So euphorisch die Hinrunde begann, so enttäuschend endet sie für ​Borussia Dortmund. Mit einer ​1:2​-Niederlage verabschiedete sich die Mannschaft am Freitagabend in die Winterpause. ​Die Fans waren wieder einmal bedient, auch Trainer Lucien Favre ließ seinem Frust freien Lauf. Es ist ein Teufelskreis, aus dem es offenbar keinen Ausweg gibt.


In Dortmund spielt sich seit Jahren das Gleiche ab. Ob unter Thomas Tuchel, Peter Bosz oder Lucien Favre - auf einen hoffnungsvollen Start folgt die pure Enttäuschung. Die Mannschaft, zusammengestellt aus jungen, mit extremem Potenzial ausgestatteten Spielern auf der einen und erfahrenen Profis auf der anderen Seite beweist seit Jahren, dass sie konstant inkonstant ist. 


Transfers á la Axel Witsel, Thomas Delaney und Mats Hummels sollten Abhilfe schaffen - doch egal, ob sie auf dem Platz stehen oder nicht, der BVB ist ein fragiles Gebilde. An manchen Tagen präsentiert sich die Mannschaft sattelfest, an anderen findet sie kaum ins Spiel; und wenn doch, dann neigt sie dazu, sich um den eigenen Lohn zu bringen. So wie am Dienstagabend gegen RB Leipzig oder am Freitagabend bei der TSG Hoffenheim.

Manuel Akanji,Sargis Adamyan,Roman Buerki,Juergen Locadia

In der 79. Minute erzielt Sargis Adamyan (2. v.l.) aus dem Nichts den Ausgleich für Hoffenheim - wenig später stellt Andrej Kramaric den Spielverlauf endgültig auf den Kopf



Eine 2:0-Führung gegen RB reichte nur zu einem 3:3, in Hoffenheim stand eine 1:2-Niederlage auf der Anzeigetafel. Fünf Punkte und die damit vorübergehende Tabellenführung vor den Samstagsspielen wurden verspielt, mit bis zu sieben Punkten Rückstand auf den angestrebten ersten Tabellenplatz wird Dortmund überwintern. 


Favre sucht keine Ausreden


Lucien Favre ist für sachliche Analysen bekannt, im Interview mit dem ZDF platzte jedoch auch dem sonst so ruhig wirkenden Professor der Kragen (zitiert via Sportbuzzer): "Wir hatten das Spiel total im Griff. Wir machen unsere klare Torchancen nicht. Es war so einfach, das 2:0 und das 3:0 zu machen. Das ist unglaublich, das ist dumm." Dabei bezog er sich nicht auf die reine Chancenverwertung, sondern darauf, wie seine Mannschaft den Ball im Tor unterbringen wollte (zitiert via t-online.de): "Wir schießen, statt zu flanken und passen, statt zu schießen. Wir spielen zu kompliziert, wir wollen immer alles fantastisch machen, statt es einfach auszuspielen."


Auch ZDF-Experte Oliver Kahn, der im Januar in den Vorstand des FC Bayern München rücken wird, fand klare Worte (via Sportbuzzer): "Wenn man deutscher Meister werden will, dann tritt man normalerweise anders auf. Man hat das Gefühl, beim BVB ist die Angst größer als der Mut, auf das 2:0 zu gehen. [...] So die Kontrolle abzugeben, tief zu stehen. Die Konterchancen haben sie schlampig zu Ende gespielt, sie hatten die Möglichkeit, auf 2:0 zu stellen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Spieler 100-prozentig an die Meisterschaft glauben."


Dortmund und die Meisterschaft - ein Traum, der seit Jahren platzt. Die im Herbst entfachte Mentalitätsdebatte, sie wird vermutlich wieder geführt werden. Ruhe, Souveränität und Schnörkellosigkeit strahlt die Mannschaft nur an manchen Tagen aus - wie gegen Hertha BSC (2:1), Fortuna Düsseldorf (5:0) oder Mainz 05 (4:0). Doch dann wiederum folgen Auftritte wie gegen Union Berlin (1:3), dem FC Bayern (0:4), Paderborn (3:3) oder den beiden jüngsten Partien. 


Dortmund ist nicht bereit für den nächsten Schritt


Ausschlaggebend, so scheint es, ist eine mentale Komponente. Die Klubführung sprach vor der Saison die Meisterschaft als klares Ziel aus, auch Trainer und Mannschaft wollen nach dem Titel greifen - und doch scheitert der BVB kurz vor dem Ziel. Eine Parallele: Vor Spielen gegen den FC Bayern werden große Worte gewählt, Taten folgen - besonders in der Allianz Arena - zu selten. 

Spieler Dortmund

  In aller Regelmäßigkeit überwiegt die Enttäuschung im Dortmunder Lager



Selbstverständlich kann man auch Favre kritisieren. Dafür, dass er womöglich zu spät von seinem 4-2-3-1 abgerückt ist, dass er manchmal zu viel kontrollieren will und die Mannschaft damit womöglich sogar hemmt, wenn 30 Minuten vor Spielende nur noch verwaltet wird. Aber die Spieler müssen sich genauso ankreiden lassen, dass sie nicht verwalten können. Tempo rausnehmen, den Gegner laufen lassen, das Spiel mit langen Ballbesitzphasen in die Hand zu nehmen. Das gelingt nur selten, zeichnet große Mannschaften wie den FC Bayern, Manchester City, Liverpool, Barcelona oder Real Madrid aber aus. Und wenn es doch zu gelingen scheint, schleichen sich individuelle Fehler ein. Seien es die Vorlagen von Roman Bürki und Julian Brandt für Timo Werner, der binnen weniger Minuten von 0:2 auf 2:2 stellte oder die Bogenlampe von Lukasz Piszczek, die im Hoffenheimer Ausgleich mündete. 


Es sind Fehler, für die der Trainer nicht verantwortlich ist. Das gesamte Kalenderjahr 2019 über hat Favre mit individuellen Aussetzern seiner Schützlinge zu kämpfen, mit den fehlenden Prozenten, die Gewinner von Verlierern unterscheidet. Solange dieses seit Jahren existierende Problem nicht behoben wird, wird der BVB auch in den nächsten Jahren seinen eigenen Zielen und Träumen hinterherrennen. Mit dem Spiel in Hoffenheim hat sich der Kreis jedenfalls wieder einmal geschlossen.