Noch kein Jahr ist es her, als Jochen Schneider zum neuen Sportvorstand von ​Schalke 04 erklärt wurde. Seitdem hat er viel zu tun, auch in der vergangenen Winter-Transferphase galt es, den Kader stückweise und dem finanziellen Rahmen angemessen zu verbessern. 90min nimmt die Transferperformance im Winter unter die Lupe.


Die Baustellen für den Transfer-Winter


Die Innenverteidigung: Verletzungssorgen zwingen zum Handeln

Zum Ende der Rückrunde gab es größere Probleme in der Schalker Defensive. Mit Benjamin Stambouli und Salif Sané waren zwei wichtige Innenverteidiger langfristig verletzt, Matija Nastasic ebenfalls fraglich. So blieb zum Schluss nur noch der mittlerweile sehr starke Ozan Kabak übrig, da auch Ersatz-Verteidiger Weston McKennie verletzt ausfiel. So sahen sich die S04-Verantwortlichen zum Handeln gezwungen. 

Salif Sane

Auch die Verletzung von Salif Sané zwang S04 zu Verstärkung



Das Resultat der Bemühungen war die Halbjahres-Leihe des großen Abwehr-Talents Jean-Clair Todibo. Dem 20-Jährigen vom ​FC Barcelona wird eine große Zukunft vorausgesagt, im Sommer könnte man ihn für 25 Millionen Euro fest verpflichten. Die Probleme in der zentralen Defensive hat man so nicht nur quantitativ lösen, sondern die Gesamtsituation zudem qualitativ aufbessern können. Dafür wurde eine Leihgebühr von rund 1,5 Millionen Euro fällig. 


Torflaute im S04-Sturm: Königsblau benötigt frischen Wind und offensive Kopfballstärke

Eine weitere Baustelle war der königsblaue Sturm. Schon in der Hinrunde gab es teilweise das Problem, dass so mancher Stürmer zu wenig oder auch gar keine Tore erzielen konnte. Das wurde zwar häufig durch das torgefährliche Mittelfeld (vor allem um Amine Harit und Suat Serdar) aufgefangen, doch dieses Risiko wollte man über die Rückrunde hinaus nicht weiter eingehen. 

FBL-GER-BUNDESLIGA-SCHALKE-DORTMUND

Guido Burgstaller stand wohl exemplarisch für die Torflaute mancher S04-Stürmer



Da man auch einen weiteren kopfball- und spielstarken Stürmer verpflichten wollte, der zudem auch als eine Art hängende Spitze (Teilersatz von Mark Uth, s. u.) agieren kann, lieh man Michael Gregoritsch vom ​FC Augsburg aus. Nicht ganz unproblematisch, da er zuvor beim FCA für Ärger gesorgt hatte, und er das "Arbeits-Pressing" des Wagner-Stils auch bislang nicht kannte. 


Kreativität und die Flügel: Schalke von wenigen Spielern abhängig


Eine weitere Baustelle, die sich bereits während der Hinrunde bemerkbar machte, ist die oftmals fehlende Kreativität im S04-Spiel. Sollte Amine Harit einen eher durchwachsenen Tag haben, und auch Suat Serdar nicht an sein Limit kommen, sieht es beim kreativen und schnellen Spiel schon recht düster aus - da beide als Stammspieler auf verschiedenen Positionen agieren, besteht auch nicht die Möglichkeit, sich gegenseitig zu ersetzen. Dieses Problem hat man im Winter jedoch nicht beheben können. Zum einen hat Schalke derzeit nicht die finanziellen Möglichkeiten, sämtliche Bereiche im Kader abzudecken. Zum anderen sind die Optionen im Winter ohnehin spärlich. Hier wartet eine Aufgabe für den kommenden Sommer. Selbiges gilt für die quantitativ unterbesetzten Flügel für das etwaige 4-2-3-1. Hier hat man bislang noch zu wenig passende Optionen. 


Die Neuzugänge bei Schalke 04


Jean-Clair Todibo - Leihe mit Kaufoption vom FC Barcelona

Jean-Claire Todibo


Wie bereits erwähnt, ist Jean-Clair Todibo die Antwort auf die personelle Krise in der Innenverteidigung gewesen. Diese Antwort ist jedoch alles andere als ein bloßer Lückenbüßer oder reiner Ersatzspieler. Der Name Todibo wird nicht allzu selten in den Ring geworfen, wenn es um die besten Nachwuchs-Verteidiger geht. Für Trainer David Wagner ist er somit eine ernsthafte Option für die Startelf - auch wenn er (zurzeit) mit Ozan Kabak und Matija Nastasic sehr sichere und souveräne Konkurrenz hat. 


Mit den 1,5 Millionen Euro für die Leihgebühr war es zwar kein Schnäppchen für das halbe Jahr, aber angesichts des ohnehin notwendigen Schritts auch kein Halsbruch. Sollte ein anderer Innenverteidiger im Sommer gehen, wird man auch die 25-Millionen-Klausel aktivieren können. One way or another: in der Innenverteidigung ist ausgesorgt.


