​Die meisten der gut 75.000 Zuschauer, die am Mittwochabend das Bernabéu-Stadion in Madrid bevölkerten, dürften sich angesichts der Aufstellung ihrer Mannschaft verwundert die Augen gerieben haben. Denn zum ersten Mal seit über zwei Jahren fehlte ​Toni Kroos - und sollte auch während des gesamten Spiels über draußen bleiben. Eine konkrete Begründung dafür lieferte ​Real-Coach Zinédine Zidane nicht.


Im Dezember 2018 fehlte Toni Kroos letztmals bei einem Champions-League-Spiel der Königlichen. Der Gegner jedoch war damals keiner der Top-Flights in Europa, sondern "nur" ZSKA Moskau. Zudem handelte es sich seinerzeit um ein relativ unbedeutendes Gruppenspiel der Blancos, denn der Einzug in die Runde der letzten 16 stand bereits fest.


Doch am Mittwoch ging es, sozusagen, um Hopp oder top. Es war das Hinspiel im Achtelfinale - und der Gegner kein geringerer als der amtierende englische Meister. Das von Pep Guardiola trainierte Starensemble von ​Manchester City. Ein großes Spiel in einem großen Rahmen. Und ausgerechnet da setzte Zidane auf andere Spieler. 


Gündogan erstaunt - Zidanes Erklärung liefert wenig Aufschluss


Nicht nur die Aficionados waren erstaunt - auch beim Gegner hatte man die Teilnahme Kroos' fest in die Vorbereitungen auf das Match einbezogen. "Ein bisschen überrascht" zeigte sich Nationalmannschafts-Kollege Ilkay Gündogan. "Ich dachte erst er wäre verletzt. Ich habe ihn - wir haben ihn als Team - erwartet. Wenn er spielt, ist er ein Anker für Real. Dementsprechend haben wir versucht, uns ein bisschen auf ihn einzustellen", kommentierte Gündogan die Personalie gegenüber Sky.


Kroos' Vorgesetzter gab sich anschließend keine große Mühe, seine Entscheidung ausführlich zu begründen. "Ich habe mich heute so entschieden, wir wollten unser System anpassen. Er ist sehr wichtig für uns, das war keine Entscheidung gegen ihn", kommentierte der Franzose die Maßnahme mit recht dürren Worten. Eine womöglich kurz zuvor, während des Abschlusstrainings zugezogene Verletzung des Deutschen sei aber nicht der Grund von Kroos' Fehlen gewesen. Vielmehr bestätigte Zidane, dass seine Entscheidung technischer Natur war.


Könnte Zidane mit Blick auf den Clásico "spekuliert" haben?


Wenn es sich nicht um Real Madrid handeln würde, für das die Champions League (und ihre Eroberung) so etwas wie der selbstverständliche Spiegel ist, in dem sich dieser Klub alljährlich betrachtet, könnte man ja vielleicht ein wenig spekulieren: schließlich steht in drei Tagen ein Spiel an, das von der Brisanz und Bedeutung her für den Klub mit keinem anderen vergleichbar ist. 


Der große Erzrivale aus Barcelona gibt sich am Sonntag im Clásico (21.00 Uhr) im Bernabéu die Ehre. Die Tabellensituation ist dramatisch eng: Barcelona ist mit zwei Zählern Vorsprung auf Real Tabellenführer. Es geht am Sonntag also auch um den Platz an der Sonne in ​La Liga. Wenn man dann zusätzlich die eindringlichen Worte von Zidane von vor der Saison im Kopf hat, als er wiederholt davon sprach, wie wichtig ihm der Gewinn der Meisterschaft sei (neben allen anderen Titeln natürlich!), könnte man ins Grübeln kommen. 


Hat Zidane Kroos für das Aufeinandertreffen der beiden spanischen Giganten geschont? Die Champions League quasi abgeschenkt (zumindest den ersten Teil des in zwei Hälften geteilten Achtelfinales)? Eigentlich undenkbar, und Zidane würde so etwas auch nie öffentlich behaupten. Denn in Madrid muss eigentlich immer, jedes Jahr, alles gewonnen werden. Doch wie wichtig ein Liga-Titel, als Zeichen langfristiger nationaler Dominanz, auch für Real Madrid ist, haben die Worte Zidanes im Sommer immer wieder betont. 


Und tatsächlich datiert die letzte gewonnene Meisterschaft von 2017 - seit zwei Jahren herrscht in dieser Sparte also Leere bei den Königlichen. Für solch einen stolzen Klub eine ungeheuer lange Zeitspanne. Und der Frust darüber ist natürlich um so größer, als es der Erzrivale aus Barcelona ist, der die letzten beiden Meisterschaften einfahren konnte. Da sich auch rivalisierende Fan-Gruppen gerne die einschlägigen Statistiken um die Ohren werfen, muss es Real ein höchst dringliches Anliegen sein, endlich wieder das "Turnier der Beständigkeit" (welches die Liga ist) zu gewinnen. 


Nur mal so nebenbei: in der vergangenen Dekade (von 2010 bis 2019) haben die Katalanen insgesamt sieben Meisterschaften eingefahren. Real nur deren zwei (bei einer von Atlético). Dieses Missverhältnis gilt es aufzubrechen. Nach Möglichkeit soll aber parallel auch die Königsklasse gewonnen werden. Doch dafür fehlt in diesem Jahr entweder das Personal oder es ist nicht in der erforderlichen Form (was auf's selbe hinausläuft). 


Liga als Priorität für Real - und für Zidane?


Also könnte sich Zidane gesagt haben - ich gewinne lieber am Sonntag gegen den großen nationalen Widersacher (die Presse - schöner Nebeneffekt - hätte er dann eigentlich bis zum Saisonende auf seiner Seite) und "korrigiere" den durch meine Umstellung eventuell produzierten Schaden (wie er jetzt eingetreten ist) in der Königsklasse dann eben im Rückspiel. 


Denn bei allem Respekt vor Manchester City: im Viertelfinale sind sie, trotz des gestrigen 2:1 in der Höhle des Löwen, noch lange nicht. Denn um Real Madrid aus "seinem" Wettbewerb zu kegeln, bedarf es normalerweise zweier überragender Partien. Abgerechnet wird also tatsächlich erst am 17. März, wenn das Rückspiel im Etihad-Stadion ansteht. Und wer weiß: vielleicht loben dann alle Zidane für seinen strategischen Schachzug.