Im Sommer wurden die Verantwortlichen des ​FC Bayern von einigen Teilen der Fans in den sozialen Medien für die langatmige Kaderplanung in der Sommer-Transferperiode gerügt. Kurz vor Schluss kamen die Transferaktivitäten in Gang, der Kader ist seither gut bestückt. Die Entwicklung unter Hans-Dieter Flick hat aufgezeigt, dass im Winter kaum nachjustiert werden muss. 


Es stimmt, dass sich die Klubführung mit ihren ungewohnt offensiven Äußerungen bezüglich möglicher Neuzugänge in der Saisonvorbereitung ins eigene Bein geschossen hat. Aber sie hat ihr Versprechen eingehalten. Nach der Verletzung von Leroy Sané, die einen Transfer endgültig zunichte machte, wurde mit Ivan Perisic ein erfahrener Flügelspieler kostengünstig von Inter Mailand ausgeliehen; Philippe Coutinho war der versprochene Starspieler, auf den die Fans hofften und mit Mickael Cuisance kam nebenbei ein hochveranlagtes Talent, das aber erst noch lernen muss, dass die fußballerische Gabe allein nicht ausreicht.


Die Transfers von Benjamin Pavard und Lucas Hernandez wurden schon im Frühjahr angekündigt, auch war klar, dass mit Fiete Arp ein weiteres Talent zu den Bayern wechseln würde. Auch wenn Cuisance, Arp und auch Coutinho, der sein Weltklasse-Potenzial im ersten Halbjahr zu selten ausschöpfte, noch keine wirkliche Rolle gespielt haben, so lässt sich sagen, dass der Kader qualitativ wie - mit Ausnahme der Sturmspitze - quantitativ gut aufgestellt ist.


Breite Abwehr beim FC Bayern


In der Abwehr lassen sich viele Löcher mit dem vorhandenen Potenzial stopfen. Da Joshua Kimmich verstärkt ins defensive Mittelfeld rückt, schließt Pavard die Lücke und mimt wie bei der französischen Nationalmannschaft den Rechtsverteidiger. In der ​Bundesliga erzielte der 23-Jährige zwei Tore, bereitete zwei weitere Treffer vor und steht unter Flick einige Meter höher als noch unter Niko Kovac. Neben seinen Qualitäten in der Arbeit gegen den Ball beteiligt er sich so auch immer häufiger am Offensivspiel, wodurch Kimmich sich womöglich an seine ursprüngliche Position im Mittelfeld gewöhnen kann. Auf dem Papier war Kimmich mit seinen zahlreichen Vorlagen auffälliger, doch auch Pavard erledigt seine Aufgaben sehr zuverlässig.

Lucas Hernandez

Rekordtransfer: Für Lucas Hernandez legte der FC Bayern satte 80 Millionen Euro auf den Tisch



Für die Innenverteidigung stehen nominell Lucas Hernandez, Niklas Süle und Jerome Boateng zur Verfügung. Aufgrund der Ausfälle von Hernandez (Teilruptur des Innenbandes im Sprunggelenk) und Süle (Kreuzbandriss) rückt Javi Martinez ins Abwehrzentrum, und auch David Alaba, der dort einst unter Pep Guardiola spielte, hilft seit einigen Wochen aus. Ist Hernandez fit, so bieten sich mit ihm, Alaba und neuerdings Alphonso Davies gleich drei Optionen für die Rolle des Linksverteidigers. 


Große Konkurrenz im Mittelfeld


Das Gedrängel im Mittelfeld ist so groß wie vor ein paar Jahren. Auf der Sechs konkurrieren Kimmich und Thiago um den freien Posten, davor variiert der Konkurrenzkampf je nach System. Bei einem 4-3-3 oder 4-1-4-1 kommen Leon Goretzka, Corentin Tolisso, Thomas Müller und Philippe Coutinho für die aufgerückten Mittelfeld-Positionen in Frage, bei einem 4-2-3-1 rangeln sich Thiago, Javi Martinez und Tolisso um den zweiten Platz auf der Sechs. Sollte sich Cuisance eines Tages bei den Profis durchsetzen, käme ein weiterer Konkurrent hinzu; und sollten die Bayern-Bosse im Sommer Adrian Fein vom ​Hamburger SV zurückbeordern, würde beinahe wieder ein Überangebot im Mittelfeld herrschen.