Michael Gregoritsch - Leihe vom FC Augsburg

Michael Gregoritsch


Michael Gregoritsch sollte ein neues, jedoch wichtiges Element ins S04-Spiel bringen. Kopfballstärke sowie die Möglichkeit des eigenen Mitspielens, anstatt nur als Zielspieler zu agieren. Dass er das kann, hat er gegen ​Borussia Mönchengladbach bereits eindrucksvoll bewiesen, auch wenn er zuletzt eher blass blieb. 500.000 Euro zahlt man für die Leihe (ohne Kaufoption) bis Saisonende. Auch hier hat man eine kluge, aber nicht unbedingt zukunftsträchtige Entscheidung getroffen. Für den Moment kann der 25-Jährige dennoch aushelfen. 


Die Abgänge bei Schalke 04


Steven Skrzybski: Mit Kaufoption an Fortuna Düsseldorf verliehen

Steven Skrzybski


Dass Steven Skrzybski den Verein verlässt, war wohl nur eine Frage der Zeit. Bislang hatte er in seinen anderthalb Jahren auf Schalke nicht beweisen können, dass er das Zeug zum Bundesliga-Stammspieler - auf dem von S04 anvisierten Niveau - hat. Unter David Wagner spielte er überhaupt keine Rolle. Da man Spieler im Winter häufig (zunächst) nur verleihen kann, hat man hier mit dem zwischenzeitlichen Wechsel zu ​Fortuna Düsseldorf (200.000 Euro Einnahmen) die richtige Entscheidung getroffen. Für 1,5 Millionen Euro könnten sie ihn im Sommer fest verpflichten. Eine niedrige, aber wohl gerechte Summe. Es läuft auf einen festen Abschied hinaus.


Jonas Carls: Spielpraxis-Leihe ohne Kaufoption zu Viktoria Köln

Jonas Carls


Zum Ende der letzten Saison wurde Jonas Carls mit seinem S04-Profivertrag ausgestattet, doch an Bastian Oczipka und Juan Miranda kommt der Linksverteidiger nicht vorbei. Bei Viktoria Köln soll der 22-Jährige (Vertrag bis 2022) bis zum Sommer Spielpraxis sammeln. Auch hier ein logischer Schritt.


Fabian Reese: Fester Wechsel in die Heimat zu Holstein Kiel

Fabian Reese


Bei Fabian Reese war der Abschied ebenfalls die einzig richtige Entscheidung. Auch wenn der gebürtige Kieler mit 22 Jahren noch sehr jung ist und er immer mal wieder Potenzial hat durchblicken lassen, kann sich Schalke mit den eigenen Ambitionen nicht darauf verlassen. Für 100.000 Euro hat man ihn fest an ​Holstein Kiel transferiert. 


Mark Uth: Überraschende Leihe ohne Kaufoption zum 1. FC Köln

Mark Uth


Der überraschendste Abgang des Winters war definitiv Mark Uth. Zum Rückrunden-Ende hatte niemand damit gerechnet, dass sich der 28-Jährige verleihen lassen möchte. Nach andauernden Gesprächen erteilte man ihm die Zusage für eine Halbjahres-Leihe zum ​1. FC Köln. Da er durch Formtiefs und Verletzungen nie wirklich warm auf Schalke wurde, könnte die nun dort angehäufte Spielpraxis eine gute Entscheidung sein. Eine direkte Kaufoption gibt es nicht, aber wohl eine 10-Millionen-Ausstiegsklausel. So behält Sportvorstand Schneider das Heft des Handelns in der Hand, sodass man je nach Lage im Sommer entscheiden kann, ohne sich über die Rückrunde zu schwächen.


Nabil Bentaleb: Notwendiger Abschied per Leihe mit Kaufoption zu Newcastle United

Nabil Bentaleb

Nachdem die erhoffte und leider notwendige Trennung im Sommer an einer unausweichlichen Knie-OP gescheitert war, hat man mit Nabil Bentaleb im Winter getrennte Wege gehen können. Eine Million Euro bekommt man von Newcastle United für die bis zum Sommer laufende Leihe, anschließend könnten die Magpies den Algerier fest für rund zehn Millionen Euro verpflichten. Angesichts der jüngeren Vergangenheit zwar keine allzu große, aber eine faire und noch wertvolle Summe. Der Abschied war erforderlich.


Sportvorstand Jochen Schneider hatte auf dem Winter-Transfermarkt, wie bereits im Sommer, erneut nur wenig Geld zur Verfügung - das soll sich mit dem erhofften internationalen Wettbewerb zum Sommer ändern. Die größten Baustellen, auch wenn sie sich teilweise erst während der Hinrunde gezeigt haben, konnte Schalke recht ordentlich beheben. Vor allem mit der Leihe von Todibo (mit anschließender Kaufoption) hat man eine sehr gute Ausgangslage für die Innenverteidigung im Sommer.
Jochen Schneider,Michael Reschke


 Auch wenn man im Sturm weiterhin mehr Qualität und für das kreative, spielstarke Mittelfeld und auf den Flügelpositionen noch Verstärkung hätte gebrauchen können, fällt es in der Gesamtbetrachtung sehr schwer, Schneider und Kaderplaner Michael Reschke einen Vorwurf zu machen. Wie bereits im Sommer hat man strategisch kluge, sinnvolle und sachlich überlegte Entscheidungen treffen können. Auch alle Abgänge waren entweder notwendig, oder bringen Schalke in keine schwierige Lage - oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall.