​Derbys, ganz gleich ob zwischen Mannschaften einer Region oder einer Stadt, haben ihren ganz besonderen Charakter. Das geht schon im Vorfeld der jeweiligen Partie los. Kaum ein Aufeinandertreffen zwischen zwei Lokalrivalen kommt dabei ohne die entsprechenden Psycho-Spielchen aus. Das ist auch beim anstehenden Hamburger Derby so.


Denn nachdem sich ​HSV-Coach Dieter Hecking in der jüngeren Vergangenheit erfolgreich darum bemühte, die Partie gegen den Stadtnachbarn nicht all zu hoch zu hängen (indem er sie nämlich kaum bis gar nicht verbalisierte), kommt er nun, fünf Tage vor Anpfiff (Samstag, 13.00 Uhr) nicht mehr drumherum, Stellung zu beziehen. Und er tut dies - natürlich - mit gewissen Psycho-Tricks. Oder was er dafür hält. "Derby ist immer Derby", sagte Hecking gegenüber der Morgenpost


"Da geht es nicht darum, ob eine Mannschaft gerade eine gute Verfassung hat. Das sind Spiele, die aus dem normalen Liga-Alltag herauszunehmen sind", verlieh der Trainer dem anstehenden Showdown einen außerordentlichen Charakter. Wohl auch als Warnung an die eigene Anhängerschaft gerichtet, die sich ob der anhaltenden sportlichen Talfahrt der Braun-Weißen schon sehr deutlich in der klaren Favoritenrolle wähnt. 


Hecking schiebt Druck auf St. Pauli


"Was man sagen kann, ​St. Pauli hat Druck", setzte Hecking dann den ersten psychologischen Nadelstich. "Sie wollen sich von unten lösen. Sie haben es gegen Dresden nicht geschafft, das Spiel zu gewinnen. Wir hatten ein paar Leute im Stadion, die haben gesagt, Pauli hätte das Spiel klar gewinnen müssen, weil Dresden einfach nicht gut war."


Der Klassiker also: dem Gegner den Druck zuzusprechen. Was Hecking natürlich dabei geflissentlich übergeht, ist, dass der Druck auf seine Mannschaft nicht minder groß ist. Zwar geht es für die Rothosen nicht gegen den Abstieg aus Liga 2 (das fehlte eigentlich nur noch in dieser verrückten Vereinschronik der letzten Jahrzehnte), doch natürlich ist ein Dreier fest eingeplant auf dem Weg zum großen Ziel Wiederaufstieg. Ein Rückschlag am Samstag - und schon würde es im Verein und in seinem Fan-Umfeld wieder grummeln. Ein Sieg gegen den kleinen Bruder, zumal im heimischen Volksparkstadion, ist für das Selbstverständnis der HSV-Fans eigentlich Pflicht. Zumal ja schon das Hinspiel (bei dem der HSV auch der Favorit war) in die Binsen gegangen ist. 

Reinaldo Coddou - Stadiums Of The World

Entsprechend sagte ausgerechnet Neuzugang Joel Pohjanpalo klar und deutlich, worum es am kommenden Samstag geht: "Es geht darum, wer ist der beste Verein in der Stadt. Das erste Spiel hat St. Pauli gewonnen. Jetzt müssen also wir gewinnen", zeigte sich der Finne unmissverständlich. Sieht sein Trainer prinzipiell genau so - verpackt es aber in diplomatischere Worte: "Natürlich wollen wir das Derby jetzt gewinnen, nachdem wir das erste verloren haben. Trotzdem muss man mit der nötigen Sachlichkeit und Nüchternheit an ein solches Spiel herangehen." 


HSV-Sieg gegen abstiegsbedrohten Stadtnachbarn eigentlich Pflicht


Zwei Niederlagen in einer Saison gegen den FC St. Pauli - und den damit einhergehenden Verlust der Stadt-Meisterschaft - will sich in Stellingen keiner ausmalen. Wobei: im letzten Jahr blieb man gegen den Nachbarn zweimal ohne Gegentor, gewann zudem mit 4:0 in der Höhle des Löwen - nur um danach eine katastrophale Serie von sieben nicht gewonnenen Spielen in Folge hinzulegen und somit den sicher geglaubten Aufstieg noch zu verdaddeln.


Abstiegsangst auf der einen Seite, der Zwang im zweiten Jahr im Unterhaus aufsteigen zu müssen (entgegen so mancher Beteuerung vonseiten der Verantwortlichen) - wenn eines klar ist, dann dies: Druck ist am Samstag auf jeden Fall auf dem Kessel. Und zwar für beide. Trotz Psycho-Spielchen. Oder gerade deswegen.