Da ist sie wieder: Die Situation, in der Lucien Favre beim BVB vor dem Aus stehen soll. Von seinem ersten halben Jahr in Dortmund abgesehen, findet sich der Schweizer in schöner Regelmäßigkeit in der Schusslinie wieder - aktuell ist es wieder soweit, dass der Großteil der Anhänger in den sozialen Netzwerken die Rauswurf des Trainers fordert. Doch warum eigentlich? Und was würde bei einer Entlassung überhaupt besser werden? Ein Kommentar.


Die Kritikpunkte, die man auf diversen sozialen Kanälen liest, sind immer wieder die gleichen: Favre lässt das Team zu passiv spielen, Favre mag keine echten Mittelstürmer, Favre hält an falschen Spielern (allen voran ist hier Manuel Akanji zu nennen) fest, Favre ignoriert einen Mario Götze konsequent, Favre ist taktisch nicht flexibel. Und so weiter, und so fort.


Die viele Kritik richtet sich erstaunlicherweise überwiegend an die offensiven Aspekte beim BVB. Sei es in der Hinrunde, als er einen Paco Alcacer häufiger draußen ließ. Sei es, dass er an einem strauchelnden Marco Reus konsequent festhielt. Sei es, dass er einen Erling Haaland beispielsweise im Pokal schonte. Kritikpunkte, die aber nur auf den ersten Blick berechtigt sind - und im Übrigen nicht dafür verantwortlich sind, dass der ​BVB den eigenen Zielen hinterherläuft.


Auch ohne einen echten Mittelstürmer (in dem Fall Alcacer) schoss der BVB in der Hinrunde 2,4 Tore im Schnitt. Ein Marco Reus ist (trotz Formschwäche) einer der besten Scorer der Bundesliga. Und dass der BVB gegen ​Werder Bremen im DFB-Pokal zur Halbzeit bereits zwei Gegentore kassierte, hatte auch nichts damit zu tun, dass ein Haaland auf der Bank saß. 


Großer Kritikpunkt: Warum spielt Akanji immer?


Also was kann man Favre denn konkret vorwerfen? Was die Offensive betrifft, eigentlich ziemlich wenig - auch wenn sich dort die meiste Kritik ansammelt.


Vielmehr ist es doch die Defensive, die dem BVB regelmäßig das Genick bricht. Klar, dass Favre pausenlos an einem indisponierten Akanji festhält, ist extrem fragwürdig - und wohl der einzige Kritikpunkt, der völlig angebracht ist.

Manuel Akanji,Lucien Favre

Trotz schwacher Leistungen bleibt Akanji Stammspieler unter Favre



Auf der anderen Seite: Was wäre denn die Alternative zu Akanji? Ein Abdou Diallo wurde vor der Saison beispielsweise ohne Not verkauft. Häufig wird der Name Leonardo Balerdi von den Fans gefordert - nur: Weiß denn wirklich einer der zahlreichen Kritiker im Netz, wie gut er ist? Niemand kennt die Qualität, die der 21-Jährige mit sich bringt. Dazu müsste Favre ihn dann vielleicht mal ins kalte Wasser schmeißen und ihm die Chance geben. Allein: Dass der Argentinier aus dem Nichts als Leistungsträger auftritt, ist dann doch unwahrscheinlich.


Vielleicht muss man sich beim BVB eingestehen, dass die Defensive den hohen Ansprüchen der Dortmunder (vier Wörter: "Wir wollen Meister werden") einfach nicht genügt - Favre hin oder her. Ob Akanji spielt oder nicht. Ob Dreier- oder Viererkette. Was auch an den Außenverteidigern liegt, die offensiv zwar bärenstark, defensiv jedoch unfassbar anfällig sind. 


Ist das alles Favres Schuld? Soll er Beton anrühren und mit sieben, acht Spielern, wie seinerzeit Peter Stöger es getan hat? Dann wären die Fans in den Netzwerken doch auch wieder am Meckern.


Emre Can und Michael Zorc forderten zuletzt eine "dreckigere Spielweise", bemängelten, dass man viel zu wenig Gelbe Karten gesehen habe. Doch die Statistik zeigt: Ein ​FC Liverpool sah in dieser Saison ebenso wenig Verwarnungen, führt die Premier League dennoch meilenweit an. Auch daran kann es also nicht liegen.


Die Krux beim BVB liegt im Abwehrpersonal


Wie man es dreht und wendet: Der BVB ist defensiv einfach nicht gut genug, um Meister zu werden oder sonst einen Titel zu gewinnen. Die viele, viele Kritik, die einem Favre in den sozialen Netzwerken ins Gesicht bläst, ist daher zum großen Teil unbegründet. Denn Tore schießen die Schwarz-Gelben auch in dieser Saison zur Genüge.

Lucien Favre

Der komplette Unmut der BVB-Anhänger richtet sich gegen Favre



Ich will beileibe nicht sagen, dass Favre komplett unschuldig daran ist, dass der BVB den eigenen Zielen aktuell hinterherläuft. Auch er hat Fehler gemacht; beispielsweise im Herbst, als er zu lange und zu stur an seinem System festgehalten hat. Aber die Fans täten gut daran, ihren ganzen Unmut nicht nur auf den Schweizer zu schieben - sondern einfach mal zu gucken, wie gut der Kader (in der Defensive) denn wirklich ist und was er hergibt. Eine Entlassung von Favre würde die vielen Abwehrprobleme kaum von heute auf morgen lösen.


Auch ein Jürgen Klopp kann aus einem Akanji, Zagadou oder Balerdi keinen Sergio Ramos oder Virgil van Dijk machen. Solche Siegertypen und Abwehrbollwerke hat man entweder im Kader - oder man hat sie nicht.


Und falls jetzt jemand den Namen Mats Hummels erwähnt: Das ist der Spieler, dem der Konkurrenzkampf bei einem schwächelnden ​FC Bayern offenbar zu groß war und deswegen zurück nach Dortmund geflohen ist. Von Tempodefiziten ganz zu schweigen.