein großes Problem", polterte der Berater in einem kürzlich gegebenen Interview bei Talksport (via Sky ) "Bei dem, was er für Real Madrid erreicht hat, sollten sie den Boden küssen, auf dem er geht." Im Ernst, Mr. Barnett?


Der moderne Fußball bleibt auch gut 172 Jahre nach seiner Erfindung immer noch ein Mannschaftssport. Zu sagen, dass ein Spieler für eine bestimmte Mannschaft viel erreicht habe, mag im oberflächlichen Medien- und Fan-Sprech zwar gang und gäbe sein, trifft aber nicht den Kern dieses faszinierenden Sports. Denn auch ein Gareth Bale braucht natürlich eine gut funktionierende Mannschaft um sich herum. Die er in Madrid vorfand.


Vier turnierentscheidende Tore


Und ja, er war bisweilen spielentscheidend. Sogar turnierentscheidend. Wie beim spanischen Pokalfinale 2014 in Valencia. Noch heute habe ich die Bilder von damals vor Augen. Ich, als "neutraler" Beobachter auf dem Sofa, neben mir ein eingefleischter Real-Fan. Wie der sich langsam aus seinem Sitz erhob, als Bale auf einmal in der 85. Minute wie von einem körpereigenen Dynamo angetrieben über die linke Außenbahn raste, dabei Marc Bartra gefühlt zehn Meter auf fünfzig abnahm und eiskalt vollendete - das war schon großes Kino.


Oder sein 2:1 in der Verlängerung des Champions-League-Finales, nur gute fünf Wochen später, mit dem er die Königlichen gegen den Stadtrivalen Atlético auf die Siegerstraße brachte. Und natürlich sein spektakuläres Fallrückzieher-Tor im Endspiel der Königsklasse 2018 (gegen den FC Liverpool). In diesem Spiel legte er sogar noch einen Treffer nach, wobei dieser zu neunzig Prozent auf Pechvogel Loris Karius ging.


Vier Tore in drei Finals, die für Barnett offenbar stellvertretend für einen rundum gelungenen Karriereabschnitt seines Klienten stehen. Wenn man diese Perspektive einnimmt, kann man Barnetts Worte sogar fast nachvollziehen. Selbst Sätze wie: "In meinen Augen wurde er nicht korrekt behandelt, denn er hat viel für diesen Verein geleistet. Was die Fans gemacht haben, war eine Schande und der Klub hat nicht eingegriffen. Darum geht es mir.", die er gegenüber BBC Radio 4 in die Welt sandte.


Nie richtig ins Team integriert - und immer wieder verletzt!


Aber es gibt halt immer auch (mindestens) eine zweite Sichtweise. Und aus dieser anderen Perspektive heraus sprechen wir von einem Spieler, der auch nach sieben Jahren kaum über die üblichen Grußformeln hinauskam. Freundlich sei er gewesen, berichten unisono seine ehemaligen Mannschaftskollegen, höflich, aber irgendwie auch immer etwas distanziert. Gemeinsame Abende mit der Mannschaft waren eher nicht so sein Ding. Selbst nach begeisternden Siegen konnte Bale meistens nicht schnell genug seine sieben Sachen zusammenpacken und vom Stadiongelände verschwinden.


Und wenn es den meisten Fans auch mehr darum geht, was sie am Wochenende auf dem Platz zu sehen bekommen, ist es trotzdem so, dass sie solche Kleinigkeiten durchaus registrieren. Wie würde wohl ein Spanier in England "behandelt" werden, der nach sieben Jahren nur vier oder fünf Brocken in der Landessprache sagen kann und von der Kultur des Landes (oder auch nur von seinen Arbeitskollegen) herzlich wenig wissen will?


Tja, und dann waren da die außersportlichen Dinge, als die Einsatzzeiten weniger wurden. Auch bedingt durch die ständigen kleineren und größeren Verletzungen. Einer Fußverletzung und einem Meniskuseinriss, die der Waliser quasi als Einstandspräsent zu seinem neuen Arbeitgeber mitbrachte, schlossen sich in den folgenden Jahren sage und schreibe 21 (!) weitere Malaisen an. Mal zwickte die Wade, mal machte der Muskel zu, wenn er nicht sogar riss, dann gab's Adduktorenprobleme oder Schwierigkeiten mit dem Oberschenkel. Irgendwas war - gefühlt für den Beobachter - immer. Insgesamt verpasste Bale verletzungsbedingt über 85 Spiele für Real. Auch das gehört zur Wahrheit.


Und ich habe immer noch nicht über seine diversen Statements wie jenes schon berühmt-berüchtigte "Wales. Golf. Madrid. - in dieser Reihenfolge!" gesprochen. Oder über sein demonstratives Desinteresse, das er auf der Ersatzbank zeigte. Oder über vorzeitige Abreisen vom Bernabéu-Stadion. Und auch nicht davon, dass er vom ersten Tag mehr als fürstlich für alle Tore und Vorlagen (aber auch für alle Eskapaden und Frivolitäten) entlohnt wurde. Mit den Jahren und der damit immer diffuser werdenden Erinnerung wird Bale trotzdem einen prominenten Rang in der Gunst der Real-Fans einnehmen. Aber wirklich lieben werden sie ihn nie.