​Unaufhaltsam strebt der​ FC Liverpool seinem 19. Meistertitel entgegen. Doch proportional zur Wahrscheinlichkeit, dass sich die Reds im Mai zum englischen Champion küren werden, wird bei den Verantwortlichen rund um die Anfield Road die Tendenz deutlicher, alle voreiligen Glückwünsche zum Titel energisch zurückzuweisen. Zur Not auch mit eigentlich verpönten Floskeln. 


Ein nahezu perfektes Jahr geht für den Klub aus der nordenglischen Hafenstadt vorüber. Gewinn der Champions League im Mai, Sieg im europäischen Super-Cup im August, Sieger der Klub-WM im Dezember - und mittlerweile satte 13 Punkte (!) Vorsprung auf die Verfolger (bei noch einem nachzuholenden Spiel): Diese Bilanz kann sich mehr als sehen lassen. 


Klopp hält den Ball weiterhin sehr flach


Für Trainer ​Jürgen Klopp jedoch kein Grund, bereit jetzt irgendwelche Siegeshymnen anzustimmen: "Ich weiß, es war ein gutes Jahr. Wir hatten eine Menge großartiger Momente“, diktierte der Stuttgarter nach dem letzten Sieg des Jahres gegen die Wolves (1:0) den BBC-Reportern in die Mikros. "Aber in unserem Leben zählen wir keine Jahre, sondern Saisons. Deshalb sind wir erst zur Hälfte durch. Titel werden nicht im Dezember gewonnen." Im check24-Doppelpass wäre Kloppo dafür wohl zweimal zur Einzahlung ins Phrasenschwein aufgefordert worden. Doch wer will es ihm verdenken? 

Juergen Klopp

Die Fans in Liverpool, zumindest die in rot gekleideten, lechzen dem ersten Ligatitel seit 1990 hinterher, wie der Dürstende in der Wüste dem Wasser. Seit jenem ominösen Datum konnten die Mannen von der Anfield Road zwar zweimal höchste europäische Weihen entgegennehmen (2005 und 2019), doch national war man in den letzten dreißig Jahren bei der finalen Vergabe der Meisterschale immer außen vor. 


Entsprechend vorsichtig geben sich alle Verantwortlichen des Klubs. Keiner will mit markigen Sprüchen, die jetzt formuliert werden, am Ende "schuld" daran sein, wenn es im Mai doch nicht klappt. Zwar ist dies angesichts der atemberaubenden Performance der Liverpooler in den letzten Wochen - bei der gleichzeitigen Schwäche der Konkurrenz - eher unwahrscheinlich, doch kluger Mann beugt vor. 


Den Fokus weiterhin auf das Geschehen auf dem Rasen zu fokussieren und jegliche Feier-Ambitionen bis zum kommenden Frühjahr zurückzuhalten, ist in diesem Zusammenhang das einzig Richtige, das Klopp und seine Mannen tun können. 


Traumatische Erinnerungen an 2014


Zu frisch ist nämlich immer noch die Wunde, die das verlorene Titelrennen 2014 bei vielen Liverpool-Fans geschlagen hat. Damals sorgte ein Stolperer von Steven Gerrard zunächst für die Niederlage im direkten Duell mit den Blues vom ​FC Chelsea - und anschließend für den Verlust der begehrten und fast schon sicher geglaubten Meister-Trophäe. Am Ende lachte sich Manchester City ins Fäustchen.

Steven Gerrard

Damals kasteiten sich hinterher viele Liverpool-Fans für ihre allzu optimistischen Schlachtgesänge im Vorfeld des Duells mit den Nordlondonern. Gleichsam als glaubten sie, dass sie für ihre voreilige Siegesgewissheit vom englischen Fußball-Gott "bestraft" worden seien. 


Und da Fußballer, egal ob Fans oder Spieler oder Trainer, oftmals sehr abergläubisch sein können, dreht man weiterhin erstmal lieber am kleinen Rad. Von Spiel zu Spiel. Und zahlt dafür auch gerne was ins Phrasenschwein.