Jeder Fußballspieler erwischt im Laufe einer Saison einen schlechten Tag. Auch Joshua Kimmich bleibt davon nicht verschont. Beim FC Bayern München pendelt er zwischen Mittelfeld und Abwehr, gegen den ​SC Freiburg wurde er wieder einmal als Rechtsverteidiger eingeplant. Im Schwarzwaldstadion zeigte er eine seiner schwächsten Leistungen für den Rekordmeister. Hat er auf dem Rechtsverteidiger-Posten ausgedient?


Auf welcher Position Joshua Kimmich in der Rückrunde spielen wird, weiß der 24-Jährige vermutlich nicht einmal selbst. 14 von 25 Saisonspielen absolvierte er im defensiven Mittelfeld, seiner angestammten Position. In München entwickelte er sich einst zur Allzweckwaffe, spielte unter Pep Guardiola sogar in der Innenverteidigung und war nach dem Rücktritt von Philipp Lahm als Rechtsverteidiger gesetzt. Auf dieser Position lieferte Kimmich 35 Torvorlagen, sein extrem hoher Offensivdrang wurde lange Zeit geschätzt. In dieser Saison aber änderte sich das Bild.


Schon Niko Kovac testete ihn auf der Sechs. Der Kroate hätte im Sommer am liebsten einen Neuzugang auf dieser Position begrüßt, Wunschspieler Rodri wechselte jedoch zu ​Manchester City. Thiago allein im defensiven Mittelfeld funktionierte selten, Javi Martinez spielte überhaupt keine Rolle; also wurde Kimmich, wie schon bei der Nationalmannschaft, ins Zentrum beordert.


Dort präsentiert er sich zweikampfstark, initiiert zudem einige Angriffe mit klugen Pässen. Kimmich selbst sieht sich langfristig ohnehin als Sechser, sagte nach dem 3:0-Auswärtserfolg beim FC Schalke am zweiten Spieltag (via Sport1): "Ich kann mich da nur wiederholen: Mir gefällt es auf der Position."


Flicks Dilemma


Gegenwärtig befindet sich Hans-Dieter Flick aber in einer Zwickmühle. Anstelle von Kimmich verteidigt Benjamin Pavard auf der rechten Abwehrseite. Der Franzose rückte im Heimspiel gegen Werder Bremen jedoch zur zweiten Halbzeit in die Innenverteidigung, und begann dort auch gegen den SC Freiburg. Aufgrund der Ausfälle von Niklas Süle und Lucas Hernandez füllten Javi Martinez und Jerome Boateng bislang die Lücke neben David Alaba aus, beide Spieler gehören jedoch aufgrund enormer Tempo-Defizite zu den absoluten Schwachpunkten der Münchner Defensive. Für die offensive und riskante Spielweise von Flick sind Boateng und Martinez nicht mehr geeignet.

Joshua Kimmich

  Mittelfeld oder Abwehr? Joshua Kimmich wird sich auf einer Position etablieren müssen



Also sollte Pavard das Loch im Abwehrzentrum stopfen, Kimmich dafür wieder rechts spielen. Das klappte gegen mutige Freiburger aber nur in der Anfangsphase des Spiels, in der die Münchner klar überlegen waren und nach 16 Minuten durch Robert Lewandowski in Führung gingen. Besonders desolat war der zweite Durchgang, in dem der Sport-Club seinen Expected-Goals-Wert laut understat.com von 0,87 auf 2,14 steigern konnte. Neun Schüsse wurden in den zweiten 45 Minuten auf das Tor von Manuel Neuer abgefeuert, beste Gelegenheiten wurden vergeben. 


Flick reagierte mit der Hereinnahme von Javi Martinez, der in der 63. Minute für Thomas Müller eingewechselt wurde. Der Spanier brachte etwas mehr Stabilität im Mittelfeld, sattelfest wirkte das Münchner Gebilde aber überhaupt nicht. Es ist ein Dilemma, das Flick laut Christian Falk, Fußballchef der Sport Bild, mit einem neuen Rechtsverteidiger im Winter zu lösen versuchen will.


Konteranfälligkeit bereitet Probleme


Denn wenn Kimmich im Mittelfeld spielt, muss Pavard in der Rechtsverteidigung aushelfen, wodurch entweder Martinez oder Boateng in die Innenverteidigung rücken. Das bevorzugte Mittel der Gegner: Ein langer Ball in die Spitze, um entweder den Flügelspieler oder Mittelstürmer ins Laufduell zu schicken. Genau so erzielte Leon Bailey seine beiden Tore beim 2:1-Auswärtssieg der Leverkusener in München, genau so sorgte Bremens Torschütze Milot Rashica am Wochenende für jede Menge Gefahr. Mit Kimmich in der Viererkette geht dem Mittelfeld aber eine Menge Stabilität ab, wodurch sich noch mehr Räume für den Gegner bieten.

 

Nach den Spielen gegen Leverkusen und Borussia Mönchengladbach wirkte das Defensivverhalten auch gegen Freiburg streckenweise dilettantisch, einzig die schwache Chancenverwertung der Schwarzwälder verhinderte die fünfte Saisonniederlage. Vor dem Heimspiel gegen den wiedererstarkten VfL Wolfsburg (Samstag, 15:30 Uhr) wird Flick erneut an einigen Stellschrauben drehen müssen, um den Kontrollverlust, der sich auch gegen Bremen nach 15 Minuten ereignete, zu verhindern. 


Dafür wird Kimmich wieder im defensiven Mittelfeld spielen müssen. Pavard ist hinten rechts längst nicht so auffällig, erledigt seine Aufgaben aber solide. Der Verbund mit Kimmich, Thiago, Müller und Philippe Coutinho bedeutet Ballsicherheit, Kreativität und Aggressivität im Pressing. Wenn der Punktestand auf 33 Zähler angehoben werden soll, wird Flick daran festhalten müssen.