Der FC Bayern treibt die Verjüngungskur voran. Im Kader des Rekordmeisters ist davon allerdings noch nicht viel zu spüren. Das liegt daran, dass die Talentarbeit in die Dritte Bundesliga ausgelagert wird. Ein gefährliches Experiment, das vor allem eins vermissen lässt: Konsequenz.


Vor rund zwei Jahren eröffnete der FC Bayern einen neuen Campus. Die Jugendarbeit beim Rekordmeister sollte und soll umgekrempelt werden, neue Infrastrukturen dazu führen, dass sich künftig wieder Talente aus dem eigenen Stall in der Profimannschaft etablieren. Ein Joshua Zirkzee und ein Alphonso Davies beweisen aktuell, dass der neue Kurs an der Säbener Straße durchaus Hand und Fuß und sogar Ertrag haben kann. Die Medaille hat jedoch zwei Seiten.


Der FC Bayern schleift seine Rohdiamanten in der Dritten Bundesliga


Abseits der Förderung der ganz Jungen legte der FC Bayern zuletzt auch viel Wert darauf, Talente abzuwerben und einzukaufen. Namentlich: ​Michael Cuisance, Alexander Nübel, ​Nicolas Kühn oder Fiete Arp. Dieser Strategie steht jedoch noch ein altbekanntes Problem im Weg: Im Kader des Rekordmeisters ist kein Platz für unreife Früchte. Und die kostspieligen Rohdiamanten müssen nun in der Dritten Bundesliga geschliffen werden, um sich mittelfristig bei den Profis durchsetzen zu können. Konsequent ist das nicht.

Nicolas Kuhn

Wechselt aus Amsterdam zum FC Bayern: Nicolas Kühn



Denn an diesem Punkt kollidieren Anspruch und Realität. Sicher, beim FC Bayern findet ein Umwälzungsprozess auf vielen Ebenen statt. Die traditionellen, vereinskulturellen Ambitionen haben jedoch Bestand. Und das bedeutet, dass eine Saison ohne maximale Dominanz, ohne mindestens zwei Titelgewinne, weiterhin ein Fehlschlag ist. Oder anders ausgedrückt: Das ist kein guter Nährboden für unreife Früchte. 


Den findet man eher an Standorten wie Dortmund oder Gelsenkirchen vor. Im Ruhrgebiet - um nur dieses eine Beispiel zu nennen - weiß man um die wichtigste Zutat bei der Entwicklung von Talenten: Zeit und Geduld. Ein Jadon Sancho war nicht der Spieler, der er jetzt ist, als er 2017 nach Dortmund wechselte; der ​BVB hat ihm den Raum gegeben, um dieser Spieler werden zu können. Über diese Kapazität verfügt der FC Bayern nicht. Zumindest nicht in der obersten Etage. 


Anspruch beim FC Bayern zu hoch für die junge Garde


Auch wenn ein Joshua Zirkzee bereits eine Duftmarke hinterlassen konnte und ein Michael Cuisance einige Minuten für den FC Bayern auf dem Bundesliga-Rasen turnen durfte: Spiele über 90 Minuten - vor allem in den wichtigen Spielen - sind auf diesem Niveau für unfertige Spieler nicht drin. Dafür ist der Anspruch beim FC Bayern zu hoch. Spielpraxis und Feinschliff muss sich die junge Garde des Rekordmeisters in der Zweitvertretung und im Training mit den großen Tieren abholen. Nur drängt sich die Frage auf: Wie sollen diese Spieler in der Dritten Bundesliga auf Kaliber wie Lionel Messi, Virgil van Dijk oder Luka Modric vorbereitet werden? Und wie können sie sich mittelfristig in der Beletage etablieren, wenn der Verein ihnen fertige Spieler a la Leroy Sane oder Kai Havertz vor die Nase setzt?


An der Säbener Straße scheint man zwischen den Stühlen zu stehen. Auf der einen Seite baut sich der Rekordmeister eine vor Talent strotzende Zweitvertretung auf, die sicher ein Titelkandidat in der dritten Liga sein kann - Bravo! Auf der anderen Seite klappt die finanzielle Schere zur Premier League, der Serie A oder LaLiga immer weiter auf und der FC Bayern geht bei den ganz dicken Fischen leer aus. Die neuen Bosse an der Säbener Straße sollten sich nun dringlich um Konsequenz bemühen. Denn wenn das teure Experiment in Liga Drei scheitert, sendet der FC Bayern ein fatales Signal an junge Spieler. Und dann droht das Szenario, das plötzlich alle Stühle besetzt sind und die Bayern mit leeren Händen dastehen. Nun, abgesehen vom Titel in der Dritten Bundesliga.


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