Unter Hans-Dieter Flick feiert Thomas Müller eine Wiederauferstehung. Der Angreifer ist so stark wie lange nicht, macht sich besonders als Vorlagengeber einen Namen. Die Verantwortlichen des FC Bayern machen sich für einen Platz im EM-Kader stark, er selbst kann sich ebenfalls vorstellen, noch einmal von Bundestrainer Joachim Löw berufen zu werden. Doch selbst, wenn Löw seiner Linie treu bleibt - ein Thomas Müller ist in dieser Form für den Rekordmeister unersetzlich.


In seiner Amtszeit beim FC Bayern musste der im November entlassene Niko Kovac viele Hürden überwinden. Einige Spieler ließen ihrem Frust freien Lauf, die Vereinsführung war hin- und hergerissen zwischen Rückendeckung und Kritik, einer nicht gegebenen Job-Garantie oder der klaren Ansage, dass sich die Mannschaft fußballerisch weiterentwickeln soll.


Einer der Hauptakteure in der Riege derer, die mit ihrem Platz unter Kovac unzufrieden waren, war Thomas Müller. Zum Notnagel degradiert, sprach er im Oktober vergangenen Jahres im kicker-Interview erstmals über einen Wechsel: "Wenn das Trainerteam mich in Zukunft nur noch in der Rolle des Ersatzspielers sieht, muss ich mir meine Gedanken machen."

Für einen Platz auf der Bank sei er "zu ehrgeizig", und stünde Kovac noch heute an der Seitenlinie, so hätten sich die Wechselgedanken wohl auch von Seiten des Klubs intensiviert. Müller ist einer von acht Spielern, deren Verträge 2021 auslaufen, Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge kündigte am Dienstag zeitnahe Gespräche mit den Profis an. Mit Manuel Neuer soll auf jeden Fall verlängert werden, auch bei David Alaba und Thiago wäre der Klub gut beraten, passende Angebote auf den Tisch zu legen. Selbiges gilt für Müller, der unter Flick zu alter Stärke zurückgekehrt ist.


Müller ist wieder Müller


Flick weiß, wie er den Weltmeister von 2014 einzusetzen hat. Egal ob Müller nominell auf der Acht, der Zehn oder dem rechten Flügel spielt, er bekommt seine Freiheiten, darf rein in den Strafraum, Räume für seine Mitspieler kreieren, sich irgendwie durch die Abwehrreihen bewegen und plötzlich da sein, wo der Ball hingespielt wird. Laufstark ist der Ur-Bayer, mit ihm beginnt das Pressing ganz vorne - und meist ist er einer der Letzten, der den Ball berührt, bevor er die Torlinie überquert.

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   Thomas Müller (r.) nähert sich wieder seiner Bestform.



Die Zahlen sind beeindruckend. Am 18. Spieltag lieferte er seinen zwölften Assist in der ​Bundesliga, schneller war seit Beginn der Datenerfassung niemand. Der Rekord liegt bei 22 Torvorlagen - ein weiter Weg, für Müller aber nicht außer Reichweite. Seit Flick da ist, hat er in nur einem Bundesligaspiel keinen Scorerpunkt sammeln können, blieb einzig beim 3:1-Erfolg über den ​SC Freiburg so blass wie ein Großteil seiner Mitspieler. 


In den übrigen acht Spielen glänzte er mit vier Toren und acht Vorlagen, hinzu kommt ein Treffer in der ​Champions League. Nach 512 Pflichtspielen für den FCB steht Müller bei 192 Toren und 181 Vorlagen, dazu feierte er am Wochenende beim 5:0 über Schalke 04 sein 100. Pflichtspieltor in der Allianz Arena. Er ist erst der zweite Spieler, dem dies gelang; schneller war nur Robert Lewandowski. 


Bayern-Bosse machen sich für EM-Teilnahme stark


Beim Jubel mit der Mannschaft hat Müller wieder ein Lächeln auf den Lippen, strahlt während des Spiels wieder unbändigen Ehrgeiz aus. Es läuft - und zwar so gut, dass sich Karl-Heinz Rummenigge und Herbert Hainer für eine Teilnahme bei der Europameisterschaft stark machen. "Grundsätzlich", sagte Rummenigge laut Sport1, wolle er Bundestrainer Joachim Löw "keine Ratschläge geben. Aber wenn einer top spielt, und ich hoffe, dass Thomas weiter auf diesem Niveau spielt, dann wird da möglicherweise ein Umdenken stattfinden."

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Bislang war Müller lediglich für die Teilnahme an den Olympischen Spielen im Gespräch. Im ZDF-Sportstudio ließ er jedoch durchblicken, dass er die EM durchaus im Blick hat: "Es gibt erst mal noch viele andere Großveranstaltungen im Fußball: das Meisterschaftsfinale, das DFB-Pokalfinale, Champions League und die Europameisterschaft."


Das dürfte auch Löw vernommen haben, und vielleicht denkt er doch noch einmal nach über Müller, den er nach 100 Länderspielen gemeinsam mit Mats Hummels und Jerome Boateng im März vergangenen Jahres plötzlich aussortierte. Denn auch an Bayern-Präsident Herbert Hainer ist eines nicht vorbeigegangen: "Thomas Müller kann man überall gebrauchen, egal ob in München oder bei der Europameisterschaft. [...] Ein Thomas Müller tut jeder Mannschaft gut."