In der bisherigen Hinrunde lief bei ​Werder Bremen einiges schief. Oft war es eine fatale Defensivleistung oder zu wenig Zugriff auf das Spiel, die am Ende wichtige Punkte kosteten. An Trainer Florian Kohfeldt ist die aktuelle Krise auf keinen Fall komplett festzumachen, doch auch der Übungsleiter traf bisher die ein oder andere fragwürdige Entscheidung.


Kohfeldts Händchen in der Defensive

Für die schwächste Verteidigung der ​Liga ist Florian Kohfeldt nur schwer verantwortlich zu machen. In jedem Fall sollte allerdings überdacht werden, auf welches Potential der 37-Jährige Woche für Woche setzte. Zu Beginn der Saison hatte er kaum Alternativen, musste unter anderem die unstabilen Marco Friedl oder Michael Lang aufstellen. Doch nach etwa der Hälfte der Spieltage missglückte dem Trainer die Besetzung schwerwiegend.

Marco Friedl


Beispielsweise ist ihm das Festhalten an Marco Friedl anzukreiden. Auf der linken Defensivseite musste der Österreicher lange Zeit aushelfen, seine Stammposition war diese allerdings nicht. Einzig die Alternativen fehlten, um Friedl zu entlasten. Ein Systemwechsel oder ein Experiment mit einem Jugendspieler oder die etwas offensivere Variante hätten vermutlich neuen Schwung gebracht. Ebenso musste Kohfeldt im Zentrum teils knifflige Personalentscheidungen treffen.


Niklas Moisander fiel lange aus, Ömer Toprak war kaum einzuplanen. Mit Christian Groß machte Kohfeldt zu Beginn alles richtig, der Verteidiger aus der zweiten Mannschaft konnte anfangs sehr gut aushelfen. Doch die Kandidaten um Miloš Veljković oder Sebastian Langkamp zeigten sich in dieser Saison kaum bundesligareif. Oft fehlte dem jungen Trainer der Mut, einschneidende Veränderungen vorzunehmen und eine harte Linie zu zeigen.


Wohin mit Osako? Der Japaner ist kein Max Kruse!


Yuya Osako zeigte sich zu Beginn der Saison in absoluter Top-Form. Zusammen mit Neuzugang Niclas Füllkrug harmonierte der Japaner hervorragend, er wollte zum adäquaten Kruse-Ersatz avancieren. Kurz vor der Hinrunde muss Werder allerdings feststellen, dass dieser Plan nicht im geringsten aufging. 

Yuya Osako


Nach einem wochenlangen Ausfall kehrte Osako in den Angriff zurück, versuchte sich sowohl als Mittelstürmer als auch offensiver Zehner. Die letztere Position wurde vom Japaner stets favorisiert, doch die benötigten Leistungen brachte er nicht. Im Gegensatz zu Kruse ist der 29-Jährige zu anfällig und kein Garant für viele Torbeteiligungen. Kohfeldt versuchte alles, doch die Konsequenz, den Stürmer auf die Bank zu setzen, fand der Trainer bisher nicht.


Das 4-3-3 ist keine Ideallösung


Kritik muss sich Kohfeldt ebenso bei der Wahl des Systems anhören. In den überwiegenden Partien setzte der Trainer auf eine Viererkette, drei zentrale Mittelfeldspieler und drei offensive Torjäger. In der vergangenen Saison mag dieses System noch funktioniert haben, mit einem formschwachen Maximilian Eggestein und der verunsicherten Defensive, hat Werder aber ein grundlegendes Problem.


Da Sowohl die Viererkette als auch die Sechser-Position in nahezu jedem Gegenangriff Unterstützung benötigt, müssen sich Eggestein und Davy Klaassen oft ​zurückfallen lassen. Im ruhigen Spiel bekommt der SVW somit viele Situationen verteidigt, doch in eigene gefährliche Angriffssituation gelangt Werder nicht. Da das Mittelfeld bei Ballgewinn noch weit in der eigenen Hälfte hängt, erfolgt die Spieleröffnung auf die Stürmer zu selten.

Davy Klaassen


Milot Rashica oder Osako warten häufig bei Ballgewinn an der Mittellinie, erhalten aber keinen langen Ball und erwischen beim Durchstarten ein schlechtes Timing. Diese Lücke könnte mit einem weiteren Mittelfeldspieler geschlossen werden. Fungiert beispielsweise Klaassen als offensiverer Part, könnte er bei Kontern und Ballbesitzphasen mit starker Übersicht die Angreifer in Szene setzen. Die Rückkehr zu alten Werder-Raute ist also definitiv eine Überlegung wert.


Kohfeldts 6er-Problem 


Dabei begegnet Kohfeldt allerdings schon die nächste Hürde. Bekanntlich gehört die Position des defensiven Mittelfeldspielers zu den wichtigsten und aktivsten Positionen. Nuri Sahin ist durch sein Alter allerdings zu langsam, dazu fehlt ihm einiges an Robustheit. Philipp Bargfrede ist enorm verletzungsanfällig, zeigte aber gute Leistungen bei seinen Einsätzen. 

Nuri Sahin


Hier ​hätte vom Übungsleiter mehr Varianz erwartet werden können. Es einmal mit Nachwuchsspielern zu probieren oder beispielsweise Maximilian Eggestein dauerhaft auf diese Position zu ziehen, war bisher noch kein Thema. Somit blieb die Sechs weiterhin die Achillesferse und mitunter größte Schwäche der Bremer.


Der Draht zu den Spielern


Zu Saisonbeginn schien die Bremer Mannschaft vor allem durch ihre Einheit zu überzeugen​. Der Mannschaftskern blieb den Norddeutschen erhalten und Florian Kohfeldt ging mit den ersten gesammelten Erfahrungen in sein nächstes wegweisendes Jahr. Kurz vor der Winterpause scheint dieser Zusammenhalt aber mehr und mehr zu bröckeln. 

Florian Kohfeldt


Wie der kicker berichtet, würden manche Profis von ihrem Übungsleiter enttäuscht sein, andere stellen sich jetzt erst recht hinter ihren Trainer. Etwas aus dem Nichts bilden sich also zwei Mannschaftsteile, bei denen Kohfeldt zumindest bei einem den Zugriff verlieren könnte. Oft scheinen seine Anweisungen bezüglich der Standards oder offensiven Systemen nicht anzukommen, die Eggestein-Brüder oder einige Defensivspieler laufen seit Wochen ihrer Form hinterher. Sollten sich die Leistungen nicht bald steigern, könnte Kohfeldt sogar intern vor ernsten Problemen stehen.


Zu wenige Jugend forscht unter Kohfeldt


Eigentlich ist der SVW als hervorragender Ausbildungsverein bekannt, der oft und stark auf die eigene Jugendabteilung setzt. In diesem Jahr war dies zwar oft der Fall, das ganz große Vertrauen erhielt der eigene Nachwuchs allerdings nicht. Benjamin Goller muss sich trotz ansprechender Leistungen immer wieder mit der Bank zufrieden geben, die Leistungströger der zweiten Mannschaft erhalten bei den Profis keine Chance.


Klar ist: Florian Kohfeldt muss etwas ändern. ​Mehr Talente in die Mannschaft zu integrieren würde den Konkurrenzkampf anheizen und frischen Wind bringen. Es wäre nur eine von vielen Maßnahmen, aber zumindest eine Reaktion auf die anhaltende Stagnation. Kohfeldt macht bisher nicht viel grundlegend falsch, doch ohne einen echten Umbruch könnte Werder bald die Realität einholen.