Nach ​Werder Bremens​ Klatsche gegen ​Mainz rätselt die Fußballwelt über die Gründe für die Krise des Teams. Der Fokus liegt dabei hauptsächlich auf der Formschwäche einzelner Akteure und dem horrenden Verletzungspech. Niemand spricht von der Angst.

Männer haben keine Angst, oder?​ Oder sind das nur Scheuklappen vor einem Tabuthema im Profifußball? Niemand spricht von der Angst. Dabei war die Angst in der zweiten Halbzeit des ​Bayernspiels, sowie in der ganzen Partie gegen Mainz, mit Händen greifbar. Es wirkte, als führte die Angst die Spieler an Nasenringen übers Feld. Das Team wirkte insgesamt total unsicher, verängstigt, paralysiert. Das Ganze erinnerte in Ablauf und Resultat sehr stark an das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien 2014: Nervlich überforderte Kicker brechen völlig zusammen und lassen das Schicksal über sich ergehen. Damals wie heute sicher keine Frage der Qualität oder des Willens der Spieler.


Angst? (Fast) Kein Thema in der Bundesliga

Es erinnert ein wenig an die Tabuisierung der Homosexualität bei Fußballprofis. Vor nicht einmal 20 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Spieler sich zu seiner​ Homosexualität bekennt. Auch heute gibt es noch solche Tabuthemen, über die man(n) nicht spricht. Blöderweise erhöht das Schweigen aber den (Innen-)Druck. Noch ein Tabuthema - auch zehn Jahre nach Robert Enkes Freitod: Der Druck. Dabei ist der Druck doch nur die Folge der Angst, die niemand wahr haben will...


​Werder Bremen und die Angst der Spieler


Wieso macht sich gerade in Bremen die Angst so spektakulär bemerkbar? ​Werder Bremen, die Wohlfühloase der Bundesliga. ​Wo die Fans nach einer 0:5 Niederlage den Spielern Trost und Zuspruch schenken. 


Klar, da summieren sich "kleine" Ängste:

  • Die Angst vor Gegentoren bei Standardsituationen.
  • Die Angst, sich gegen vermeintlich schwächere Gegner zu blamieren.
  • Die Angst, sich selbst um den Lohn der Anstrengungen zu bringen.
  • Die Angst vor Verletzungen.
  • Abstiegsangst
  • Und jetzt auch noch die Angst vor der Offensive.

Vielleicht ist es sogar die Angst, den Trainer zu verlieren? Wer weiß? 

Die Mannschaft bekennt sich zum Trainer, weil sie vom Kopf her überzeugt von ihm und seinen Ideen ist. Teilweise sind Spieler ja nur wegen Florian Kohfeld überhaupt in Bremen gelandet. Der Kopf sagt ja zu allem, was gefordert wird. Das Herz sagt zu alledem nix, es sitzt in der Hose. Das Herz nimmt den Widerspruch, die innere Zerrissenheit wahr, die Tatsache, dass Offensive verpufft, so lange die Angst nicht überwunden ist.


Jede der oben genannten Ängste triggert das systemrelevante Hauptprogramm Angst in jedem Menschen​, das dem Überleben der Art dient und das nicht gelöscht werden kann. Verleugnung nützt dabei leider überhaupt nix, das Programm wirkt trotzdem. Mutig ist, wer der Angst ins Auge blickt, sie anerkennt und sein Handeln der Gefahr anpasst. Hier versteckt sich vielleicht auch ein Schlüssel zur Beendigung der Krise, hier ist Wachstumspotenzial, aus dem sogar alle Beteiligten gestärkt hervorgehen können.


Wie kann es jetzt weiter gehen?


Vor dem letzten Spiel forderte Florian Kohfeld, das eigene Tor, auch mit dem Risiko weiterer Verletzungen, mit allen Mitteln zu verteidigen und trotzdem offensiven Fussball zu spielen. Als Spieler mag man sich da denken: "Was soll ich liefern? Offensives Mauern? Trockenes Wasser?" Klingt nach unüberwindlichem Widerspruch. Das Resultat kennt inzwischen jeder. Kann es ein, dass es das Team jetzt aktuell​ lieber hätte, Beton anzurühren, den Bus vor dem eigenen Tor zu parken und zu kontern? Vielleicht braucht es dazu den Mut, von Spielern aus dem Mannschaftsrat, zum Trainer zu gehen und zu sagen: "Chef, wir haben Angst so weiter zu machen. Am stärksten waren wir in dieser Saison, wenn starke Gegner uns in die Defensive drängten und wir mit Rashi und Leo Räume hatten und kontern konnten. Jetzt steht statt Leo Fin wieder zur Verfügung, der das auch sehr gut spielen kann. Lass uns den Offensivdrang zurückfahren, bis wir eine stabile, gesunde, eingespielte Abwehr haben."


Offensivfussball sollte keine heilige Kuh werden, kein unveränderliches Prinzip. Es ist kein Zeichen von Mut, zweimal eine Hand auf die glühende Herdplatte zu legen. Man sollte diese Angst benennen und sein Handeln anpassen. Mutig wäre es zu sagen: "Schei***, wir haben Angst, dass uns auch ​Köln und ​Düsseldorf wieder eins überbraten, wenn wir nicht grundlegend etwas ändern." Eine Angst, die erkannt und anerkannt wird, verliert ihren Schrecken und schrumpft, man kann sie bearbeiten und überwinden. So kriegst Du Herz und Kopf wieder ins gleiche Boot und könntest sogar, auch wenn sich das jetzt wohl kaum jemand vorstellen kann, in Köln gewinnen.