Nach sieben Spielen verfestigt sich der erste Eindruck, wie der ​FC Bayern München unter Hans-Dieter Flick spielen soll. Unabhängig davon, ob der Übergangstrainer in der Winterpause abgelöst oder die Mannschaft bis zum Ende der laufenden Saison betreuen wird, wurden in den vergangenen Partien einige Grundsteine für die Rückrunde gelegt. Das betrifft besonders die Abwehr, in der ein Spieler fast tagtäglich herausragt.


Grundsätzlich ist zu Beginn festzuhalten, dass Flick das Rad nicht neu erfunden hat. Alle Spieler, die unter seiner Leitung in der Viererkette gespielt haben, haben auf den Positionen, auf denen sie eingesetzt werden, bereits Spielpraxis gesammelt. So initiierte Ex-Trainer Niko Kovac die Integration von Alphonso Davies auf dem Linksverteidiger-Posten, Benjamin Pavard agierte in der Bundesliga vom zweiten bis zum sechsten Spieltag - wie bei der französischen Nationalmannschaft - als Rechtsverteidiger und David Alaba wurde bereits von Pep Guardiola aus der Not geboren in die Innenverteidigung versetzt.


Nach den Verletzungen von Niklas Süle und Lucas Hernandez sowie der Sperre von Jerome Boateng nach dem blamablen 1:5 gegen Eintracht Frankfurt - Alaba spielte dort bereits als Innenverteidiger, Kovac wurde für diese Entscheidung allerdings gerügt - blieb Flick im Grunde nichts anderes übrig, als die Abwehrreihe in dieser Form zu übernehmen. Die einzige Änderung: Javi Martinez rückte für Boateng in die Startformation.


In der Rückrunde wird Hernandez zurückkehren, der Rekordtransfer erlitt beim 3:2-Erfolg in der Champions League gegen Olympiakos Piräus eine Teilruptur des Innenbandes im Knie. Verändern dürfte sich die Viererkette aber kaum. Das hängt mit drei bestimmten Faktoren zusammen.


Boateng und Martinez: Deutliche Defizite


Einerseits wurde in den vergangenen Spielen deutlich, dass Boateng und Martinez das nötige Tempo abgeht. Gegen ​Bayer Leverkusen​Borussia Mönchengladbach und auch gegen Tottenham Hotspur wurde es insbesondere bei langen Bällen brenzlig. Beide spielten zwar erst gegen die Spurs miteinander - gegen Leverkusen stand Martinez in der Anfangself, in Gladbach Boateng -, aber selbst, wenn nur einer von ihnen auf dem Platz steht, werden Tempo-Defizite deutlich.

Lucas Hernandez

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Daher ist zu erwarten, dass Hernandez in die Innenverteidigung rücken und Boateng und Martinez ablösen wird. Somit würde Alaba weiterhin ein integraler Bestandteil bleiben. Der Österreicher verfügt über ein sehr gutes Positionsspiel, läuft dank seiner Geschwindigkeit viele Bälle ab und scheut in Zweikämpfen nicht zurück. Der Aushilfs-Innenverteidiger überzeugt schlichtweg auf dieser Position; da Süle erst in der kommenden Saison zurückkehren wird, wäre es wenig verwunderlich, wenn er in der Innenverteidigung bliebe.


Wer spielt neben Hernandez?


Dann würden jedoch zwei Linksfüßer im Zentrum agieren. In der Regel bevorzugen Trainer je einen Links- und einen Rechtsfuß, um das Angriffspressing des Gegners sauber zu überspielen. Bei zwei Links- oder Rechtsfüßern gestaltet es sich einfacher, einen unkontrollierten, langen Schlag zu provozieren, indem der aufbauende Spieler so angelaufen wird, dass er das Spiel über seinen schwächeren Fuß eröffnen muss. 


Eine Möglichkeit, dies zu überbrücken, wäre das Abkippen des defensiven Mittelfeldspielers, der sich zwischen die Innenverteidiger fallen lässt und sich am Aufbau beteiligt. Alternativ könnte Pavard wieder in die Innenverteidigung rücken und Kimmich als Rechtsverteidiger agieren; der deutsche Nationalspieler dürfte aber weiterhin auf der Sechs gesetzt sein. 


Davies zahlt das Vertrauen zurück


Abgesehen von der Rolle des rechten Innenverteidigers besteht bei den Münchnern aber kaum Bedarf, etwas zu verändern. Das liegt auch an den sehr guten Leistungen von Alphonso Davies. Der Kanadier überzeugt mit seinem ungeheuerlichen Tempo und seiner Robustheit im Zweikampf, spult in jeder Partie unzählige Kilometer an der Seitenlinie ab und schaltet sich in Angriffe ein, indem er die Laufwege des Flügelspielers kreuzt, bei hohen Bällen am Strafraumrand lauert oder sich eigenständig durch die Abwehrreihen dribbelt. Dass ihm sich dabei bis zu drei Gegenspieler in den Weg stellen, beeindruckt ihn wenig. 

Selbstverständlich ist Davies' Spiel alles andere als fehlerfrei. Was aber positiv stimmt, ist die Tatsache, dass er sich nach Fehlern nicht hängen lässt. Der 19-Jährige zieht sein Spiel über 90 Minuten durch, wird von Spiel zu Spiel mutiger und selbstbewusster. Selbst in den Schlussphasen setzt er zum Sprint an und bietet sich regelmäßig an.


"Er tut uns im Moment wirklich sehr sehr gut", schwärmte Flick laut ​Sportbuzzer, "er hat nun sieben Spiele in Folge gespielt. In der Defensive ist er für uns wegen seiner Schnelligkeit sehr wichtig." Gewiss ist auch Davies nicht unersetzlich, aber wenn seine Leistungen nicht sonderlich abfallen, gibt es kaum einen Grund, ihn nicht weiterhin spielen zu lassen.


Dementsprechend könnte sich der FC Bayern defensiv mit Pavard, Hernandez, Alaba und Davies aufstellen. Eine bereits genannte Alternative wäre Kimmich, Pavard, Hernandez und Alaba/Davies. Diese Variante wäre dann aber abhängig von der Konstellation im Mittelfeld. Kimmich und Thiago wussten im Verbund gegen die Spurs zu überzeugen, aber es bietet sich genügend Spielraum für Flick. An Personal mangelt es dem FC Bayern gewiss nicht.