​Der FC Bayern präsentiert unter Hansi Flick wieder die Rekordmeister-Fratze. Erfolgreich, souverän und unerbittlich zeigte sich der FCB auch in Düsseldorf. Flick wird für die Münchener immer mehr zum Glücksfall - und wird seinem Nachfolger eine schwere Bürde hinterlassen. Es droht das "Heynckes-Syndrom" an der Säbener Straße.


Ja, der ​FC Bayern ist wieder da. Das denken sich die Anhänger des Rekordmeisters nach den drei Partien unter Hansi Flick als Chefcoach. Und womit? Mit Recht! Drei Siege, zehn zu null Tore - und viel wichtiger, in einer Art und Weise, wie man sich das an der Isar vorstellt. Das Mia san Mia ist zurück in München. ​Der Sieg in Düsseldorf war in seiner Souveränität einer, der an frühere Glanzzeiten zurückerinnert. 


Klar, die Marge des Aufschwungs ist bislang noch sehr klein. Aber auch klar, die Mannschaft präsentiert unter Flick ein ganz anderes Gesicht als in den Wochen zuvor. Der (Interims-)Coach begeistert mit seiner lockeren, offenen und sympathischen Art - und zwar Spieler, Fans und Verantwortliche in gleichem Maße.


Flick zeigt Profil - und impft den Bayern Souveränität ein


Doch Flick ist mehr als nur die allseits gemochte Aushilfskraft. Er hat es geschafft, den Spielern wieder dieses Bayern-Gen einzuimpfen. Eine stabile Defensive, die nötige Effektivität im Spiel nach vorne und eine Arbeit gegen den Ball, die den Ansprüchen des FC Bayern entspricht. Offensiv, nach vorne verteidigen soll die Mannschaft - und tut das auch. Thomas Müller, DER Gewinner unter Flick, formuliert das treffend: "Wenn man nicht nach hinten, sondern nach vorne läuft, um Defensivaktionen zu fahren, dann belohnt man sich auch als Offensivspieler mal mit einem gewonnen Zweikampf und dann macht es auch Spaß."


Flick schreckt dabei auch nicht vor Namen zurück. ​Ein Thiago, vormals gesetzt unter Kovac, ist nur noch Reserve. Trotz der Veränderungen gegen Düsseldorf, blieb der spanische Ballkünstler außen vor. Flick setzte lieber auf Tolisso neben Kimmich, eben weil der Franzose besser ins Gegenpressing-System passt.


Wie smart der neue Chef an der Seitenlinie der Bayern die Situation handelt, zeigte sich schon gleich zu Beginn seiner Amtszeit. Hermann Gerland wurde zurückgeholt - eine Ikone des Klubs, die von den Anhängern hoch geschätzt wird. ​Ein Youngster-Quartett wurde zu den Profis hochgezogen. Flick bedient damit die Hoffnung der Fans, dass endlich mal wieder Spieler aus dem eigenen Stall den Sprung schaffen.


Gerland verglich Flick auch gleich schon mit Jupp Heynckes. Dieser nahm das nicht als Bürde auf, sondern machte einfach so weiter. Der Umgang mit den Spekulationen um den neuen Trainer: ganz entspannt. Es interessiert Flick einfach nicht - oder er verkauft es zumindest sehr gut in der Öffentlichkeit. Vielmehr konzentriert er sich auf das, was er beeinflussen kann.

​​Und das gelingt bislang grandios. Für den FC Bayern wird Flick damit ein Glücksfall. Die Bosse haben alle Zeit der Welt, eine neue, langfristige Lösung zu suchen. Losgelöst davon, wie die auch heißen mag - warum sollte man die Trainerfindung überstürzen, wenn sich die Mannschaft unter Flick in genau die richtige Richtung entwickelt?


Der Neue wird an Flick gemessen


Doch damit einher geht auch eine gewisse Bürde. Der Großteil der Mannschaft begrüßt Flicks neue Rolle. Unter dem Coach spielt der FCB erfolgreich und überzeugend. Man stelle sich vor, bis zum Winter geht das so weiter. Die Vergleiche mit Heynckes oder auch mit Ottmar Hitzfeld würden nicht weniger werden. Schon wenn der neue Trainer zur Rückrunde kommt, wird er unweigerlich an Flick gemessen.


Einige schlechte Spiele oder gar Niederlagen, und schon wäre die Position des Neuen wieder geschwächt. Natürlich kann man das nicht vorhersehen, doch der Druck auf den Flick-Nachfolger wird mit jedem Erfolg des Interimscoaches nicht kleiner! So erging es schon Pep Guardiola in der ersten Post-Heynckes-Ära. 


Der Star-Coach war aber allein schon aufgrund des Namens schier unantastbar. An den riesigen Erfolg des Triple-Jahres kam der Katalane aber auch nicht heran - auch wenn er den Spielstil des Rekordmeisters auf eine neue Ebene brachte.


Carlo Ancelotti - ebenfalls ein Welttrainer - hatte es nach Heynckes und Guardiola noch schwerer. Am Ende scheiterte der Italiener, Heynckes übernahm erneut und es lief wieder. Doch das "Heynckes-Syndrom" wiederholte sich und traf Niko Kovac noch härter. Der Ex-Trainer hatte einfach noch nicht diesen Namen wie seine prominenten Vorgänger.


Die Gefahr des "Heynckes-Syndroms" für den Flick-Nachfolger


Und so steht der FC Bayern in der Trainersuche vor einem nicht unwichtigen Problem: Es braucht einen Coach, der wieder eine Ära prägt. Doch wer kommt dafür infrage? Alle gehandelten Kandidaten sind ohne Frage Top-Trainer. Doch eine Aura wie ein Heynckes oder Guardiola können sie einfach (noch) nicht haben.


So kommt es auf zweierlei Dinge an, ob dem FCB nach Flick wirklich ein "Heynckes-Syndrom" droht: Erstens, wie erfolgreich verläuft die Zeit unter Flick? Je erfolgreicher desto größer die Syndrom-Gefahr! 


Zweitens, wie ist der Start des neuen Trainers? Je besser er beginnt und je überzeugender sein Team abliefert, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass er den Verein und seine Anhänger hinter sich bringt.


Genau das ist es, was man in München sucht und braucht. Einen Trainer, um den es von Beginn an überhaupt keine Fragezeichen gibt - so wie es unter Heynckes und Guardiola der Fall war, und so wie es in gewissem Maße jetzt auch unter Flick ist! Am Ende muss man fast zu dem Schluss kommen, dass der Mann für die neue FCB-Ära vielleicht schon an der Seitenlinie steht....