"Das Wichtigste", sagt Fortuna Düsseldorfs neuer Trainer Uwe Rösler im Interview mit der Rheinischen Post, "ist der Ist-Zustand." Der Nachfolger von Friedhelm Funkel spricht damit die sportlich prekäre Situation der Rheinländer an, die aussichtsreicher aber kaum zu erwarten war. Selbstverständlich ist Funkel nicht der Heilsbringer in Person - viel gibt es in Düsseldorf aber nicht mehr zu retten.


Natürlich glaubt Rösler an den Klassenerhalt. "Ich hätte das Angebot nicht angenommen, wenn ich nicht daran glauben würde, dass wir es schaffen können", betont der 51-Jährige. Und irgendwie kommt er auch gar nicht drumherum, seiner Mannschaft in der Öffentlichkeit zu stärken. Denn sonst würde sich die ohnehin schon schwierige Situation noch weiter verschlechtern.

Uwe Roesler

 Uwe Rösler steht vor einer Mammutaufgabe. Gelingt dem Bundesliga-Novizen die Wende?


Mit einem Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt und einem Sieg im Pokal-Achtelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern ist Rösler auf der größten deutschen Fußballbühne angekommen. Nach vielen Jahren im Ausland hat er die Nachfolge von Friedhelm Funkel angetreten, der sich seinerseits im März 2016 in einer ähnlichen Situation befand. Damals stand die Fortuna vor dem Abstieg in die dritte Liga, doch Funkel stieß den berüchtigten Bock um, erreichte den Klassenerhalt und feierte im Sommer 2018 den Aufstieg in die ​Bundesliga.


Was folgte, war eine Sensation. Düsseldorf schaffte nicht nur den direkten Klassenerhalt, sondern feierte mit 44 Punkten einen starken zehnten Tabellenplatz, rangierte damit vor Mannschaften wie Hertha BSC, dem FSV Mainz, SC Freiburg, Schalke 04 oder dem VfB Stuttgart. Ausschlaggebend für den Erfolg war eine klare spieltaktische Idee und das passende Personal. Dodi Lukebakio und Benito Raman enteilten den gegnerischen Abwehrspielern, erzielten jeweils zehn Tore und sammelten je vier Vorlagen. Dahinter reihte sich Routinier Rouwen Hennings mit sieben Treffern ein, Kevin Stöger glänzte nicht nur wegen seiner sieben Assists als Passgeber, der das Umschalten von Defensive auf Offensive ermöglichte.


Das verfluchte zweite Jahr


Die Mannschaft funktionierte wie eine gutgeölte Maschine. Die Krux eines erfolgreichen Underdogs ist es jedoch, dass die besten Spieler das Interesse attraktiverer Klubs wecken. So zog Dodi Lukebakio zu Hertha BSC weiter, Benito Raman schloss sich Schalke an. Die Tormaschine brach auseinander, verschlimmert wurde die Lage durch den Kreuzbandriss von Stöger. 

Rouwen Hennings

Die Nachfolger Nana Ampomah, Bernard Tekpetey und Dawid Kownacki, der bereits die Rückrunde der vergangene Saison in Düsseldorf verbrachte, konnten noch nicht an die Erfolge ihrer Vorgänger anknüpfen. Mit elf Treffern ist Hennings derzeit der Top-Torschütze der Fortuna, dahinter rangieren Erik Thommy und Kaan Ayhan mit jeweils zwei Treffern. Es mangelt nicht nur an Torgefahr, vielmehr schlicht an Qualität, um in der Bundesliga zu bestehen. 16 Punkte nach 20 Spielen bedeuten Platz 17, 19 Tore die schwächste Offensive, 41 Gegentore die drittschwächste Abwehr. Nur um die Kellerkinder aus Paderborn (44) und Bremen (46) steht es noch schlechter.


Waren die Erwartungen zu hoch?


Bereits im Sommer hätte den Verantwortlichen klar sein sollen, dass es nur um den Klassenerhalt gehen wird - das Wie dürfte eine untergeordnete Rolle spielen. Die Saison 2018/19 ist nicht wiederholbar, das musste auch Eintracht Frankfurt in den vergangenen Wochen lernen. Ein Trainerwechsel soll bekanntlich für einen neuen Impuls, für frischen Wind sorgen, die Köpfe frei machen, in der Hoffnung, dass jetzt etwas Neues entsteht. Qualitativ aber stellt Düsseldorf gemeinsam mit dem SC Paderborn den schwächsten Kader der Liga, ein gewisses Potenzial, das entfaltet werden könnte, ist nicht zu erkennen.


Selbstverständlich kann man Funkel dafür kritisieren, dass seine nun ehemalige Mannschaft in der Hinrunde viel zu wenig Torgefahr ausgestrahlt hat, zu viele Punkte nach Führungen abgegeben hat und unter dem Strich vermutlich sogar noch schwächer performt hat, als intern erwartet wurde. Auch kann man dem 66-Jährigen, der seine Trainerkarriere nach der Entlassung für beendet erklärte, vorwerfen, dass er Pressekonferenzen und Interviews streckenweise lieber damit verbrachte, sich zu den Geschehnissen anderer Klubs zu äußern. Und doch ist es ein Zeichen von schwachem Management, dass er nach der 0:3-Niederlage gegen Bayer Leverkusen seinen Hut nehmen musste.


Das Klammern an den letzten Strohhalm


Anspruch und Wirklichkeit scheinen zu weit auseinanderzuliegen. Ein erneuter Klassenerhalt käme einer Sensation gleich, doch irgendwie scheint die Hoffnung zu leben, dass der Abstieg doch noch vermieden werden kann. Der Trainerwechsel erscheint in Anbetracht der Lage jedoch  eher wie die letzte Patrone, ein verzweifelter Versuch, irgendwie die Wende hinzubekommen. 


"Friedhelm Funkel hat so viele Erfolge gefeiert, da kann man diese Büchse gar nicht schließen. Aber das Rad dreht sich immer weiter", sagt Rösler über seinen Vorgänger. "Friedhelms Verdienste werden hier dennoch immer gewürdigt werden." Ob er eine ähnliche Erfolgsserie feiern wird, ist in Anbetracht des von ihm angesprochenen "Ist-Zustands" aber mehr als zweifelhaft.