Mit mehr als nur ein paar Ausrufezeichen rechtfertigt der ​FC Bayern München im noch frischen neuen Jahr seine Titelambitionen. Am vergangenen Wochenende watschte der Rekordmeister mit​ 5:0 Schalke​ 04 ab und unterstrich abermals die eigene Teamqualität. Vor allem über Leon Goretzka wurde im Anschluss an das Spiel geredet. Nicht nur wegen zwei Torvorbeteiligungen, sondern auch wegen eines umstrittenen Jubels.


Goretzka trug sich zum zwischenzeitlichen 3:0 in die Torschützenliste ein. Technisch anspruchsvoll per Seitfallzieher setzte er den Ball für den FCB in die Maschen, anschließend jubelte der 24-Jährige ausgelassen. An sich eigentlich nicht ungewöhnlich, doch schließlich spielte Goretzka immerhin fünf Jahre für Kontrahent ​Schalke. Den Jubel gegen den Ex-Klub heißt nicht jeder gut.

Leon Goretzka

Kategorie "Artistisch" - Leon Goretzka netzt sehenswert ein


Gegenüber der Presse rechtfertigt sich Goretzka für sein Verhalten. Den Jubel gegenüber der 'Ex' zu unterdrücken "ist aus meiner Sicht scheinheilig", so der 25-fache Nationalspieler in der tz. Keinesfalls wolle er dadurch den Schalkern gegenüber respektlos sein, schließlich wisse jeder, "dass ich fünf schöne Jahre auf Schalke hatte." Die Message ist also klar: Gejubelt wird immer, auch gegen den Ex-Klub.


Damit widersetzt sich Goretzka einem ungeschriebenen Fußballkodex, der Spielern das Jubeln gegen ehemalige Vereine 'verbietet'. Immer mal wieder werden Profis, welche Tore gegen den Ex-Klub nur unterdrückt bejubeln, anerkennend gewürdigt. Der Spieler wisse eben, wo er großgeworden ist. Manieren habe er auch. Vielleicht habe er doch einen feineren Charakter, als man denkt. Ehrenmann halt.



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​Goretzka-Jubel gegen Schalke: Aber jetzt mal ehrlich...


...diese Medaille rund um den Torjubel ist wieder einmal von zwei Seiten aus zu betrachten. Einerseits stimmt es: ein unterdrückter Jubel zeugt von Aufrichtigkeit. Der Spieler scheint seinen ehemaligen Klub nicht vergessen zu haben, anscheinend nimmt der Verein immer noch eine große Rolle im Bewusstsein des Torschützen ein. Doch andererseits wird solch ein Verhalten auch kritisiert. Sollte ein Spieler, egal woher er kommt, nicht immer 110 Prozent für den aktuellen Verein geben? Sollten auf dem Platz oder zumindest in den entscheidenen Situationen Gefühle für die 'Ex' nicht nebensächlich sein?


Ein schwieriges Thema also, welches gerade durch den Jubel von Goretzka emsig von Schalker und Münchner Fans ausdiskutiert wird. Den Schalkern schmeckt vor allem die Tatsache nicht, dass der ehemalige Knappe vor der Südtribüne und damit vor dem Gästeblock jubelte. Irgendwie verständlich, aber immerhin spielten die Bayern auch auf dieses Tor. Soll Goretzka zum Feiern in die andere Richtung laufen, um niemanden auf den Schlips zu treten? Zumal man aus dem - nennen wir ihn beschönigt luftigen - Auswärtsblock in der Allianz Arena sowieso nur eine beschränkte Sicht auf das Geschehen haben dürfte...

Leon Goretzka

Die gute alter Zeit, als Goretzka noch königsblau trug...



Von einem Spieler, der die Farben der eigenen Mannschaft trägt, erwartet man zu jeder Zeit Aufrichtigkeit, Opferungsbereitschaft und vor allem Ehrlichkeit. Goretzka erklärt nun erfrischend offen, warum er sich zu dem Jubel hinreißen lassen hat. Irgendwie sollte man auch das würdigen, schließlich ist es inzwischen (leider) seltener geworden, dass sich ein Spieler gegenüber den Medien frisch und ehrlich seinen Gedankengang erklärt.


Gesundes Mittelmaß die Lösung


Im Fall des 24-Jährigen sollte man außerdem auch das Kleingedruckte lesen. Der Wechsel von Blau zu Rot ging schon vor anderthalb Jahren über die Runden und war keinesfalls eine Schlammschlacht zwischen den verschiedenen Parteien. Es war zwar das erste Tor gegen Königsblau, aber immerhin schon das dritte Spiel. Hier stellt sich die Frage auf, ab wann ein Profi wieder gegen den Ex-Verein jubeln 'darf'? Wo zieht man da die Grenze?


Egal wie man es macht, man macht es falsch. Das spürt nun auch Goretzka. Jubelt er gegen Schalke, gibt es Gegenwind aus dem Pott. Hätte er nicht gejubelt, hätte dies sicher den ein oder anderen Bayernfan nicht geschmeckt. Durch die offene Aussage nach dem Spiel gelang Goretzka allerdings eine angenehme Balance. Dem Spieler ist durchaus bewusst, für welchen Klub er in der Vergangenheit auflief. Was aber zählt, ist das hier und jetzt - und deshalb wird eben gejubelt. Und das ist nicht nur diplomatisch gut gelöst, sondern irgendwie auch angenehm aufrichtig.