​Als am 21. Dezember des letzten Jahres gegen viertel vor drei Uhr nachmittags der Schlußpfiff im Darmstädter Merck-Stadion am Böllenfalltor ertönte, dürfte das gleichzeitig wie der Startschuss gewesen sein für die Mannschaft hinter der Mannschaft beim ​HSV. Denn in den Wochen zuvor rumpelte das Team mehr durch die Liga, als dass es überzeugend Richtung Aufstieg schwebte. Allen war klar: Veränderungen in der Mannschaft müssen her. Einen Monat später haben die Transferaktivitäten von ​Jonas Boldt und seinen Kollegen dafür gesorgt, dass die Hoffnung in die Hansestadt zurückgekehrt ist.


Nicht wenige orakelten ob des verkorksten letzten Drittels der Hinrunde einen ähnlichen Verlauf der Spielzeit wie im vergangenen Jahr - nur dass das Team seine "Auszeit" heuer schon in der Vorrunde und nicht im März genommen hatte. Zu behäbig sah das Angriffsspiel der Hamburger ab November aus, zu fehlerhaft agierte die Verteidigung. 


Erst Verletzungspech, dann Formtiefs


Klar, es fehlten wichtige Spieler, die sich bis zu ihrem verletzungsbedingten Ausfall als Stützen der Mannschaft erwiesen hatten. So war die schwere Verletzung von Jan Gyamerah kurz vor dem Stadtderby beim FC St.Pauli ein echter Schock, der allen im Verein in die Glieder fuhr. Eineinhalb Monate später erwischte es auch noch Gyamerahs Back-up Josha Vagnoman. Der HSV ging hinten rechts auf einmal am Stock. Notlösung Khaled Narey machte seine Sache dann, den Umständen entsprechend, ganz passabel. Doch die Wucht, die man zwischen August und September/Oktober auf der rechten Seite entwickeln konnte, war abhanden gekommen.


Und auch ein Aaron Hunt machte nahtlos da weiter, wo er irgendwann vor einigen Jahren begann: Also im Quasi-Dauerverletzungsmodus. Zwei Spiele aktiv, dann wieder mit einer Blessur - wieder ein, zwei Spiele nicht dabei - dann wieder dabei. So kann keine Konstanz ins Spiel kommen - weder in das von Aaron Hunt noch in das der Mannschaft.


Ja, und dann verloren auch noch nacheinander die vormaligen Leistungsträger ihre Form. Erst tauchte Adrian Fein immer mehr ab, dann beging Rick van Drongelen vorher nie gesehene Fehler. Mit einem Sieg aus den letzten sieben Spielen verabschiedete sich der HSV in die Winterpause. Und mit einem Koffer voller Sorgen im Gepäck. Jetzt waren die Macher gefragt. Der Trainer. Der Sportdirektor. Kurz: Die Mannschaft hinter der Mannschaft.


Nach einer Bestandsaufnahme rund um den Jahreswechsel legte diese "Mannschaft" dann ihre Diagnose auf den Tisch. Es mussten her: ein neuer Rechtsverteidiger, ein offensiver Mittelfeldspieler und ein Stürmer. Sie sollten nach Möglichkeit die Liga schon kennen, um sich entsprechend schnell einfügen zu können, und möglichst noch nicht die 30-Jahre-Grenze überschritten haben (man wollte ja den eigenen jungen Spielern nicht deren Zukunft verbauen) - und, ach ja, viel kosten durften sie natürlich auch nicht. 


Und mit diesen Prämissen schickte man Jonas Boldt in die große Fußball-Welt - und warf ihm noch ein zögerliches "Viel Glück!" hinterher.


Umsichtiges Handeln auf dem Winter-Transfermarkt


Einen Monat später scheint sich die ganze Atmosphäre beim HSV auf links gedreht zu haben. Der weihnachtliche Fatalismus ist gedämpftem Optimismus gewichen. Denn: Boldt und sein Team (zu dem natürlich auch der Trainer Dieter Hecking und auch Scouting-Boss Claus Costa gehören) haben binnen eines Monats alles eingetütet, was sie sich vorgenommen haben. Und das ganz ohne mediales Getöse, weil der Klub endlich mal hermetisch geschlossen war. 


Natürlich zu Lasten der schreibenden Zunft, die wochenlang im Trüben fischte. Und dann überrascht wurde, als plötzlich ein Louis Schaub in Hamburg präsentiert wurde. Also der Spieler, der noch vor Jahresfrist den damaligen Liga-Konkurrenten aus Köln mit 16 Scorerpunkten in die Bundesliga zurückgeschossen hatte. Boldt wirkte selbst ein wenig überrascht ob des Deals ("Wir konnten zunächst gar nicht glauben, dass so ein Spieler auf dem Markt ist!", sagte er freudestrahlend der versammelten Hamburger Presse; Quelle: mopo.de). 

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Louis Schaub im Dress der österreichischen Nationalmannschaft


Wenige Tage danach folgte mit Jordan Beyer ein weiterer Akteur, den von der hiesigen Journaille wohl auch nur die allerwenigsten auf dem Zettel hatten. Zugegeben: Zwei Leihgeschäfte. Die im heutigen Fußballs des öfteren als Not-Lösung (weil eben nicht nachhaltig) verschrien werden. Doch Leihgeschäfte sind nicht gleich Leihgeschäfte. Im Fall von Louis Schaub hat man sich sogar eine mehr als favorable Kaufoption (angeblich um die 2,7 Millionen Euro) in das Vertragswerk schreiben lassen. Nicht so bei Jordan Beyer - aber hier ging es tatsächlich vor allem um die kommenden zwei bis drei Monate. Bis eben die eigenen Rechstverteidiger (Gyamerah und Vagnoman) wieder fit genug sind. 


Und als Krönung ​scheint man bei einem der heißesten Stürmer-Talente aus einer der kleineren Ligen Europas die Nase vorn zu haben. Robert Bozenik kannten wohl hierzulande die allerwenigsten. Seine statistischen Zahlen lassen jedoch einen jeden aufhorchen. Mit gerade mal 20 Jahren kann der Slowake bereits eine 50-prozentige Trefferquote bei Länderspielen vorweisen. Zwar sind es noch nicht all zu viele Spiele, die er für die Slowakei gemacht hat (genau gesagt: acht), aber trotzdem. Hätte man hier zu lange gewartet, wäre der Zug wohl schneller abgefahren als man "Stopp" sagen kann. 

Adam Nagy,Robert Bozenik,Dominik Szoboszlai

Ist sich mit dem HSV schon einig: Robert Bozenik (re.)


So war man rechtzeitig an dem Spieler dran, und die Konkurrenz aus Rotterdam, Moskau oder England hat (vermutlich) das Nachsehen. Mit dem Spieler ist der HSV jedenfalls handelseinig. Und die Vereine werden wohl in den nächsten Tagen auch zueinander finden. 


In der Summe hat diese winterliche Transferperiode nur nochmal unter Beweis gestellt, was die meisten sowieso schon sei längerem wissen: Mit Jonas Boldt (aber auch den anderen genannten) hat man im Klub endlich wieder richtiges Management-Know-How. Und das ist eigentlich die beste Nachricht seit Jahren, die den Klub erreichen konnte.