Hasan Salihamidzic hat gesprochen: Bei Welt am Sonntag verkündete der 43-Jährige, dass der ​FC Bayern im Sommer einen Top-Spieler und ein Top-Talent verpflichten will. Wer sind die Kandidaten, die der Sportdirektor meinen könnte? Und droht sich der vergangene Transfersommer nicht durch solche Aussagen zu wiederholen?


"Wenn sie wüssten, was wir alles schon sicher haben für die neue Saison", tönte Uli Hoeneß im Februar vergangenen Jahres beim Sport1-Doppelpass, als es um potentielle Transferziele der Münchner Bayern ging​. Blöderweise waren zu diesem Zeitpunkt jedoch alle Transfers bekannt: Dass Benjamin Pavard zum Rekordmeister wechseln würde, wurde im Januar vermeldet, Anfang Februar erfolgte die Verpflichtung von Fiete Arp und konkrete Berichte über Rekordtransfer Lucas Hernandez existierten bereits seit Dezember. Allerdings - und das kann man Hoeneß zugutehalten - wurde erst im März Vollzug gemeldet.


Doch was war mit Timo Werner, Callum Hudson-Odoi, Hakim Ziyech oder Leroy Sané? Große Namen kursierten in der Medienlandschaft, es entwickelte sich jedoch zu einem ungewohnt schaurigen Transfersommer. Werner verlängerte in Leipzig, Hudson-Odoi bei Chelsea, Ziyech in Amsterdam - und seit Februar steht fest, dass er zu Chelsea wechseln wird. Die Sané-Posse zieht sich dagegen bis in den April 2020. 


Steht die Transfer-Saga vor dem Abschluss?


Zweimal soll der deutsche Nationalspieler Ja zum FC Bayern gesagt haben, doch erst kam die Kreuzbandverletzung dazwischen, dann wollten die Verantwortlichen nicht auf einen Wintertransfer drängen. Kurz darauf wechselte Sané die Berater-Agentur, die Gespräche mussten also von vorne beginnen. Die Signale sind dem Vernehmen nach positiv, sein neuer Berater sprach sogar ​offen über einen potentiellen Bayern-Wechsel

Leroy Sane

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Leroy Sané der von Hasan Salihamidzic angesprochene Top-Spieler


Die logische Schlussfolgerung: Als Salihamidzic in Welt am Sonntag von einem "internationalen Star" gesprochen hat, kann es sich hierbei nur um Sané gehandelt haben. Der Unterschied zum Vorjahr: Salihamidzic nennt keine konkreten Namen. Das war einer der größten Kritikpunkte an seiner Außendarstellung im Frühjahr 2019. Öffentlich über Spieler zu sprechen, die bei anderen Klubs unter Vertrag stehen, verbietet sich. Das hat der Bald-Sportvorstand mittlerweile gelernt. 


Dest? Havertz? Upamecano? Viele Namen stehen im Raum


Nach der fast ein Jahr andauernden Berichterstattung über Bayern und Sané und den vielen Stimmungswechseln, die der Staffel einer Seifenoper gleichen, scheint es, als könnten beide Parteien in diesem Sommer endlich zueinanderfinden. Aber wer wird das Top-Talent?​ Darüber lässt sich nur spekulieren. 


Handelt es sich um Sergino Dest? Zuletzt wurde über eine düstere Aussicht auf einen Transfer des 19-jährigen Rechtsverteidigers berichtet, Ajax Amsterdam will ihn demnach halten. Darüber hinaus sollen die Gespräche wegen der Corona-Krise auf Eis liegen. 

Wird es Kai Havertz, wegen dem die Münchner schon im Vorjahr in Leverkusen vorgefühlt haben? Ein Transfer ist kaum realisierbar, sollte Bayer 04 nicht von der erhofften dreistelligen Millionensumme abrücken. Allerdings ist Havertz' Vertrag nur bis 2022 gültig, trotz des regen Interesses am 20-Jährigen wäre eine exorbitant hohe Ablösesumme bei nur einem Jahr Restvertrag kaum rauszuschlagen. Es steht also die berechtigte Frage im Raum, ob Leverkusen das Risiko eingehen und einige Millionen Euro dafür opfern sollte, dass das Eigengewächs noch ein Jahr bleibt.