Philippe Coutinho

 Kein x-Faktor: Philippe Coutinho bleibt hinter den Erwartungen zurück



Im offensiven Mittelfeld genießt Thomas Müller aktuell den Vorzug vor Philippe Coutinho. Der Ur-Bayer profitiert unheimlich vom Trainerwechsel, in vier Bundesligaspielen unter Flick verzeichnet er fünf Assists und ein Tor. Müller ist ein Aktivposten im Pressing und genießt die Freiheiten, die ihm der langjährige Assistent von Bundestrainer Joachim Löw im letzten Drittel gewährt. Flick kennt Müllers Qualitäten in- und auswendig und weiß sie geschickt einzusetzen, weshalb Coutinho meist nur ein Platz auf der Bank oder dem ungeliebten linken Flügel bleibt.


Der FC Bayern braucht Tore


Auch auf den Flügeln besteht kein wirklicher Nachholbedarf, mit Serge Gnabry, Kingsley Coman, Perisic, Davies und Coutinho ist genügend Personal vorhanden. Aber der derzeitige Kader besitzt ein großes Problem: Außer Robert Lewandowski gibt es keinen Spieler, der regelmäßig trifft. Die Verpflichtung eines weiteren Stürmers würde aufgrund der herausragenden Quote des Polen (22 Pflichtspiele, 27 Tore) keinen Sinn ergeben, an Lewandowski ist einfach kein Vorbeikommen. Selbst Sandro Wagner, der sich seiner Rolle bei der Rückkehr im Januar 2018 bewusst war, brach nach nur einem Jahr seine Zelte ab und wechselte nach China. Die Verpflichtung eines torgefährlichen Offensivspielers, der auf den Flügeln oder der Zehn spielen könnte, wäre naheliegend; dass Wunschspieler Leroy Sané bereits im Winter kommt, ist allerdings unwahrscheinlich.


Gewiss hat der ein oder andere Spieler aus unterschiedlichen Gründen mit Leistungsschwankungen oder einem Formtief zu kämpfen, und jeder Spieler(-typ) hat seine Vor- und Nachteile. Seit der Amtsübernahme von Flick, der die Mannschaft vorerst bis zur Winterpause betreuen wird, ist aber wieder deutlich geworden, welche Qualität der Kader besitzt. Das überwiegend flüssige Kombinationsspiel und saubere (Gegen-)Pressing erinnert an die Zeiten von 2012 bis 2016. Klar ist aber auch, dass Flick in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit die Uhren nicht wieder auf Null stellen kann und sich die Bayern von Sieg zu Sieg zaubern. 


Verglichen mit Kovacs letztem Pflichtspiel in Frankfurt wurde die Mannschaft auf links gekrempelt. Gibt man ihr ein taktisches Korsett, das zu ihr passt, marschiert sie auf kurz oder lang wieder durch die Bundesliga. Dafür wird sie jedoch auch das verloren gegangene Selbstverständnis zurückerlangen müssen - und das ist mehr eine Frage des Kopfes denn der Qualität.


FC Bayern muss Kader erst im Sommer optimieren


Die einzige Baustelle hätte die Abwehr sein können. Da Hernandez im neuen Jahr aber zurückkehren wird und nicht davon auszugehen ist, dass der Klub einen Spieler im Januar abgibt, herrscht allerdings auch dort kein wirklicher Nachholbedarf. Erst im Sommer dürfte der Kader weiter optimiert werden. Dann stehen die Personalien Javi Martinez, Jerome Boateng und Philippe Coutinho wahrscheinlich auf dem Prüfstand, während Medienberichten zufolge im Hintergrund weiter an den Transfers von Sané oder Kai Havertz gearbeitet werden könnte.