In jeder Krise liegt auch eine Chance. Der Fußball kann Lehren aus der Verteilung von Einnahmen und Ausgaben ziehen, Verbände und Vereine können sich dafür rüsten, die nächste Krise besser zu überstehen. Beim FC Bayern bietet sich derweil womöglich für einige Nachwuchsakteure und Reservisten eine Chance, endlich auf sich aufmerksam zu machen.


Der Bayern-Nachwuchs strotzt nur so vor Talenten, die in einigen Jahren den Durchbruch im Profi-Fußball schaffen können. Seit vielen Jahren warten die Münchner wieder auf jemanden aus der eigenen Jugend, der es schafft, sich einen Platz im Kader zu erarbeiten und einen prägenden Eindruck zu hinterlassen. Dafür wurde mächtig aufgerüstet, noch aber lässt der Erfolg auf sich warten.

Jann-Fiete Arp

Glücklos in München: Fiete Arp hat noch einen weiten Weg vor sich


Mit Fiete Arp und Mickael Cuisance kamen gleich zwei Youngster im Sommer, beide spielen aber noch keine Rolle. Während Arp nach einigen Verletzungen wieder bei Null anfangen musste, hatte Cuisance zuvor schon bei ​Borussia Mönchengladbach keine rosigen Aussichten auf einen Stammplatz, den er in Gesprächen mit der Sportlichen Leitung einforderte. Beide müssen sich über die Amateure herankämpfen, bei denen weitere Talente wie Lars Lukas Mai, Chris Richards oder der von Hansi Flick zu den Profis gezogene Joshua Zirkzee auf sich aufmerksam machen.


Profit aus der Krise ziehen


Bereits seit seinem Debüt unter Jupp Heynckes in der Saison 2017/18 hoffen einige Bayern-Fans auf den Durchbruch von Mai, der in der Innenverteidigung beheimatet ist. ​Medienberichten aus England zufolge soll Abwehrspieler Richards einen Tapetenwechsel erwägen, sollte er Spielpraxis in der ​Premier League erhalten. Bietet sich in der aktuellen Krise eine Chance für das Quartett?


Wirkliches Mannschaftstraining ist nicht möglich. Die Spieler arbeiten von zuhause aus und unterhalten sich währenddessen via Videokonferenz. Nur wer gut trainiert hat die Chance, sich für einen Platz auf der Bank oder der Startelf zu empfehlen. Und je länger die Pause dauert, desto größer ist die Chance, sich in den Fokus zu spielen. 


Die dünne Bank lässt Platz für Nachwuchsspieler


Derzeit sind mehrere Szenarien vorstellbar, wie die Saison zu Ende gespielt werden könnte. Karl-Heinz Rummenigge wollte etwa nicht ausschließen, dass sich die laufende Spielzeit bis in den September zieht. Spekuliert wird auch über ein straffes Programm ab Mitte Mai, das keine Gelegenheiten zum Durchatmen bieten würde. Die Bayern sind englische Wochen gewohnt, der dünne und verletzungsanfällige Kader lässt aber nicht viele Rotationsmöglichkeiten zu; warum also nicht den Reservisten die Chance geben?

Michael Cuisance

Mickael Cuisance wartet noch immer auf weitere Einsatzminuten



Allen voran Cuisance und Arp haben sich zu Genüge auf Profi-Niveau bewiesen. Ersterer ist ein intelligenter Spielgestalter mit feinem Fuß, der das Potenzial besitzt, in einigen Jahren um einen Stammplatz zu kämpfen. Arp wurde im Sommer auf dem Flügel getestet, hinterließ dort einen guten Eindruck und könnte somit auf mehreren Positionen zum Einsatz kommen. Mai und Richards besitzen wegen der eingespielten Abwehr nur Außenseiterchancen, doch wenn ein Engpass auf der rechten Abwehrseite herrschen sollte, könnte letzterer durchaus aushelfen.


Etabliert Flick das nächste Talent?


Die Paradebeispiele dieser Saison machen Mut. Alphonso Davies spielt mit einer Selbstverständlichkeit und einem Selbstvertrauen, als würde er schon zehn Jahre als Linksverteidiger die Außenbahn rauf- und runterlaufen. Zirkzee zeigte nicht nur als Joker sondern auch in der Startelf gute Ansätze und erzielte drei Bundesligatore. Natürlich darf Flick das Rad nicht überdrehen, niemand darf sich im Meisterkampf einen Ausrutscher erlauben. Aber über kurz oder lang wird auch auf die ​Champions League geschielt, in der die Chance auf den Titel größer ist als in den vergangenen Jahren.


Flick könnte durchaus ein gesundes Maß an Rotation wählen und noch den ein oder anderen aus dem Nachwuchs ins kalte Wasser werfen, um das Verletzungsrisiko bei den Stammspielern zu mindern. Auf diese Weise hätten Spieler wie Arp und Cusiance, aber auch Mai und Richards die Chance, sich nachhaltig zu empfehlen. Damit würden die Bayern den nächsten Schritt in Richtung Zukunft machen, in der der Nachwuchs den Handlungsdruck auf dem Transfermarkt verringern soll.