Bayer 04 Leverkusen v 1. FC Union Berlin - DFB Cup

Kai Havertz will den nächsten Schritt machen. Lässt Leverkusen einen vorzeitigen Wechsel zu?


Oder wird es Dayot Upamecano? Der Innenverteidiger von RB Leipzig wird mit vielen Klubs in Verbindung gebracht, laut L'Équipe sollen aber nur die Bayern auf ihn zugegangen sein. Jedoch wolle Upamecano nicht die dritte oder vierte Wahl sein, demzufolge würde ein harter Konkurrenzkampf drohen. Gleichzeitig würde eine Verpflichtung darauf schließen, dass Jerome Boateng oder Javi Martinez den Klub verlassen könnten, allerdings deutet sich ein Transfer bei keinem der Routiniers an.  

Zuletzt machte auch wieder ein Gerücht um Ferran Torres die Runde, angeblich sollen die Bayern die beste Offerte für den Shootingstar des FC Valencia abgegeben haben. Doch Torres, so heißt es, wolle bei seinem zukünftigen Verein regelmäßig spielen - ein Wechsel zu Borussia Dortmund würde daher gemäß dem Fall, dass Jadon Sancho nach England zurückkehrt, mehr Sinn ergeben. Obendrein sollen sich die Bayern laut Sport Bild auf dem rechten Flügel gut aufgestellt sehen, Nachholbedarf herrsche in den Augen der Verantwortlichen nicht.


Salihamidzic hat dazugelernt


Die Aussagen von Salihamidzic bieten Medienvertretern neuen Diskussionsstoff, allerdings können sich entsprechende Texte nur im Konjunktiv bewegen. Denn der Sportdirektor hat dazugelernt. Als er offen über das Interesse an Callum Hudson-Odoi sprach, echauffierte sich der damalige Chelsea-Trainer Maurizio Sarri öffentlich, auch bei den übrigen Klubverantwortlichen dürfte diese forsche Herangehensweise nicht gut angekommen sein. So vermeidet Salihamidzic aber, dass die Gespräche erschwert und die Preise in die Höhe getrieben werden.

Hasan Salihamidzic

Hasan Salihamidzic erntete im vergangenen Jahr viel Kritik


Andererseits schürt er gewisse Erwartungen, aber er spricht nicht von müssen oder werden, sondern von wollen - sowohl in Bezug auf die anvisierten Transfers als auch auf den Gewinn der ​Champions League. Salihamidzic konstruiert somit zwar eine gewisse Fallhöhe, diese ist aber um einiges geringer als im vergangenen Jahr, in dem sich die Bayern mehr übermütig als selbstbewusst präsentierten. Die nationale und internationale Konkurrenz ist gewarnt, dass ein Transferangriff erfolgen könnte - aber er wird nicht um jeden Preis erzwungen.


Sind Ansagen wie diese das richtige Signal?


Nichtsdestotrotz ist ein wichtiger Punkt anzuführen: Top-Spieler kosten heutzutage im Gesamtpaket einen hohen dreistelligen Betrag, da auch die Gehälter immer weiter ansteigen, und auch Top-Talente sind nicht mehr so erschwinglich wie noch vor einigen Jahren. Einige Fans haben die Hoffnung, dass der Fußball nach der Corona-Krise wieder auf dem Boden der Tatsachen landet und nicht mehr in verschwenderischem Reichtum lebt, sondern nachhaltig plant, Luft aus dem aufgeblasenen Zirkus lässt und wieder zu den eigentlichen Werten zurückkehrt. 

Christian Seifert

Die DFL kämpft um den Erhalt der Bundesliga, aber welche Wirkung wird die Corona-Krise tatsächlich auf die finanzielle Entwicklung haben? 


Zu sehr hat sich der Fußball von den Millionen oder Milliarden verblenden lassen und seine gesellschaftliche wie gesellschaftspolitische Rolle vergessen. In Zeiten wie diesen von solch teuren Transfers zu sprechen, sendet jedoch das Signal aus, dass sich entgegen aller Hoffnungen nichts ändern wird. Da kein Verein seinen Vorsprung verlieren oder den aufgeholten Rückstand wieder größer werden lassen will, wird die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergehen. Dass sich der Fußball ändert, wird nur eine leere Hoffnung bleiben.