Unter Hans-Dieter Flick hat der FC Bayern München wieder in die Erfolgsspur gefunden. Vier Siege in Serie, dazu kein einziges Gegentor für Manuel Neuer. Die "ungeheuerliche" Serie, wie sich Karl-Heinz Rummenigge auf dem Bankett nach dem Champions-League-Spiel bei Roter Stern Belgrad freute und gleichzeitig mahnte, ist ein gutes Omen für den restlichen Saisonverlauf. Wie gut die Bayern wirklich sind, lässt sich allerdings erst in den nächsten Wochen feststellen.


2:0, 4:0, 4:0, 6:0 - solche Ergebnisse hätte man dem Rekordmeister nach den blamablen Auftritten im Herbst nicht zugetraut. Duselten sich die Münchner vor wenigen Wochen noch zu 2:1-Siegen gegen Union Berlin oder dem VfL Bochum, so überzeugen sie derzeit auf ganzer Linie. Nötig dafür war das taktische Korsett aus koordiniertem Pressing, geringeren Abständen im Mittelfeld und höher positionierten Außenverteidigern, das Flick den Spielern umschnürte.  


Nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Art und Weise beeindruckt. "Ich glaube, das Wichtigste ist die Spielqualität, und alle, die hier im Saal sind, haben Spaß am Spiel unserer Mannschaft", schwärmte Rummenigge nach dem 6:0 über Belgrad, gerichtet an Flick schloss er die Lobeshymnen mit Lorbeeren ab: "Dazu möchte ich Dir und deinen Kollegen sehr herzlich gratulieren" (Quelle: ​kicker).

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Interimstrainer Hansi Flick hält die Bayern bei bester Laune



Doch Rummenigge weiß, welche Aufgaben noch bis zur Winterpause warten. Man dürfe trotz der positiven Resultate "nicht in dramatisch große Euphorie verfallen", denn in der ​Bundesliga befindet sich der Serienmeister nur auf dem dritten Tabellenplatz - und hat jetzt zwei schwere Gegner vor der Brust.


Doppelter Härtetest


Am Samstag tritt ​Bayer Leverkusen. Trotz schwankender Resultate ist die Werkself ein brandgefährlicher Gegner, die sich im Februar mit 3:1 durchsetzen konnte. Aktuell liegt Leverkusen auf dem neunten Tabellenplatz und hat mit Ausnahme von Bayern und Schalke 04 gegen alle Mannschaften gespielt, die in der Tabelle besser dastehen. Gewinnen konnte man in diesen Duellen lediglich gegen den VfL Wolfsburg, neben Unentschieden gegen RB Leipzig, dem SC Freiburg und 1899 Hoffenheim setzte es Niederlagen gegen Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach.


Das aggressive Pressing und das schnelle Umschaltspiel kann jeden Gegner vor Probleme stellen. Die Bayern, die unter Flick aus dem eigenen hohen Pressing heraus Angriffe initiieren und Ballkontrolle gewinnen wollen, werden sich demzufolge darum bemühen müssen, Leverkusen in Schach zu halten. Mit dem gesammelten Selbstvertrauen ist ein Sieg vor heimischer Kulisse nicht das unwahrscheinlichste Szenario, doch eine Woche später folgt der wirkliche Härtetest.

Angstgegner Gladbach


Dann wartet ​Borussia Mönchengladbach. Dass der Spitzenreiter zu knacken ist, haben Dortmund, Leipzig und überraschend auch Union Berlin bewiesen. Dafür benötigt es allerdings über 90 Minuten Leidenschaft, Kampf und Ausdauer. Die variablen Fohlen drücken jeder Mannschaft eine intensive Partie auf, allein in den letzten drei Bundesligaspielen spulten sie im Schnitt 122,3 Kilometer ab. Im Mittelfeld dürften sich Denis Zakaria und Joshua Kimmich in intensiven Zweikämpfen gegenseitig die Grenzen aufzeigen, auch der bullige Sturm um Marcus Thuram und Alassane Plea ist noch einmal eine andere Hürde für die Bayern, die im letzten Drittel allen voran den bislang überragenden Yann Sommer überwinden müssen. 


Das viel größere Problem: Ausgerechnet die Borussia weiß, wie man den Bayern wehtut. Im Oktober vergangenen Jahres feierte sie einen 3:0-Sieg in München, insgesamt setzte sie sich viermal in den vergangenen zehn Spielen durch.


Bayern vs. Gladbach - die Bilanz der letzten 10 Bundesliga-Duelle

​Siege BayernSiege Gladbach​Unentschieden​Höchster Sieg​
​4 4​2​​Bayern 5:1 Gladbach
(14.04.2018, 02.03.2019)


Gegenüber Sport1 sprach Kimmich von "ein, zwei schwierigen Spielen" in der Liga - genau die stehen jetzt vor der Brust. Sie sind der Gradmesser vor dem letzten Gruppenspiel in der ​Champions League, in dem die Münchner Tottenham Hotspur empfangen. Das 7:2 aus dem Hinspiel besitzt keinerlei Aussagekraft mehr, denn auch bei den Spurs sitzt ein neuer Trainer auf der Bank - José Mourinho.


Sollten die Ergebnisse in diesen drei Spielen nicht stimmen, ist davon auszugehen, dass die Stimmung wieder einen kleinen Knick erhält. Im Tagesgeschäft Fußball zählen Erfolge der vorherigen Wochen nur wenig. Umso wichtiger ist es für Flick, die Mannschaft von Spiel zu Spiel vorbereiten und alles, was davor passiert ist und danach folgen könnte, auszublenden. Sollte die Mannschaft auch in diesen Spielen überzeugen und die übrigen Hürden Bremen, Freiburg und Wolfsburg überwinden, dann erscheint es nicht ausgeschlossen, dass Flick bis zum Saisonende bleiben darf.

Die Saison muss nicht gerettet werden


Und dann ginge es darum, die Saison bestmöglich zu beenden. Soll heißen: In der Bundesliga soll Titel Nummer 30 her, im besten Fall auch der 20. Triumph im DFB-Pokal. Wie weit es in der Champions League geht, wird vom letzten Spieltag und der Achtelfinal-Auslosung abhängen, denn als Gruppensieger können die Bayern wie im Vorjahr auf Schwergewichte treffen. Real Madrid ist schon jetzt ein potentielles Los, weitere Hochkaräter wären Atlético Madrid, Titelverteidiger FC Liverpool, SSC Neapel oder Inter Mailand. 


Es geht also keinesfalls darum, die Saison zu retten. Stattdessen will der FC Bayern seinen Zielen Schritt für Schritt näher kommen. Dafür war der Trainerwechsel notwendig - und wenn es so weitergeht wie bisher, kann eine langfristige Lösung bis zur neuen Saison warten. Dass die Trainersuche dennoch fortgesetzt wird, zeigt, dass die Verantwortlichen auf alles vorbereitet sein wollen, damit sich der Fehler aus dem Frühjahr 2018 nicht noch einmal wiederholt.