Was die Spatzen schon länger von den Dächern pfiffen, ist nun offiziell: Hans-Dieter Flick wird den FC Bayern München bis Saisonende als Cheftrainer betreuen. Statt eines Neubeginns können Mannschaft und Trainer mit Blick auf die Rückrunde auf dem geschafften Fundament aufbauen und die Weichen für eine erfolgreiche Saison 2019/20 stellen. Diese Entscheidung stellt alle Beteiligten zufrieden.


Der Vorstand war zufrieden, die Mannschaft sowieso - und auch Flick selbst war offen für ein Engagement über den Winter hinaus. Kontinuierlich verlängerte sich die Dauer seines Schaffens: Aus zwei Spielen wurde das Restprogramm bis zur Winterpause, nun bleibt Flick mindestens bis zum Ende der laufenden Saison; ​eine Anstellung darüber hinaus schlossen die ​Bayern in der dazugehörigen Pressemitteilung nicht aus. Ob Flick "eine Epoche prägen" wird, wie es Jupp Heynckes dem Übergangstrainer in seiner kicker-Kolumne zutraute, bleibt abzuwarten. Aber jetzt herrscht absolute Planungssicherheit an der Säbener Straße.

Einen geeigneten Trainer im Winter verpflichten zu können, war nahezu ausgeschlossen ob des enormen Anforderungsprofils, das der Klub intern aufstellte. Gesucht wird ein Trainer, der attraktiven, ballbesitzorientierten und offensiv ausgerichteten Fußball spielen lässt, wie es Louis van Gaal, Jupp Heynckes oder Pep Guardiola taten. Flick, das unterstrich Karl-Heinz Rummenigge, mache indes ​"einen guten Job" - einen wirklichen Grund, ihn abzusägen, gab es nicht.


Kaum Training, viele Punkte


Nach einem herausragenden Start mit vier Siegen begannen die Münchner jedoch zu stolpern. Die Niederlagen gegen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach waren vermeidbar, Siege gegen Tottenham Hotspur, den SC Freiburg und dem VfL Wolfsburg nicht so souverän wie erhofft. Dabei muss man Flick aber zugutehalten, dass er lediglich zwischen den Spielen gegen Leverkusen und Gladbach eine komplette Trainingswoche mit der Mannschaft absolvieren konnte. Abgesehen davon fand sich der 54-Jährige inmitten von englischen Wochen und einer Länderspielpause wieder, in der das Gros des Rekordmeisters bei den Nationalmannschaften weilte. 

Joshua Zirkzee

  Unter Flick haben die Bayern große Fortschritte gemacht.


Dass sich in dieser stressigen Zeit nur an wenigen Stellschrauben drehen lässt, liegt auf der Hand. Nichtsdestotrotz hat Flick in der Tat gute Arbeit geleistet: Von zehn Spielen wurden acht gewonnen, das Torverhältnis steht unter seiner Ägide bei 32:7. In der Bundesliga überwintern die Bayern auf Platz drei, der Rückstand auf Herbstmeister RB Leipzig beträgt vier Punkte. Zudem hat er vier Nachwuchsspieler zu den Profis beordert, mit Joshua Zirkzee einen Youngster schon dreimal auf der großen Bühne auflaufen lassen. Seinerseits bedankte sich der 18-jährige Niederländer mit zwei entscheidenden Toren gegen Freiburg und Wolfsburg.


Die Rückrunden-Vorbereitung ist eine große Chance


Das Spiel lässt schon jetzt eine klare Handschrift erkennen. Der FC Bayern steht extrem hoch, verteidigt über 90 Minuten nach vorne und erzeugt somit einen enormen Druck auf den Gegner. Das Angriffssspiel ist zudem diagonaler und nicht mehr so steif wie unter Vorgänger Kovac. Umso gespannter darf man darauf sein, welche Früchte die Vorbereitung auf die Rückrunde tragen wird. Ab dem Trainingslager, das vom vierten bis zum zehnten Januar stattfindet, lernen sich Mannschaft und Trainer noch näher kennen. Von da an kann Flick an Punkten wie Chancenverwertung, Spielkontrolle und der zuletzt wackeligen Defensive, die in Umschaltsituationen des Gegners nicht immer souverän wirkt, ansetzen.


Jedoch wird der Kader für seine Spielidee optimiert werden müssen. Jerome Boateng und Javi Martinez haben erhebliche Probleme in der Viererkette, doch ohne Joshua Kimmich auf der Sechs mangelt es an der nötigen Stabilität im Mittelfeld. ​Flick selbst soll sich einen neuen Rechtsverteidiger wünschen, damit Benjamin Pavard dauerhaft in der Innenverteidigung und Kimmich im defensiven Mittelfeld spielen kann. Da Martinez zusätzlich aufgrund eines Muskelbündelrisses zwischen sechs und acht Wochen pausieren muss, ist neues Personal für die Defensive nahezu unabdingbar. 

Hasan Salihamidzic

    Hält sich bedeckt: Sportdirektor Hasan Salihamidzic wollte sich nicht zu potentiellen Winter-Transfers äußern.


Das enorme Verletzungspech war allgemein ein Faktor, wieso die jüngsten Ergebnisse so wackelig waren. Flick konnte während des Spiels kaum reagieren, höchstens in der Schlussphase mit ein paar Nachwuchsakteuren wie jenem Zirkzee für einen neuen Impuls sorgen. Sobald sich die Situation wieder bessert, hat Flick die Qual der Wahl; und die Bayern wären wieder variabler. 


Der FC Bayern ist für die Zukunft gerüstet


Die Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte werden die Verantwortlichen weiter genauestens beobachten. Sollte sich die Mannschaft in der Rückrunde steigern und ähnliche Leistungen wie in den ersten vier Spielen abrufen, könnte Flick zur Dauerlösung gemacht werden. Sollte sich die Gelegenheit bieten, dass Thomas Tuchel oder Erik ten Hag im Sommer zu haben wären, dürfte er im Sommer wiederum Platz machen. Für beide Szenarien ist der FC Bayern mit der aktuellen Besetzung bestens gerüstet - denn Flick spielt einen Fußball, der zum Verein passt und auf dem ein potentieller Nachfolger besten Gewissens aufbauen kann.